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VB-ARCHIV
TEXTE, EINFÜHRUNGEN DER VOLKSBÜHNE BREMEN


27.12.2006
La Traviata (Violetta) in Bremen
...eine excellente Einführung in das Stück


...La Traviata (Violetta)


Oper in drei Akten von Francesco Maria Piave


Musik von Giuseppe Verdi


Personen: Violetta Valery (Sopran)
Flora Bervoix, ihre Freundin(Sopran/Mezzosopran)
Annina, Violettas Dienerin (Mezzosopran)
Alfred Germont (Tenor)
Georg Germont, sein Vater (Bariton)
Gaston, Vicomte de Letorieres (Tenor)
Baron Douphal (Bariton)
Marquis de Obigny (Baß)
Doktor Grenvil (Baß)
Joseph, Diener Violettas (Tenor)
Ein Diener bei Flora (Bariton/Baß)
Ein Kommissionär (Baß)
Freunde und Freundinnen Violettas und Floras
Gäste Matadore, Pikadore, Zigeunerinnen (Masken)
Diener und Dienerinnen Violettas und Floras.

Ort und Zeit:


Paris und seine Umgebung um 1850.

Mit den drei meisterhaften Opern "Rigoletto" (1851), "Der Troubadour" (1853) und "La Traviata" (1855) begann die sogenannte mittlere Schaffensperiode im Werke von Giuseppe Verdi, gleichzeitig zeichnete sich ab, daß er zu den größten Opernkomponisten überhaupt gehören würde. Wir haben gelegentlich auf die eigentümliche Staffelung der drei hier in Rede stehenden Werke gesprochen: Das erste "Rigoletto" ist ein genialer Zugriff. Die hier neu gewonnenen Kunstmittel werden im darauf folgenden "Troubadour" wieder eingesetzt, aber unbekümmerter, heftiger. In "La Traviata" folgt dann ein elegischer Ausklang, der alles Neugewonnene subtiler, ja fast elegisch zusammenfaßt. Einen ganz ähnlichen Ablauf kann man bei Giacomo Puccinis Dreigestirn "La Boheme", "Tosca" und "Madame Butterfly" beobachten.


Viele melancholische Stimmungen fand Verdi in dem literarischen Vorbild für "La Traviata" vorgebildet, und zwar in dem französischen Roman "Die Kameliendame" ("La Dame aux Camelias") von Alexandre Dumas (Sohn), der von 1824 bis 1895 lebte. Die Titelheldin des Romans geht auf eine junge Frau zurück, die sich in der damaligen Pariser Halbwelt bewegte. Neben anderen Größen der Zeit gehörte auch Alexandre Dumas zu ihrem Bekanntenkreis. Zwischen den Zeilen des Romans kann man bemerken, daß er wohl auch eine gewisse Neigung zu der schönen Frau gefaßt hatte. Kein Wunder, daß es ganz offenbar seine Absicht war, mit seinem Roman Mitleid für sie und ihre Schicksalsgefährtinnen zu wecken. Denn diese endeten nach meist begrenzten Jahren in Glanz und Luxus dann fast immer in kümmerlichen, ja elenden Verhältnissen. Sie waren Opfer einer bestimmten begüterten Oberschicht, die sich auf eine recht zweifelhafte Weise ihr Leben vergnüglich gestaltete. Das geschah auch auf Kosten dieser Frauen. Sie wurden benutzt und dann gedankenlos fallengelassen.


Verdi hatte an den politischen Entwicklungen seiner Zeit lebhaften Anteil genommen und war im Freiheitskampf Italiens ein Idol für seine Landsleute geworden. Gleichzeitig schärfte sich sein Sinn für soziale Verhältnisse. So sah er angesichts des Schicksals der Titelheldin seiner Oper "La Traviata" auch den gesellschaftlichen Hintergrund der Ereignisse. Weit entfernt davon, die Verherrlichung des Kokottentums auf die Bühne zu bringen, veranlaßte er seinen Textdichter – das Szenarium stammte wieder von ihm selbst – die Tragik einer Frau in den Vordergrund zu stellen, die sich in den Trubel eines ausschweifenden Lebens gestürzt hat, um der Sinnleere ihres Daseins zu entgehen. Als sie durch die Liebe ihren schrecklichen Irrtum erkennt, ist es zu spät. Von schwerer Krankheit gezeichnet, muß sie sich auch noch den Regeln einer starren Konvention beugen, die den unmenschlichen Verzicht auf ihre große Liebe erzwingen.


