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VB-ARCHIV
TEXTE, EINFÜHRUNGEN DER VOLKSBÜHNE BREMEN


27.12.2006
Intoleranza
...eine excellente Einführung in das Stück


...Intolleranza


Szenische Aktion (Azione scenica) in zwei Teilen


Musik von Luigi Nono

Personen:


Ein Flüchtling (Tenor) - Seine Gefährtin (Sopran) - Eine Frau (Alt) - Ein Algerier (Bariton) - Ein Gefolterter (Baß) - Vier Gendarmen (Sprechrollen). Bergarbeiter - Demonstranten - Gefolterte - Gefangene - Flüchtlinge - Algerier - Bauern.

Ort:

Schauplätze: Bergarbeiterdorf - Stadt - Polizeibüro - Konzentrationslager - Ufer eines Flusses bei Hochwasser.

Intolleranza 1960

Szenische Aktion (Azione scenica) in zwei Teilen von Luigi Nono nach einer Idee von Angelo Maria Ripellino. Deutsche Übertragung von Alfred Andersch Musik von Luigi Nono

Zeit: Gegenwart (etwa 1960) Luigi Nono - Mensch und Umfeld. Es ist kein Geheimnis: Das moderne Musiktheater tut sich schwer und erreicht nicht immer das Publikum. Auch bedeutende Werke verschwinden wieder nach der Uraufführung. "Intolleranza 1960" von Luigi Nono hingegen hat sich behaupten können und ist, nachdem es 1961 in Venedig zum ersten Mal gespielt wurde, immer wieder von den verschiedensten Bühnen herausgebracht worden: Köln, Boston, Nürnberg, Nancy, Hamburg und Stuttgart (um nur einige zu nennen).

Musik und Text - gleichermaßen hervorragend - (das gilt auch für die deutsche Übersetzung) sowie eine nicht verblaßte Aktualität der Handlung haben das Interesse an dem Werk nicht nur erhalten, sondern noch gesteigert. Ob man an die brutalen, kriegerischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslavien oder an die unerträglichen neonazistischen Ausschreitungen in unserem Land denkt (es drängen sich noch mehr abstoßende Gewalttaten, noch mehr Unrechtsgeschehen auf): das Stück setzt sich mit solchen unrechtmäßigen Ereignissen künstlerisch auseinander. Es geht um "die beiden Ideen, Intoleranz und Widerstand gegen sie", so Luigi Nono.

Mit der Erfindung einer Handlung "wie sie denn möglich wäre" (Aristoteles "Poetik") stellen Textdichter wie Komponist ein Flüchtlingsschicksal auf die Bühne und zwar so konkret wie nötig und so zeitlos gültig wie möglich. Nonos Grundeinstellung zur Musik ist für so ein Vorhaben wie geschaffen. In einem berühmt gewordenen Vortrag auf einem der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik im Jahre 1959 grenzte er sich von rein ästhetisch-experimentellen Versuchen ab und trat für eine sozial engagierte Musik ein. Danach wurde das Wort von einer "Nono-Linie" in der Nachkriegsmusik geprägt.

Diese künstlerischen Erwägungen erhalten Glaubwürdigkeit durch Lebenslauf und geistiges Umfeld des Komponisten. Am 29. Januar 1924 wurde er in Venedig geboren, studierte dann in der alten Universitätsstadt Padua zunächst Jura. Er kehrte aber in seine Vaterstadt zurück und nahm bei Gian Francesco Malipiero Kompositionsunterricht. Nach dieser gründlichen Einführung in die moderne Musik führte er seine Studien in dieser Richtung in Deutschland bei Bruno Maderna und Hermann Scherchen fort. Er fand zu einer eigenen Musiksprache, von der Karl Amadeus Hartmann sagte: "Nono klagt an, und seine Sprache ist Feuer." In diesem Wort klingt Nonos gesellschaftskritisches Engagement an, was sich auch in seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Italiens manifestiert, der er seit 1952 angehört. In verschiedenen Kompositionen wird diese Einstellung ebenfalls deutlich wie "Epitaph auf Federico Garcia Lorca" sowie "La victoire de Guernica" (1954) oder in "Il canto sospeso" (1955/56), einer Komposition auf Abschiedsbriefe zum Tode verurteilter Widerstandskämpfer. Dieses Ergriffensein von menschlichem Leid beeinflußte auch den Entstehungsprozeß von "Intolleranza 1960" und prägte das vollendete Werk.

