Orpheus begibt sich am Goetheplatz in die Unterwelt
Orpheus begibt sich am Goetheplatz in die Unterwelt
Premiere für den neuen Kapellmeister des Bremer Theaters:
Graham Jackson dirigiert Offenbach
Ein Neuer begibt sich in die Unterwelt - den Orchestergraben - des Bremer Theaters:
Der Brite Graham Jackson (30), seit Beginn dieser Spielzeit erster Kapellmeister. Musikallisch aufgewachsen ist Jackson als Chorsänger. Ich habe selten so hart gearbeitet wie als Knabensopran mit neun Jahren. Sieben Vorstellungen pro Woche mit je einer Probe . . . " Später kam die Orgel dazu, dann die Klarinette. Beim Spielen im Nationalen Jugendorchester ließ er sich durch Persönlichkeiten wie Simon Rattle inspirieren. "Seit damals wollte ich am liebsten Dirigent werden."
Eine systematische Musik-Ausbildung war die Konsequenz, zunächst hauptsächlich in Cambridge. ,, Cambridge bietet ungeheuer viele Möglichkeiten zum Musizieren, wo man mitmachen kann, auch wenn man noch keine Abschlüsse geschafft hat. Ich hab dort angefangen, indem ich ein Orchester aus Kommilitonen dirigierte."
Anschließend folgte ein vierjähriges Dirigierstudium am Royal Northern College of Musik in Manchester, wo er schon bald als guter Keyboarder gefragt wurde. Sein diesbezüglicher früher Ruhm sprach sich bis nach Cardiff herum, wo er quasi vom Fleck weg 1992 an die Walisische Nationaloper berufen wurde. "Es war eine fantastische Möglichkeit, alles zu lernen: Korrepetieren, den Chor begleiten, die Sänger coachen, Chor und Orchester dirgieren, Vorstellungen übernehmen, eigene Produktionen herausbringen."
Zu dieser Zeit hatte Intendant Brian McMaster das Haus mit Inszenierungen von Peter Stein, Harry Kupfer, Ruth Berghaus und anderen zu internationalem Renommé geführt. Graham Jackson verließ die Welsh National Opera nach acht Jahren als erster Kapellmeister. Gastproduktionen hatten den begabten jungen Mann bereits an die Komische Oper Berlin, nach Glyndebourne, an die Pariser Bastille-Oper und andere europäische Spielstätten geführt.
Neue Stücke lernt er am liebsten am Klavier, zumal die meisten Opern erst am Klavier komponiert und erst später instrumentiert wurden. Insofern steht das Vereinfachen von
Opernpartituren beim Ubertragen auf das Klavier nicht dem instrumentalen Farbsinn entgegen. "Ich liebe den Akt der physischen Klangerzeugung beim Lernen; ich singe über jeder Note und jedem Wort. Dann wird es mit den Sängern hinterher viel leichter, denn man spürt, wo die Musik vorangeht, wo sie sich zurückhält, wo geatmet werden muß." Kein Wunder, daß Graham Jackson der beseelten Gesanglichkeit auch der instrumentalen Musik in seiner Arbeit Priorität beimisst - auch hinsichtlich einer historisch informierten Aufführungspraxis: "Ich fände es absolut schwachsinnig, einen Sänger um eine der Barock-Geige entsprechende Phrasierung zu bitten - allenfalls umgekehrt.
Eine Phrase wie .,Il mio tesoro' hat eine besondere kantabile-Qualität, die ein Sänger sofort spürt. Eine zu deutliche Artikulation wie bei manchen Streichern üblich wäre da dem Italienischen völlig fremd. Ich werde sehr ärgerlich, wenn Musiker von der Theorie herkommen und dann meinen, es müsse so und nicht anders sein. Die Musik hat zu führen, die Theorie zu folgen."
In dieser Grundhaltung unterscheidet er .sich wohltuend von vielen Maestri, die nie lernten, ihrem eigenen Seelengesang zu lauschen und mit ihrem Körper selbst auszudrücken. Solche werden dann zu rhythmisch-beredten Strukturgestaltern, denen das Hirn über das Herz geht. "Wer als Operndirigent nicht vom Gesang und vom Klavier herkommt, verzettelt sich leicht in an sich unwichtigen Einzelheiten der Instrumentation oder Struktur und geht vorbei am grundlegenden Melos, dem Puls, dem Atem und dramatischen Impetus einer Szene."
Das ist Jacksons Sache nicht. Deshalb schätzen ihn die Sängerinnen, Sänger und Orchester, mit denen er arbeitet. Der frischgebackene Kapellmeister hat in Bremen zwar schon eine Wiederaufnahme von Mozarts "Don Giovanni" erfolgreich hinter sich gebracht, aber nun steht sein erstes Premieren-Dirigat an. Damit dürfte er gleich bundesweit für Aufsehen sorgen, denn für die Bremer Inszenierung hat sich das Theater etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Der Regisseur Peter Lund hat ein völlig neues Libretto für Offenbachs Operettical "Orpheus in der Unterwelt" geschrieben. Dies Musterstück für viele spätere Mythentravestien bis hin zu Bernsteins ,Candide' karikiert in antik-heroischem Gewand die bürgerliche Gesellschaft - freilich die von Offenbach und nicht die unserer Zeit.
Schon Offenbach selbst hat das Stück Jahre nach der Erstaufführung aktualisiert. Wir bringen deshalb Orpheus für das Publikum unserer Zeit, als ganz neues Stück. Peter Lund hat sich sehr viel Mühe gegeben, neue deutsche Texte zu finden, die dem französischen Tonfall in der Musik entsprechen. Andrerseits soll die Inszenierung Aktualität, Modernität entwickeln. Was macht man zum Beispiel mit dem berühmten CanCan?
Zu Offenbachs Zeiten waren diese wenigen Zentimeter von unverhülltem Bein in höchstem Maße anstößig. Und heute? Peter Lund hat da eine unerwartete, wie ich glaube, gut funktionierende Lösung gefunden.'
An Orpheus fasziniert Jackson besonders "diese ungeheure Vitalität und übersprudelnde Energie. Außerdem ist Offenbach polyglott, ein multikultureller Assimilator, der viele Stile vermischte." Entsprechend frisch soll der Klang in dieser Inszenierung sein.
Premiere am 9. Dezember um 19.30 Uhr, Theater am Goetheplatz.
Benjamin G. Cohrs
WK vom 08.12.2000
zurück zum Anfang