Die Arbeit an der neuen Oper ging ungewöhnlich schnell vonstatten. Angefeuert und bestätigt wurde Verdi zusätzlich durch eine Theateraufführung der "Kameliendame". Der Roman war nämlich inzwischen dramatisiert worden. (Die große Schauspielerin Eleonora Duse (185S 192d) feierte später Triumphe in der Rolle der Violetta.) Während Verdi noch am "Troubadour" arbeitete, wurde Piave schon mit der Ausführung des Textbuches zu "La Traviata" beauftragt. Verdi entwarf auch schon erste Kompositionsskizzen. Und als er sich nun dem neuen Werk zuwenden konnte, wurde die Arbeit in der unglaublich kurzen Zeit von nur 45 Tagen vollendet. Am 6. März 1853 fand die Uraufführung in Venedig statt. Durch eine fatale Gedankenlosigkeit fiel die Oper aber durch: Man hatte die Titelrolle mit einer korpulenten Dame besetzt und als diese sich nun bemühte, die Schwindsucht Violettas zu mimen, konnte auch die geniale Musik gegen diese unfreiwillige Komik nicht an, und die Uraufführung ging im Gelächter des Publikums unter.


Nach einigen nicht sehr umfangreichen Änderungen und Kürzungen sowie Verlegung der Handlung in das Jahr 1700 (worum sich schon lange niemand mehr kümmert) ging das Werk 1854 erneut in Szene und kam zu seinem berechtigten Erfolg. Trotzdem dauerte es geraume Zeit, bis sich die Oper auch außerhalb Italiens durchsetzte und zu einem der beliebtesten Stücke des Musiktheaters wurde. – Gelegentlich wird das Werk unter dem Titel "Violetta" aufgeführt, anstatt unter dem bei uns üblichen "La Traviata", was etwa "Die vom rechten Weg Abgeirrte" bedeutet.


Musik und Handlung:


Es wurde eben gesagt, daß sich "La Traviata" verhältnismäßig langsam auf den Bühnen der Welt durchsetzte. Es wird vermutet, daß der intimere, zurückhaltendere Stil bei einem Teil des Publikums Enttäuschung hervorrief. Man erwartete anscheinend eine ähnlich üppige Klangfülle wie in den beiden voraufgegangenen Opern "Rigoletto" und "Troubadour". An den neuen Stil Verdis mußten sich wohl viele Hörer erst gewöhnen. Das Streben nach Verinnerlichung konnte offenbar nicht jeder nachvollziehen. Ein Hauch von Wehmut liegt gleichsam über der Partitur, alles verklärend und nur gelegentlich durch handfestere Partien unterbrochen.


Für uns ist diese auf subtile Wirkungen abgestimmte Musik das überzeugende Klangbild für das Seelendrama, das vor uns abläuft. Dazu gehört auch, daß die menschliche Stimme im musikalischen Geschehen eine bevorzugte Stellung einnimmt (was uns bei einer italienischen Oper nicht so ohne weiteres auffällt). Trotzdem wird das Orchester meisterhaft eingesetzt und hat an vielen Stellen die Aufgabe, die jeweilige Stimmung zu vermitteln, zum Beispiel in der Ballmusik oder als Charakterisierung der Spielszene oder der großen Auseinandersetzung zwischen Violetta und Alfred, nicht zu vergessen die Gestaltung der Sterbeszene. Und die beiden Vorspiele zum I. und III. Akt gehören zu den schönsten Orchesterelegien, die je komponiert wurden.


