La Cage aux Folles (Ein Käfig voller Narren)
Musik und Songtexte von Jerry Herman
Textbuch von Harvey Fierstein nach der gleichnamigen Komödie von Jean Poiret
Deutsch von Erika Gesell und Christian Severin
in der Fassung des Theaters des Westens in Berlin
Personen: Georges, Besitzer des Cabarets "La Cage" - Jean-Michel, sein Sohn - Anne, Jean-Michels Freundin - Edouard Dindon, konservativer Abgeordneter, Vater von Anne - Marie Dindon, dessen Frau, Annes Mutter - Albin, genannt "Zaza", Star im "La Cage" - Jacqueline, Besitzerin des Restaurants "Chez Jacque1ine" - Maurice Renaud, Cafebesitzer - Madame Renaud, seine Frau - Francis, Inspizient (für den ordnungsgemä0en Ablauf einer Vorstellung verantwortlich) - Jacob, schwarzer Butler - "Les Cagelles", die im "La Cage" als Damen auftretenden Künstler: Chantel, Monique, Dermah, Nicole, Hanna, Mercedes, Bitelle, Lo Singh, Odette, Angelique, Phaedra, Clo-Clo - Paulette, ein iunges Mädchen - Hercule, ihre Cousine - Etienne, Inhaber eines Fahrradgeschäftes - Colette, seine Freundin - Babette, ein junges Mädchen - Tabarro, Freund von Mercedes. Radfahrer und Radfahrerinnen - Fischer - Leute von Saint Tropez.
Ort und Zeit: Saint-Tropez in Frankreich im Sommer (1983 - Uraufführungsjahr)
Der Komponist Jerry Herman, sein richtiger Vorname ist Gerold, wurde am 10. Juli 1932 in New York geboren. Wenn man den Beginn der Geschichte des Musicals um den Beginn unseres Jahrhunderts ansetzt, gehört er von seinem Geburtsdatum her zur zweiten, von den Uraufführungsdaten seiner Werke her zur dritten Generation der erfolgreichen Musicalkomponisten.
Er erlernte zwar bei seiner Mutter das Klavierspiel, aber seine Ausbildung zielte ursprünglich nicht auf die Laufbahn eines Komponisten. Als er an der Miami University studierte, war sein Hauptfach noch das Drama, also Literaturgeschichte mit dem Schwerpunkt Drama, wie wir sagen würden.
Aber wie das dann so geht: Neigung und Begabung brachen sich Bahn. Noch während des Studiums schrieb er das Musical "I feel wonderful", das 1954 am sogenannten "Off-Broadway" aufgeführt wurde. Dies ist eine in verschiedenen Stadtteilen New Yorks angesiedelte Theaterlandschaft, in der man versucht, sich der Kommerzialisierung des Theaterbetriebes am eigentlichen Broadway zu entziehen. Das ist zwar nicht ganz gelungen, aber immerhin erlebten hier bedeutende Stücke, die im Geschäftsbetrieb des Broadway keine Chance gehabt hätten, ihre Aufführung und wurden von hier aus bekannt. Das gilt auch für das Sprechtheater. Edward Albee zum Beispiel wurde hier gespielt, ehe er sich in Europa und am Broadway durchsetzte.
Von den uns bekannten Stücken erlebte hier Bert Brechts und Kurt Weills "Dreigroschenoper" ihre erste amerikanische Inszenierung erreichte mit 2707 Vorstellungen einen Sensationserfolg (Übersetzt von Mark Blitzstein).
Für den Off-Broadway schrieb Jerry Herman noch die Nightclub-Revue "Nightcap", die ab 1958 über 400 Aufführungen brachte und 1960 "Parade", dem Musical, in dem er seine Geburtsstadt feierte. Als Film wurde das Musical auch bei uns bekannt. In diesem Stück kündigt sich schon der Jerry Herman an, wie wir ihn von "Hello Dolly" aus dem Jahre 1964 kennen.
Dieses Musical war das zweite, das Jerry Herman am Broadway herausbringen konnte. Nach vier weiteren bei uns nicht so bekannten Werken folgte dann 1983 "La Cage aux Folles", das bereits 1985 in Berlin seine erste europäische Inszenierung - noch vor London - erlebte. Der Erfolg am Theater des Westens ist geradezu legendär geworden. Inszeniert wurde es dort von Helmut Baumann, der auch in Bremen - natürlich unter anderen Bedingungen - Regie führen wird.
Stoff und Entstehung:
Unser Musical basiert auf einer Komödie von Jean Poiret, die am 01. Februar 1973 in Paris im Theatre du Palais Royal uraufgeführt wurde und die auch schon einem Film von 1978 als Vorlage diente.