Bei alledem ist Nono ein faszinierender Mann. Der Dirigent Claudio Abbado, der Klaviervirtuose Mauricio Pollini, der deutsche Schriftsteller Heiner Müller, der russische Theatermann Juri Ljubimow zählen und zählten zu seinen Freunden. Mit zeitgenössischen Komponisten wie Alfred Schnittke oder Paul Dessau pflegte er engen kollegialen Umgang. Man glaubte Nono als Vertreter einer Agitationskunst einordnen zu sollen. Doch wer seine Musik unbefangen hört, wird sich diesem Urteil kaum anschließen. Auch widerspricht dem das Streichquartett "Fragmente - Stille" von 1979, das sich an einem der Diotima-Gedichte von Friedrich Hölderlin orientiert. Wie viele moderne Komponisten beschäftigte er sich auch mit elektronischer Musik. Er forschte und arbeitete im Experimentierstudio des Südwestfunks in Freiburg. Übrigens hatte er sich vorher bei der Ausarbeitung von "Intolleranza 1960" mit elektronischen Kompositionsmöglichkeiten auseinandergesetzt.

An Bühnenwerken folgten der "Intolleranza 1960" noch 1975 "Al gran sole carico amore" ("Unter der großen Sonne der Liebe") und 1984 "Prometeo". Dazu kommen noch Orchesterwerke, Werke für Tonband und Stimmen/Instrumente und Kammermusik.

Anlaß und Entstehung der "Intolleranza 1960". Luigi Nono hat in einem Aufsatz genau beschrieben, was ihn veranlaßte, "Intolleranza 1960" zu schreiben, welche Ereignisse in die Handlung eingingen, welche Anregungen er aufnahm und was für Texte anderer Autoren er in das Werk integrierte.

Der äußere, aber wichtige Anstoß war die Einladung, für die internationalen Festspiele für zeitgenössische Musik im Rahmen der Biennale von Venedig eine Oper zu schreiben. Man rannte gewissermaßen bei Nono offene Türen ein, denn er hatte sich schon geraume Zeit mit den Gegebenheiten eines musikalischen Bühnenwerkes beschäftigt und sogar mit Alfred Andersch und Italo Calvino die Eigenheiten eines Textes fürs Musiktheater erörtert und sich mit der heutigen Bühnentechnik beschäftigt. Dazu kamen "Herausforderungen" wie sich Nono ausdrückt, denen er künstlerische Gestalt geben wollte. Damit beabsichtigte er, ins Bewußtsein des Publikums zu heben, das menschenfeindliche Strukturen bekämpft, wenn möglich verhindert werden müßten. Dabei handelte er in der Reihenfolge des Stückes die Themen kapitalistische Ausbeutung, Faschismus und Kolonialismus ab. Nono nennt mehrere Ereignisse, die seinerzeit viele bewegten und die er in das Werk einarbeitete. Bergwerksunglücke, insbesondere dasjenige in Marcinelle in Belgien ist für ihn eine Gelegenheit, Ausbeutung und Unterdrückung darzustellen. In mehreren Szenen klingt das Thema an.

In der dritten Szene des ersten Teils werden die großen Volksdemonstrationen künstlerisch umgesetzt, die im Juli 1960 einen Versuch faschistischer Restauration verhinderten. In den Szenen vier bis sieben hat Folgendes Nonos Schaffen beeinflußt: "Der Kampf der Algerier um ihre eigene Freiheit" sowie "die neonazistischen Foltersysteme, die von den französischen Paras im Versuch, die Bewegung zu vernichten, errichtet worden waren.

Weitere Anstöße zur Gestaltung waren: "Verschiedene Formen der rassischen Intoleranz von Neonazismus 1960: dritte Szene des zweiten Teils" und schließlich "Die Überschwemmung des Po und die Tragödie der Deltaregion: vierte (Schluß-) Szene." Es finden sich auch Texteinfügungen aus Gedichten von Ripellino, Majakowski, Brecht und anderen. Dazu kommen Dokumentationen wie "das nazistische Verhör von Julius Fucik", wiedergegeben in seinem Buch "Reportage unter dem Strang geschrieben" und die Verhöre einiger Algerier durch die Polizei, wiedergegeben in "La cancrena" ("Der Brand") für die vierte Szene "Auf einem Polizeibüro, Verhör einiger Verhafteter".

So finden sich noch viele Hinweise in Nonos Aufsatz. Dies zu wissen trägt viel zum Verständnis des Werkes bei, gleichzeitig zeigt es aber auch, wie durch die Transposition in die Kunst sich die historischen Ereignisse zu allgemein gültigen Beispielen wandeln. Das einmalige Ereignis wird zum immer gültigen.

Musik und Handlung der "Intolleranza 1960". Es war Nonos Absicht, die Oper zu einem intensiveren "Hörerlebnis" zu machen, als dies bisher üblich war. Deshalb werden zusätzlich elektroakustische Mittel wie Lautsprecher eingesetzt, die den Ton aus vielfältigen Richtungen erschallen lassen. Sehen und Hören soll sich auf mannigfache Weise überkreuzen, verwischen, aber auch potenzieren. Es handelt sich um ein "Klang-Raum-Konzept, in dem es keine eindeutigen Beziehungen zwischen visuellen und klanglichen Quellen und Ereignissen gibt". Man lasse sich aber nicht durch solche Interpretationen kopfscheu machen. Die suggestive Kraft dieser Musik ist so stark, daß man am besten fährt, wenn man sich dem Klangerlebnis einfach hingibt und - entgegen dem theoretischen Überbau - das, was hört und sieht, in seinem Inneren koordiniert.