I. Akt


Hauchzarte Akkorde des eben erwähnten Vorspiels eröffnen die Oper. Die vielfach geteilten Violinen zeichnen das musikalische Bild Violettas. Das zarte Thema ist dem zweiten Akt entnommen, wo es Violettas sehnsuchtsvolles Liebesbekenntnis begleitet. Hier erklingt es als innige Melodie, die sich geradezu zu Sphärenklängen erhebt. Die Handlung beginnt auf einer festlichen Abendgesellschaft, die Violetta in ihrem Hause gibt. Freunde stellen ihr den jungen Alfred Germont vor. (Hinter dieser Gestalt verbirgt sich partiell der Autor des Romans.) Alfred bewundert und verehrt schon lange Violetta. Er gibt ein feuriges Trinklied zum besten: ("Libiamo ne'lieti calici "/ "Auf trinket in durstigen Zügen"), in das Violetta und die Gäste einstimmen.


Als Violetta sich wegen eines Schwächeanfalls zurückzieht (verursacht durch die beginnende Schwindsucht), benutzt Alfred die Gelegenheit, um ihr seine tiefe Liebe zu gestehen (Duett: "Un di felice' / ,Eines glücklichen Tages"). Anfangs verlacht, dann warnt sie ihn, ist schließlich aber von diesem tiefen Gefühl, das ihr zum ersten Mal begegnet, tief beeindruckt. Dann reicht sie ihm eine Kamelie und erlaubt ihm wiederzukommen, wenn die Blüte verwelkt ist. In tiefem Nachsinnen bleibt sie allein zurück ("E stano!' / ,Wie seltsam!"). Obgleich sie sich nach dem Glück einer echten Liebe sehnt ("Ah, fors' é lui' / "Vielleicht ist er es"), überredet sie sich dazu, daß ihr bisheriges Leben doch das für sie bestimmte sei und gibt diesem Lebensgefühl in einer brillanten Koloraturarie Ausdruck: "Sempre libera' / ,Von der Freude Blumenkränzen".


II. Akt


Violetta und Alfred haben zueinander gefunden und leben glücklich auf einem Landgut in der Nähe von Paris. Glücklich gibt er sich seinen Gefühlen hin: Arie "De miei bollenti spiriti' / ,Ach, ihres Auges Zauberblick". Er hat sich nie Gedanken gemacht, wovon sie beide eigentlich leben. Er erfährt von Annina, daß Violetta, die selbstverständlich ihr bisheriges Leben aufgegeben hat, ihre gesamte Habe nacheinander veräußert. Er eilt bestürzt davon, um die finanziellen Verhältnisse zu ordnen. Schließlich stammt er ja aus einem wohlhabenden Hause. Diese Szene ist vierteilig aufgebaut: Rezitativ Kavatine Dialog mit Annina Kabaletta.


Inzwischen erscheint Alfreds Vater und verlangt von Violetta, daß sie sich von Alfred trenne, damit die Verlobung von dessen Schwester nicht auseinandergehe, denn der zukünftige Gatte nehme Anstoß an Alfreds Beziehung zu einer "Halbweltdame". Obgleich Vater Germont von dem edlen Betragen Violettas beeindruckt ist, besteht er auf seiner fatalen durch miese Doppelmoral geprägten Forderung ("Pura siccome un angelo' / Gott schenkte eine Tochter mir"). Die Szene weitet sich zu einem großen Duett aus: "Un di, quando le veneri' / Wenn mit der Zeit", einem Duett voll tiefen Gefühls. Mit blutendem Herzen ringt sich Violetta zum Verzicht durch und läßt sich sogar noch zu einem fingierten Brief nötigen, der Alfred ihre Untreue vorgaukelt. Ihre Verwirrung spiegelt sich in den abgerissenen Fetzen der Gesangslinie wieder, als sie den Brief schreibt. Unerwartet erscheint Alfred. Sie flüchtet in seine Arme und bekennt ihm noch einmal ihre Liebe. Uberströmend, leidenschaftlich erklingt hier die Liebesmelodie, die wir in zarter, behutsamer Form bereits im Vorspiel kennengelernt haben. Violetta stürzt davon. Fassungslos erhält Alfred Violettas Brief, der die erzwungene Nachricht enthält, daß sie ihn verließe. Vater Germont versucht den völlig Verzweifelten zu trösten und zur Rückkehr in die Heimat zu überreden mit der bekannten, rührenden Arie "Di provenza, il mar, il soul!' / Hat dein heimatliches Land". Doch Alfred ist nicht zu beruhigen. Als er auf dem Schreibtisch eine Einladung Floras findet, stürmt er nach Paris, um sich, rasend vor Eifersucht, zu rächen.