An den musikalischen Höhepunkten wird das Musical von der aparten und beim Publikum und Kennern immer wieder gern gesehenen Form des "Theaters auf dem Theater" bestimmt. Dabei bedient man sich hier einer Art des Theaters, das sich in den letzten Jahren immer artifizieller entwickelte und beachtliches künstlerisches Niveau erreichte, des Travestie Theaters.
Daß dies fast ausschließlich von homosexuellen Künstlern gestaltet wird, ist für uns heute selbstverständlich und kein Grund zur Aufregung mehr. Immerhin ist das Problem noch virulent und somit entsteht die vom Musical immer wieder geforderte Zeitnähe, wenn das lustige Spiel auch nicht in sozialkritischen Tiefen schürft.
In der Gestalt des Abgeordneten Edouard Dindon wird immerhin ein Repräsentant der ewig Gestrigen der Lächerlichkeit preisgegeben und das Stück erhält einen sinnvollen Hintergrund. Diese Konstellation wurde, der Sache entsprechend, durch den Berliner Kritiker Hellmut Kotschenreuther so dargestellt:
-Die Homosexuellen sind anders als die anderen und ziehen seit je die Aufmerksamkeit derer auf sich, die genauso sind wie die anderen. In einer puritanischen Gesellschaft müssen sie ihre Andersartigkeit hinter gespielter Normalität verstecken; in einer liberalen, die Abweichung auch von der sexuellen Norm duldet, nutzen sie gern und mit ungehemmter Darstellungslust die Gelegenheit, ihre Außenseiterposition exzentrisch zu kostümieren und auszustellen.-
Inhalt und musikalischer Rahmen:
I. Akt: Nach der Ouvertüre - Hermans Melodien sind meist konventionell, werden aber mit Schwung und Elan dargeboten - eröffnet George, Inhaber des Cabarets "La Cage aux Folles" als Conferencier die Travestie-Show seines Etablissements. Gemeinsam mit dem männlich/weiblichen, weiblich/männlichen Ballett, den "Cagelles" begrüßt er das Publikum schmissig und schwungvoll: "Wir sind, was wir sind", dem Motto, das über Abend, Stück und Aufführung steht.
Aber der temperamentvolle Auftakt droht ins Stolpern zu geraten, den Zaza, der Star des Abends verpaßt seinen Auftritt und Monique muß wieder einmal rettend einspringen, worauf er nun eine Gagenerhöhung fordert. Im Handumdrehen ist die Stimmung auf dem Nullpunkt. Georges und Albin (sie sind Lebensgefährten) geraten aneinander und werfen sich Unpünktlichkeit, Vernachlässigung, ja, sogar Untreue in der Liebe vor. Gekränkt und beleidigt zieht sich Albin mit dem Song "Ein bisschen mehr Mascara" in seine Garderobe zurück.
Aber nicht genug mit den gegenwärtigen Schwierigkeiten, wird Georges von seiner Vergangenheit eingeholt, in der er wohl noch nicht recht wußte, wo er hingehört: er hat einen Sohn. Dieser, Jean-Michel, eröffnet ihm, daß er Anne Dindon, die Tochter eines moralinsauren Abgeordneten der "Partei für Tradition, Familie und Moral" heiraten wolle. Verblüfft singt Georges "mit Anne im Arm...", war Jean-Michel doch mit Antoinette in Urlaub gefahren. Obendrein hat Jean-Michel seine Anne und deren Eltern eingeladen, damit die Familien sich kennenlernen.
Nun müssen Georges und Albin ihre exzentrische Wohnung in ein gut bürgerliches Heim umgestalten, was ihnen Probleme schafft wie ihre Reprise "Mit Dir im Arm" anklingen läßt. Jean-Michel trifft sich am Abend mit jungen Leuten auf der Promenade, auch Georges und Albin bummeln dort.
In dem Ensemble "Promenade" entfaltet Jerry Herman seine Kunst, große Szenen glanzvoll aufzubauen, wie man sie bereits aus "Parade" oder "Hello, Dolly" kennt. Probleme ziehen oft andere nach sich. Albin wehrt sich dagegen, da0 beim bevorstehenden Familientreffen Sybil, die leibliche Mutter von Jean-Michel, teilnehmen solle. Nach 20 Jahren habe sie kein Recht sich einzudrängen.
