...eine excellente Einführung in das Stück
Musikdrama (Melodrama) in drei Akten von
Giuseppe Giacosa und Luigi Illica nach dem Drama
"La Tosca" von Victorien Sardou.
Musik: Giacomo Puccini
Personen:
Floria Tosca, berühmte Sängerin (Sopran)
Mario Cavaradossi, Maler (Tenor)
Baron Scarpia, Chef der Polizei (Bariton) - Cesare Angelotti, einstiger Konsul der Republik Rom (Baß) - Messner (Baß) - Spoletta, Polizeiagent (Tenor) - Sciarrone, Gendarm (Baß) - Ein Schließer (Baß) - Ein Hirt (Knabenstimme) - Ein Kardinal (stumme Rolle) - Der Staatsprokurator (stumme Rolle) - Roberti, Gerichtsbüttel (stumme Rolle) - Ein Schreiber (stumme Rolle) - Ein Offizier (stumme Rolle) - Ein Sergeant (stumme Rolle).
Kapellsänger, Chorschüler, Meßdiener, Soldaten, Sbirren, Geistliche, Ordensbrüder, Bürger, Volk.
Ort: Handlungsort.
Zur Musik Puccinis:
Erfolg - Qualität - Modernität
Puccini, der erfolgreichste unter den großen Opernkomponisten, deren Schaffen dem 20. Jahrhundert angehört, scheint heute, über siebzig Jahre nach seinem Tode, immer erfolgreicher zu werden. Waren bis vor einiger Zeit nur vier seiner Werke ("La Bohème", "Tosca", "Madame Butterfly" und "Turandot") auf den Bühnen der Welt heimisch, so werden heute fast alle seiner Opern aufgeführt. Zu diesem Erfolg ist jetzt auch die Anerkennung der Fachwelt gekommen.
Der war nämlich bisher die große Publikumsgunst verdächtig. Vertreter der "neuen Musik" nahmen ihn gar nicht zur Kenntnis. Natürlich ist nicht jede eingängige Musik von hoher Qualität, doch seit dem Auftreten von Komponisten wie Britten, Henze, Prokofieff, Schostakowitsch oder Glass (Minimalismus) bequemte man sich doch zu der Einsicht, daß es auch Musik unserer Zeit gibt, die unseren Hörgewohnheiten nicht allzu fern ist, mit anderen Worten: die man ohne weiteres hören und verstehen kann, ja, die man sogar gern hört, wie zum Beispiel bei Puccini.
Aber nun Puccini gleich als modernen Komponisten anzusprechen, geht trotzdem vielen gegen den Strich. Allzu leicht verständlich, allzu eingängig, allzu schön scheint diese Musik zu sein. Das dürften aber keine Kriterien sein. Wer uns Probleme, die uns interessieren, näherbringt, und zwar in einer Form, die künstlerischen Ansprüchen genügt, der ist eben zeitgemäß. Nun, bei näherem Hinhören kann man erkennen, daß Puccinis Musik zwar effektvoll, bühnenwirksam ist, daß sie aber mit platter Effekthascherei wie bei vieler Schlager- oder mancher Operettenmusik nichts zu tun hat.
Hier spricht und komponiert ein Mensch der modernen Zeit: Er hatte ein Faible für Motoren und Autos, überhaupt für alles Technische. In Torre del Lago unterhielt er eine kleine Privatflotte von drei Motorbooten und bastelte an Radios. Wie Gustav Mahler verachtete er die Großstadt und sehnte sich vergeblich nach dem eins sein mit der Natur. Nervöse Sensibilität und zweiflerische Skepsis weisen ihn als Teilhaber unseres Lebensgefühls aus.
Gut, für ihn, den Italiener, ist die ausdrucksvolle Gesangslinie unabdingbar: "... keine Musik kann ohne Melodie existieren", aber ist das ein Grund, die Modernität seiner anderen musikalischen Ausdrucksmittel zu überhören? Sicher nicht! Insbesonders da sich Puccinis hochqualifizierte Kunstmittel dem Gutwilligen ohne weiteres erschließen. Gerade bei "Tosca" fällt zum Beispiel auf, wie aggressiv das Orchester - im Gegensatz zum Herkömmlichen - klingt, wie rücksichtslos die Harmonik mit dramatischen Akzenten die Handlung vorwärts treibt (z.B. die drei Akkorde des Scarpia-Motivs).