Verwandlung


Ballsaal bei Flora. In fröhlicher Gesellschaft vergnügen sich die Gäste, zum Teil als Zigeunerinnen und Stierkämpfer verkleidet, singen sie Chöre, die zu diesen Masken passen. Violetta erscheint in Begleitung des Baron Douphal, den Alfred für seinen Nebenbuhler hält. Bereitwillig lä8t er sich von ihm zu einem Duell am Spieltisch herausfordern. "Unglück in der Liebe, bringt stets Glück im Spiel": Alfred gewinnt märchenhafte Summen. Als Violetta – getreu dem Vater Germont gegebenen Versprechen Alfred vorlügt, sie liebe Douphal, verliert der junge Mann jegliche Beherrschung. Vor allen Leuten schleudert er der Frau, die er doch im Grunde liebt, das gewonnene Geld ins Gesicht als Bezahlung für die genossene Liebe. Zutiefst getroffen sinkt Violetta ohnmächtig zu Boden. Der ebenfalls anwesende (!) Vater Germont distanziert sich von seinem Sohn. Dieser kommt wieder zur Besinnung, als er merkt, was er angerichtet hat. Musikalisch entwickelt sich die Szene zu einem einzigartigen Oktett mit Begleitung von Chor und Orchester: "Di sprezzo degno' / Verachtung trifft den". Alfreds Reue und Violettas rührende Klage, die Alfred wieder ihrer Liebe versichert, heben sich aus dem genialen Geflecht der Stimmen hervor. Baron Douphal aber fordert Alfred zum Duell.


III. Akt


Ein Orchestervorspiel, das an das zum ersten Akt anknüpft, führt in den dritten Akt ein. Es beginnt mit den gleichen melancholischen Akkorden, mit der gleichen Liebesmelodie, sinkt dann aber hoffnungslos in sich zusammen, gleichzeitig die wehmütige Seelenstimmung und den trüben Wintermorgen zeichnend. Todkrank liegt Violetta in einem armseligen Gemach. Sie vernimmt von draußen die Klänge des Pariser Karnevals. Mit letzter Hoffnung klammert sie sich an einen Brief von Vater Germont, in dem er ihr mitteilt, daß Alfred den Baron Douphal verwundet habe, ins Ausland fliehen mu8te, jetzt aber zu ihr zurückkehren werde. Zu den gesprochenen Worten beim Lesen des Briefes erklingt im Orchester die Melodie von Alfreds erstem Liebesgesang. Trostlos nimmt Violetta Abschied vom Leben (Arie:"Addio del passato' / Lebt wohl jetzt, ihr Gebilde"). Von draußen dringen nochmals die Klänge des Karnevals herein. Da tritt Annina erregt herein, um Alfreds Ankunft anzukündigen, Der stürzt herein. Beide verlieren sich in einem Traum von kommendem Liebesglück: "Parigi, o cara' / 0h, laß uns fliehen aus diesen Mauern". Verzückt glaubt Violetta ihre Lebenskraft zurückzugewinnen. Mit ergreifender Wirkung greift Verdi zum Sprechgesang. Doch dann sinkt die Todgeweihte kraftlos zusammen: "Ah! Gran Dio! Morir si giovine' / Ach! Mein Gott!" Vater Germont und der Arzt Grenvil treten ein, Germont ist jetzt voller Reue. Violetta richtet sich noch einmal auf, gibt Alfred ein Medaillon mit ihrem Porträt, sinkt aber mit dem Ausruf "Ich lebe!" tot zurück. W.R.



Quelle Datum Copyright
Wolfgang Rostock 01.04.1999 Volksbühne Bremen

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