Kaum kann Georges ihn mit dem Liebeslied "Wir spazierten am Strand" beschwichtigen. Dabei ist aber noch nicht ausgesprochen, daß Albin vom Treffen ganz ausgeschlossen werden soll und Jean-Michel auch noch dessen persönliches Zimmer umkrempeln will. Während des großen Auftritts von Albin als Zaza in der Vorstellung desselben Tages (Szene "La cage aux folles") sucht Georges auf der Nebenbühne seinem Sohn dieses Vorhaben auszureden: "Ich möchte, daß du genau weißt, um was du mich bittest. Sieh ihn dir an. Er hat die letzten 20 Jahre uns gewidmet, damit wir ein Zuhause hatten, ihn rauswerfen aus diesem Zuhause, das er für uns geschaffen hat..." da muß er abbrechen und auf die Bühne zu seinem Auftritt.
Später, zwischen zwei Auftritten, während von der Bühne "Hanna's Tango" vom Orchester ertönt, will George wieder Albin beibringen, daß bei dem anstehenden Treffen Sybil anwesend sein werde, während er fortbleiben müsse, daß dies aber nicht schlimm sei und man später darüber lachen werde. Die Wirkung ist katastrophal: Albin unterbricht das Spiel, wirft George die Perücke ins Gesicht und läuft aus dem Theater.
II. Akt: Ein kurzer Entreacte leitet die weiterführende Handlung ein: Georges hat Albin im Straßencafe von Renaud gefunden und sucht ihn zu trösten. Beider Stimmen vereinen sich im "Song of The Sand". Georges hat sich einen Ausweg ausgedacht: Albin soll bei dem Familientreffen als JeanMichels Onkel Al vorgestellt werden. Dafür soll er aber noch etwas auf männliches Gehabe etwa in der Art von John Wayne trainiert werden, wie man in dem Ensemble "Männliche Lektion" erfährt.
So ist nun alles vorbereitet: Die Wohnung ist umgestaltet, die Verbindungstür von der Wohnung zum Cabare ist verschlossen und verhängt, der Butler Jacob steckt in einer höfischen Livree, Georges hat sich in einen feinen Anzug geworfen und Albin erscheint seriös und ganz "männlich". Als sich Inspizient Francis durch die sorgfältig verdeckte Tür drängt, um ein Telegramm zu überreichen, regt sich besonders Jean-Michel auf, wird aber von George mit "Sieh mal dorthin" zur Raison gebracht und verläßt nachdenklich den Raum.
Im Telegramm steht, das Sybil nicht kommt. Ehe man zur Besinnung kommt, werden die Gäste angekündigt, Albin flieht in sein Zimmer. Monsieur und Madame Dindon und auch ihre Tochter sind beeindruckt, in einem so leichtlebigen Viertel so eine bürgerliche Gediegenheit vorzufinden wie man dem Quartett "Cocktail Counterpoint" entnehmen kann.
Nun erlaubt sich das Textbuch einen kühnen Salto mortale ins Reich des Schwanks und munter durcheinanderpurzelnd treibt die Handlung dem Schlußvorhang zu: Die Tür zu Albins Zimmer fliegt auf und Albin rauscht als Sybil herein: "Mutter ist da!". Um das Chaos zu vervollständigen, fliegt auch auf der anderen Seite die Tür auf und in den Rauchschwaden des verbrannten Essens taucht hustend Butler Jabob auf: "Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, sie ins "Chez Jacqueline" einzuladen!".
Jedermann weiß, daß man dort monatelang vorher Plätze bestellen muß und alles ist verblüfft, als Sybil/Albin sofort Plätze bekommt, nachdem sie/er mit mütterlichem Charme dort angerufen hat: "Hallo Jacqueline?... Ich brauche sie. Oui, wir sind sechs". Im "Chez Jacqueline" werden alle mit grö0ter Höflichkeit und Zuvorkommenheit bedient. Marie Dindon ist glücklich, wollte sie doch schon immer einmal so ein Etablissement erleben, während Edouard, ihr Gatte, reichlich beklommen ist. Schließlich sorgt Jacqueline dafür, daß ein berühmter Star vor den illustren Gästen auftritt.
Es ist Albin, der nunmehr als Zaza brilliert in dem Ensemble "Die schönste Zeit ist heut". Voll in Fahrt und ganz in seinem Element reißt er sich schließlich voller Temperament die Perücke vom Kopf. - Alles erstarrt. Nun kommt es zur allgemeinen Versöhnung: "Look over There" aus der sich nur Edouard Dindon ausschließen will, er droht sogar seine Tochter zu enterben. Aber die Möglichkeit, in den Medien in dieser Umgebung präsentiert zu werden, wofür die geschäftstüchtige Jacqueline auf dem Sprunge ist, lässt den Moralisten einlenken. Es kommt zur Heirat, die in dem "Grand Finale" des Stückes angekündigt wird. W.R.