Mit kompromißloser Deutlichkeit finden Folter, Fast-Vergewaltigung, Totschlag, übersteigerte Raserei, Hinrichtung und Selbstmord ihre musikalische Gestaltung. Dies wird aber nicht veristisch (musikalisch-naturalistisch) dargestellt wie dies Mascagni ("Cavalleria rusticana") oder Leoncavallo ("Der Bajazzo") tun, sondern Puccini findet immer musikalische Mittel (Instrumentierung, Harmonisierung), seine Schilderung stilistisch zu überhöhen. Beethovens Forderung "weniger Malerei, mehr Ausdruck der Empfindung" klingt an.
Puccini war genial im Erfinden ausdrucksstarker Melodien, trotzdem schränkt er deren expansive Nutzung ein, ein knapper, spannungsgeladener Dialog treibt die Handlung vorwärts, so daß gelegentlich von moderner Filmmusik gesprochen wurde. Tosca, laut Personenverzeichnis eine Sängerin, hat in der ganzen Oper nur eine Arie, und die zwei Arien Cavaradossis sind so kurz, daß man besser von ariosen Monologen sprechen sollte. Modern im Gesamtkonzept sind auch die zahlreichen wirkungsvoll eingesetzten Kontraste. Sie unterbinden sich allmählich entwickelnde Handlungsmuster. Selbst atemlos dahineilende dramatische Sequenzen werden noch abgeschnitten und stehen als stimmungsvolle, aber nicht ausgedehnte Sequenzen dagegen. Subtile Behandlung von Harmonie und Orchester rücken solche Szenen in die stilistische Nähe des Impressionismus (Debussy, Ravel).
Spannender historischer Hintergrund des Musikdramas:
Unser Musikdrama spielt in der Zeit, als sich die freiheitlichen Ideen der Französischen Revolution mit Windeseile in Europa ausbreiteten. Besonders in Italien erhofften sich aufgeklärte Bürger viel von den Errungenschaften der Revolution. Rückständige, monarchistische Regierungsformen, gepaart mit Fremdherrschaft, unterdrückten jedes freie Leben und Denken. So hatte Napoleon, als er mit seinen Revolutionstruppen in Italien eindrang und die verblüfften Österreicher vor sich her trieb, seine Siege nicht nur seinem Feldherrntalent und seiner "jugendlich ungestümen Armee" (Stendhal), sondern auch der Sympathie vieler Italiener zu verdanken. Diese wünschten sich die Vertreibung der Habsburger, unter deren Hegemonie das Land in viele kleine Königreiche, Herzogtümer und sonstige Herrschaften zersplittert war.
Kaum war Bonaparte in Norditalien eingefallen, brach in Reggio die Revolution los, das Herrscherhaus d'Este wurde verjagt. Aus diesem und anderen Herzogtümern, einigen Städten und der Lombardei wurde die Cisalpinische Republik errichtet, denen bald die Republiken von Venedig und Rom folgten. Aus Paris schien die Staatsidee der alten Römischen Republik zurückgekehrt, umgeben mit der Glorie der Humanität. Die Stimmung, die unter fortschrittlichen Geistern herrschte, beschreibt Stendhal in der "Kartause von Parma" treffend: "Es wurde Mode, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Man sah ein, daß man /.../sein Vaterland lieben und heldenmütige Taten vollbringen mußte."
Der Maler Mario Cavaradossi und Cesare Angelotti, ein ehemaliger Konsul von Rom, zwei der Hauptpersonen des Musikdramas, sind also keineswegs übertrieben heldisch gezeichnete Opernfiguren, sondern historische Gestalten. Die stoische Härte, mit der Cavaradossi die Folter erträgt, die Verachtung, mit der Angelotti sein Leben wegwirft, entsprechen wirklich den Anschauungen jener Männer, von denen die damalige Geistesgeschichte geprägt wurde.
Als sich die Franzosen zeitweilig in den Norden zurückziehen, organisieren die habsburgisch-bourbonischen Herrscher Ferdinand IV., König von Neapel und seine Frau Maria Carolina (eine habsburgische Prinzessin, die im II. Akt des Musikdramas erwähnte "Königin") den Widerstand. Mit einer russisch-türkischen Armee, also mit Ungläubigen, Schismatikern und Ketzern, zieht man gegen Rom, um den Kirchenstaat zu restaurieren und die reaktionären, monarchistischen Interessen durchzusetzen. Rom wird erobert, Republikaner werden zu tausenden ohne richterliches Urteil in den Kerker geworfen, viele nach entsetzlichen Foltern umgebracht.
