...Der Fliegende Holländer
Romantische Oper in drei Aufzügen
Text und Musik von Richard Wagner
Personen:
Daland, ein norwegischer Seefahrer (Baß)
Senta, seine Tochter (Sopran)
Erik, ein Jäger (Tenor)
Mary, Sentas Amme (Alt)
Der Steuermann Dalands (Tenor)
Der Holländer (Bariton).
Matrosen des Norwegers - Die Mannschaft des fliegenden Holländers
Norwegische Mädchen.
Ort:
Die norwegische Küste.
Die Entstehung der romantischen Oper -Der Fliegende Holländer- fällt in eine besonders unruhige Zeit des ohnehin an aufregenden Ereignissen nicht armen Lebens von Richard Wagner.
Nach ziemlich unregelmässig betriebenen Studien suchte der junge Musiker (geb. 1813 in Leipzig) nach einer Stellung, die seinen Plänen und seinem Fortkommen dienlich sein konnte.
Tatsächlich gelang es ihm, in Würzburg eine Kapellmeisterstelle zu bekommen.
Aber nach kurzer Zeit wechselte der Einundzwanzigjährige 1834 in eine gleiche Position in das doppelt so große Magdeburg. Schon 1836 aber folgte er seiner Geliebten, der Schauspielerin Minna Planer, nach Königsberg, wo das Paar heiratete und Wagner die Stelle des musikalischen Leiters bekam.
Aber bereits 1837 sehen wir ihn in der gleichen Stellung in Riga, von wo er jedoch 1839 wegen
hoher Schulden regelrecht fliehen mußte - Zeit seines Lebens konnte er nicht mit Geld umgehen.
Auf dem Landwege ging es nach dem ostpreussischen Pillau bei Königsberg, wo man sich auf der -Thetis- nach London einschiffte. Ziel der Reise war jedoch Paris, wo sich Wagner eine glänzende Laufbahn erhoffte. Die Überfahrt war äußerst stürmisch. Das Segelschiff mußte sogar einen Nothafen an der norwegischen Küste
aufsuchen. Nicht nur dieses Ereignis, sondern auch andere Eindrücke dieser Seereise gingen in Musik und Textbuch des -Fliegenden Holländer- ein. So ist es kein Zufall, daß die Oper an norwegischen Gestaden spielt. All diese Erlebnisse nahm Wagner in seine Phantasie auf, hatte er doch bereits begonnen, sich mit dem Stoff seiner Oper zu beschähigen. In Paris angekommen, konnte er sich allerdings nur wenig mit dem neuen Werk beschäftigen.
Im Vordergrund stand die Arbeit an der voraufgehenden Oper -Rienzi-. Uberhaupt war jene Zeit für Wagner voller Enttäuschungen. An den erhabenen künstlerischen Erfolg war nicht zu denken. Ja, er war sogar gezwungen, eine einaktige Fassung des -Fliegenden Holländers- zu verkaufen. Diese wurde von dem französischen
Komponisten Dietsch in Musik gesetzt und ging unter dem Titel -Le vaisseau fantôme- an der Großen Oper in Szene.
Über Wasser gehalten wurden in dieser Zeit Wagner und seine Frau durch Zuwendungen des bedeutenden, in Berlin geborenen, jüdischen Komponisten Giacomo Meyerbeer (1791-1864). Wagner bekam etwas Luft, konnte das Textbuch des -Holländers- niederschreiben und im September des Jahres 1841 die Komposition abschließen.
Von Paris aus bot er sein Werk in München und Leipzig an.
Aber erst auf Empfehlung von Meyerbeer hin wurde es von der Berliner Hofoper angenommen. (Skrupellos wie Wagner nun einmal war, hat er später Meyerbeers Werke
verächtlich runtergemacht. Das hatte den negativen Erfolg, daß diese bis heute in Deutschland kaum auf der Bühne erscheinen, während sie in Frankreich fester Bestandteil des Repertoires sind.)
In Berlin blieb die Partitur des -Holländers- wegen eines bevorstehenden Intendantenwechsels allerdings erst einmal liegen, und die Hofoper trat die Uraufführung an Dresden ab, wo man wegen des großen Erfolges des (stilistisch auch von Meyerbeer abhängigen) -Rienzi- an einer Aufführung interessiert war. Am 2. Januar 1843 ging nun dort -Der Fliegende Holländer- zum ersten Mal in Szene. Trotz der überragenden Leistung eines damaligen Gesangsstars, der Sopranistin Wilhelmine Schröder- Devrient, war der Erfolg nicht mit dem des -Rienzi- zu
vergleichen. An anderen Bühnen wurde das Werk aber mit großer Zustimmung aufgenommen, obgleich Wagner an der ersten Fassung nur unwesentliche Anderungen
vorgenommen hatte.
Die Geschichte vom fliegenden Holländer ist ein alter Sagenstoff. Wagner lernte diesen in den Dichtungen von Heinrich Heine kennen, in dessen Werken er zweimal
erscheint, einmal in den -Reisebildern aus Norderney- (1826) und dann im 7. Kapitel der -Memoiren des Herrn von Schnabelewopski- (1834). Außerdem nahm Wagner noch Einzelheiten aus der -Geschichte vom Gespensterschiff- (1826) von Wilhelm Hauff in sein Textbuch auf.