I. Teil. Nach einem Einleitungschor bei geschlossenem Vorhang "Lebendig ist, wer wach bleibt... Lebendig ist, wer das Licht erwartet..." führt uns die 1. Szene in ein Bergarbeiterdorf. Ein Mann, der vor der Arbeitslosigkeit des Südens geflüchtet war, um in den Bergwerken des Nordens zu arbeiten, will wieder in die Heimat zurückkehren. Auch seine Frau, die hereinstürzt (2. Szene) kann ihn nicht umstimmen. Sie droht jedoch: "Aber ich folge dir! Ich räche mich!" Doch der Flüchtling tritt seine Reise an.

3. Szene. In einer Stadt - Große Demonstration - Der Flüchtling als Zuschauer. Man demonstriert gegen Faschismus, für die Freiheit des Volkes. Die Polizei greift ein. Unter den Verhafteten befindet sich auch der Flüchtling. 4. Szene. Auf dem Polizeibüro - Verhör einiger Verhafteter. Der Flüchtling wird verdächtigt, ein Spion zu sein. Da er schuldlos ist, kann er nichts aussagen. "Frau als Wächterin auftretend" verlangt die Folterung: "In seinen Körper Ströme von elektrischen Entladungen!" 5. Szene. Die Folterung. Der Chor der Gefolterten wendet sich an das Publikum: "Und ihr? Seid ihr taub?..." Stimme von Sarte beendet die Szene: "In keiner Epoche war der Wille frei zu sein bewußter und stärker..."

6. Szene. In einem Konzentrationslager. Der Chor der Gefangenen eröffnet die Szene. Die Gendarmen schleppen den Gefolterten herein. Durch das Wort "Freiheit" beseelt, beschließen der Flüchtling und ein Algerier, das Weite zu suchen. 7. Szene. Nach der Flucht aus dem Konzentrationslager. Flüchtling und Algerier sowie Chor der Flüchtlinge und Algerier denken an eine Zukunft in Freiheit.

II. Teil. 1. Szene. Einige Absurditäten des heutigen Lebens. Die Regieanweisung des Textbuches charakterisiert die Situation: "Der Flüchtling bewegt sich auf der Bühne zwischen Projektionen, Stimmen und Mimen, die einige Absurditäten des heutigen Lebens symbolisieren. Gestört und verwirrt, wird er fast von ihnen überwältigt. Stimmen und Fetzen von Schlagzeilen illustrieren dies, bis ein großer Explosionsdonner die Szene beendet. 2. Szene. Begegnung des Flüchtlings und seiner Gefährtin. "Eine schweigende Menge unter dem Eindruck der Explosion." Von den Greueln der Vergangenheit wenden sich Gedanken und Sehnsüchte von Flüchtling und Gefährtin einer besseren Zukunft zu: "Foltern. Qualen. Schreie der Raben, aber im Lächeln einer Frau kann die Welt noch einmal leuchten."

3. Szene. Projektionen von Episoden des Schreckens und des Fanatismus. Der Flüchtling und seine neue Gefährtin, für ihn bedeuten sie Hoffnung und Leben, werden von der Frau eingeholt. Die Frau geht an ihrem Haß zugrunde. Gruppen von Fanatikern verwandeln sich in Gespenster und Schatten, doch: "Die Projektion des Rassen-Fanatismus werden fortgesetzt: Eingang eines Bergwerkes, Eingang der Universität, die Schrift "Arbeit macht frei" über dem Eingang des KZ. Projektionen von Symbolen und Albträumen der Intoleranz" (Regieanweisung). Mit einem "Nie wieder!" werfen sich Flüchtling und Gefährtin gegen die projezierten Symbole und bringen sie zum Verschwinden. Gemeinsam mit dem Chor schließen sie die Szene: "Wie einer zweiten Sintflut Verheerung waschen wir wieder die Städte der Welt!"

4. Szene. In der Nähe eines Dorfes am Ufer eines großen Flusses bei Hochwasser. Bevor der Flüchtling mit seiner Gefährtin seine Heimat erreicht, werden sie am Ufer eines großen Flusses aufgehalten. Eine große Überschwemmung vernichtet alles und treibt die Menschen in die Flucht. In deren Flucht erkennt der Flüchtling sein eigenes Schicksal wieder. Es wird ihm klar, daß man bleiben müßte und die Lebensumstände verändern. Der Schlußchor zitiert aus Brechts Gedicht "An die Nachgeborenen" mit den Worten "Ihr aber, wenn es soweit sein wird, daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist, gedenkt unserer mit Nachsicht."

W. R.


Quelle Datum Copyright
Wolfgang Rostock 01.04.1999 Volksbühne Bremen

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