Lord Nelson, der spätere Sieger von Trafalgar (1805), der Englands Interessen vertritt, spielt bei diesem Blutbad eine unrühmliche Rolle. Private Haßgelüste und politische Racheakte verbinden sich unglücklich. So wird Cesare Angelotti, der Konsul der ehemaligen Republik, nicht nur wegen seiner politischen Überzeugungen eingekerkert, sondern auch, weil er zu viel von Lady Hamilton, der Geliebten des Admirals weiß. Die war nämlich damals mit dem englischen Gesandten am Hof von Neapel verheiratet.
Baron Vitellio Scarpia, eine der Hauptfiguren unseres Musikdramas, setzt in Rom brutal und rücksichtslos die Interessen der Monarchie mit seiner Geheimpolizei durch. Da kehrt Napoleon nach Italien zurück. Er hat inzwischen den Ägyptischen Feldzug hinter sich gebracht und ist in Paris Erster Konsul geworden. Es kommt am 17. Juni 1800 zu der mörderischen Schlacht von Marengo (II. Akt), die zunächst für Napoleon verloren scheint, aber dann schlägt er die Österreicher vernichtend.
Aus der Geschichte auf die Opernbühne:
Am Vortage der eben erwähnten Schlacht von Marengo setzt das Drama "La Tosca" von Victorien Sardou (1831-1908) ein. Er hielt sich an die geschichtliche Situation und stützte sich auch bei den weiteren Hauptrollen, dem Liebespaar, auf historische Personen, deren Lebensläufe er recherchierte. Floria Tosca, sie muß um 1780 geboren sein, stammte aus einem Dorf bei Verona. Das früh verwaiste Hirtenkind lernte bei Benediktinern lesen und schreiben, sang im Kirchenchor mit.
Als sie 16 Jahre alt war, übertrug man ihr die Sopransoli in den Messen. Domenico Cimarosa (1722-1801), der Komponist der komischen Oper "Die heimliche Ehe" hörte sie und wollte sie für die Oper ausbilden lassen. Die Ordensbrüder wollten jedoch ihren Schützling nicht "dem Teufel ausliefern". Aber Cimarosa war ein couragierter Mann. Er blieb hartnäckig und erwirkte vom Papst Pius VII., daß die frommen Brüder Floria freigaben. Cimarosa war übrigens, weil er 1778 in Venedig bei Revolution und Gründung der Republik mitgewirkt hatte, zum Tode verurteilt worden. Nur sein Ruhm rettete ihn. Vier Jahre später debütierte Floria Tosca und sang bald an der Scala in Mailand. Der junge Maler Mario Cavaradossi hörte und sah Floria in Rom im Teatro Argentina, suchte und fand ihre Freundschaft. Auch er war im Umfeld der Revolution aufgewachsen: Sein Vater war nach Paris ausgewandert, wo er Umgang mit Encyklopädisten (Diderot) und Revolutionären (d'Alembert)pflegte. Mario studierte bei dem berühmten Maler der Revolution und Napoleons, Jacques-Louis David ("Der sterbende Marat" 1793, "Die Krönung Napoleons I." u.a.).
David war auch Mitglied des revolutionären Nationalkonvents. Als der junge vermögende Cavaradossi 1799 nach Rom kam, um eine Erbangelegenheit zu regeln, waren er und Floria bereits ein Liebespaar. Sie beschlossen, bis zum Ende der Spielzeit in Rom zu bleiben und dann nach Venedig zu gehen.
Sardou verschaffte sich nicht nur über Personen Informationen , sondern auch über Ereignisse in Rom im Jahre 1800. Er schöpfte aus unbekannten historischen Quellen, nutzte in Archiven lagernde Memoiren und wertete verschiedenartige Zeitungsnachrichten und -notizen aus. Aus alledem schuf er ein aufregendes Drama für Sarah Bernhardt, die in der Titelrolle wahre Triumphe feierte. Puccini sah die große Schauspielerin zweimal als Tosca und war zutiefst beeindruckt und das, obgleich er kein Wort französisch verstand. Aber gerade das veranlaßte ihn, den Stoff zu vertonen, denn er war der Meinung, daß Stücke, die sich schon allein durch den mimisch-schauspielerischen Ausdruck vermittelten, für Opern besonders geeignet seien. Der kritische Puccini quälte seine beiden Textbuchschreiber mit nicht endenwollenden Änderungswünschen. Schließlich mußte auch noch Sardou an der Umgestaltung seines Dramas zu einem Operntext mithelfen.
Nachdem die Arbeit an der "Bohème" abgeschlossen war, komponierte Puccini die "Tosca" 1898 und 1899. Die Uraufführung war im Januar 1900 in Rom. Nervöse Stimmung im Publikum - das Gerücht eines geplanten Bombenattentats im Theater verbreitete sich - beeinträchtigte den Erfolg. Die Kritik war zum größten Teil ablehnend. Das Werk wurde aber ein Welterfolg und behauptet sich an der Spitze der Aufführungszahlen.
Die Handlung:
I. Akt. In der Kirche von Sant' Andrea della Valle, eine Seitenkapelle und ein Malgerüst mit einem abgedeckten Bild. - Nach drei gewaltigen Akkorden, dem Motiv des Polizeischefs Scarpia, öffnet sich der Vorhang. Angelotti, Konsul der ehemaligen Republik von Rom, stürzt in die Kirche. Er ist der Haft der Engelsburg entflohen und hofft, von seiner Schwester hier versteckte Kleider zur weiteren Flucht zu finden. Als der Maler Cavaradossi die Kirche betreten hat, um weiter an seinem Altarbild zu arbeiten, wagt er sich wieder hervor. Tosca kommt, es gibt eine kleine Eifersuchtsszene, dann verabreden sich die beiden Liebenden Cavaradossi und Tosca für den Abend.
Nun wollen die beiden Freunde einen Fluchtplan verabreden, da ertönt ein Kanonenschuß: Angelottis Ausbruch ist entdeckt worden! Schnell entschlossen, nimmt Cavaradossi den Freund mit in seine Villa, um ihn dort zu verbergen.
Die Kirche bevölkert sich. Ausgelassen feiert man einen vermeintlichen Sieg über Napoleon. Scarpia bereitet dem Treiben ein Ende. Er hat sich selbst auf die Spur des Flüchtigen gesetzt. Als er den Eßkorb entdeckt, durchschaut er die Situation und hetzt die Häscher zur Villa des Malers. Tosca kehrt nochmals zurück, und Scarpia gelingt es, ihre Eifersucht zu entfachen. Aus der Tiefe der Kirche erklingt ein feierliches Tedeum, in das sich kontrapunktisch die finsteren Hoffnungen Scarpias auf doppelte Beute mischen: Die schöne Tosca und den politischen Gegner.
II. Akt. Scarpias Zimmer im Palazzo Farnese. - Spitzel Spoletta bringt dem tafelnden Scarpia die Nachricht, daß Angelotti in der Villa des Malers nicht zu finden war, daß man Cavaradossi aber als verdächtigen Helfer mitgebracht habe. Dieser wird vorgeführt und verhört, streitet aber alles ab. Tosca, durch den Polizeichef herbeordert, erscheint. Ehe Cavaradossi zur Folter geführt wird, kann er ihr gerade noch zuflüsten, unter keinen Umständen etwas zu verraten.Pervers plaudert Scarpia mit Tosca, während die Schreie des Gemarterten hereindringen. Da bricht Tosca zusammen und verrät das Versteck. Cavaradossi wird hereingeschleppt. Er ist am Ende.
Als aber ein verstörter Bote die Nachricht bringt, Napoleon habe nicht verloren, sondern die Schlacht bei Marengo gewonnen, rafft er sich auf und bricht in einen rauschhaften Triumphgesang auf die Freiheit aus. Das besiegelt sein Schicksal. Nur Tosca kann ihn noch retten, wenn sie sich Scarpia hingibt. Sie ringt sich unter der Bedingung dazu durch, daß sie für sich und den Geliebten Pässe bekommt. Scarpia geht heuchlerisch darauf ein und ordnet eine Erschießung "zum Schein" an. Dann fordert er seinen Lohn ein. Da stößt ihm Tosca das Messer in die Brust. Sie entreißt seinen verkrampften Fingern noch die Pässe und eilt davon.
III. Akt. Auf der Plattform der Engelsburg.
- Sonnenaufgang des nächsten Morgens, an dem Cavaradossi hingerichtet werden soll. Über dem Abschiedsbrief an die Geliebte ergreift ihn unstillbare Sehnsucht nach dem Leben. Da steht Tosca vor ihm. Sie berichtet ihm vom Tod Scarpias und daß er nur zum Schein hingerichtet werden solle. Er müsse seinen Tod aber gut spielen. Begeistert malen sich beide eine glückliche Zukunft aus. Das Exekutions-Peleton marschiert auf, die Salve kracht, Mario stürzt zu Boden, die Soldaten ziehen ab. Aber er erhebt sich nicht wieder: er ist wirklich erschossen worden! Schon stürmen die Häscher herbei. Scarpias Tod ist entdeckt worden. Verzweifelt stürzt sich Tosca von der Plattform in die Tiefe und in den Tod: "Scapia, uns richtet Gott!"
W. R.
| Quelle |
Datum |
Copyright |
| Wolfgang Rostock |
01.04.1999 |
Volksbühne Bremen |
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