Handlung und Musik:
Mit dem -Fliegenden Holländer- löst sich Wagner weitgehend von den französischen und auch italienischen Vorbildern und schließt sich den Vorbildern der deutschen
Romantik an. Wegweisend sind Carl Maria von Weber (1786-1826), der Komponist des -Freischütz- und der -Euryanthe- und - nicht zu unterschätzen - Heinrich Marschner (1795 -1861). Die Titelpartien von dessen beiden Hauptopern -Der Vampyr- (1827) und -Hans Heiling- (1833) sind in der Stimmlage für Bariton geschrieben und dieser Einfluß auf die Gestaltung der Partie des Holländers ist deutlich. Die enge Verwandtschaft der drei dämonischgeisterhaften Charaktere zeigt sich sowohl in deren textlicher wie auch musikalischer Gestaltung.
Bei der bühnengerechten Bearbeitung des Stoffes bemüht sich Wagner zum ersten Mal, dem Geschehen einen philosophisch- gedanklichen Hintergrund zu geben. Als
dramaturgisches Element nimmt er die Idee der Erlösung auf, die sich dann auch in den meisten seiner folgenden Opern findet: Der schuldige Mensch wird durch die
selbstlose Hingabe eines anderen erlöst, der sich aus Liebe opfert.
In der Gestaltung der Gesangslinien folgt er schon weitgehend seinem später fast ausschließlich gepflegten Deklamationsprinzip, was bedeutet, daß sich die melodische Erfindung an der normalen Sprachmelodie orientiert. Daneben finden sich aber noch Stellen, wo herkömmliche Formen den musikalischen und damit
gesanglichen Verlauf bestimmen. So ist die Erzählung Eriks eine Romanze oder die Auseinandersetzung zwischen Senta und Erik ist ein ganz normales Duett.
Diese Uneinheitlichkeit der Stilebenen wird gelegentlich kritisch hervorgehoben. Das ist aber nicht angemessen, denn der Schwung des jungen Komponisten trägt über solche Unebenheiten hinweg; die Oper erscheint wie aus einem Guß. Dies geht so weit, daß es durchaus gerechtfertigt ist, das dreiaktige Werk ohne Pause, in einem Zug aufzuführen, wie es gelegentlich geschieht. So ist es auch zu verstehen, daß Wagner seine Oper zunächst als -Dramatische Ballade- bezeichnen wollte.
Dicht und gedrängt erscheint der szenische Ablauf. Der Begriff -Ballade- drängt sich auch auf, weil im Mittelpunkt der Oper, im 11. Akt, von Senta eine Ballade gesungen wird, von der Wagner mitteilt: -ln diesem Stücke legte ich
unbewußt den Keim der ganzen Musik der Oper nieder: es war das verdichtete Bild des ganzen Dramas-. So begegnen wir hier den beiden wichtigsten Motiven, dem
des Holländers sowie dem der Erlösung. Dazu kommen Elemente der Sturmmusik.
In der Ouvertüre wird dies gesamte mativische Material erweitert ausgebreitet. Dadurch wird nicht nur in die Stimmungswelt der Oper eingeführt, sondern auch die
gedanklichen und dramaturgischen Abläufe werden deutlich gemacht. Diese Ouvertüre ist eine symphonische Dichtung wie sie in der romantischen Musik neben die
mehr-, meist viersätzige Sinfonie tritt Wagner schildert die Gewalt von Sturm und Wellen, die dem Seefahrer zur Gefahr werden, durch die aber der Holländer unangefochten mit seinem Gespensterschiff daherstürmt.
Dessen Motiv steht dem von der Erlösung durch bedingungslose Liebe gegenüber.
Die Musik leitet nahtlos in den 1. Akt über. In einer von steilen Felsenwänden umgebenen Bucht hat das Schiff des reichen Seehandelskaufmanns Daland Zuflucht vor dem Sturm gefunden. Die Mannschaft wird zur Ruh geschickt.
Der Steuermann sucht sich mit seinem Lied -Mit Gewitter und Sturm aus fernem Meer- wachzuhalten.
Trotzdem übermannt ihn die Müdigkeit, so daß er das erneute Anschwellen des Sturmes nicht bemerkt und nicht das gespenstische Schiff, das in die Bucht einläuft.
Das begleitende Motiv sagt, wem der düstere Segler gehört:
dem Holländer, der einsam und müde an Land geht. Mit einem großen Monolog -Die Frist ist um- schildert er sein Schicksal, das ihn auf Grund eines Fluches ruhelos bis ans Ende aller Tage über die Meere treibt. Alle sieben Jahre darf er an Land, auf Erlösung durch die Liebe einer Frau hoffend.
Daland kammt an Deck, entdeckt das fremde Schiff und den einsamen Mann an Land, der ihm für die Gastfreundschaft einer Nacht eine Truhe mit Schätzen bietet. Erfreut willigt Daland ein und ist beglückt, als der Holländer ihn unvermittelt fragt, ab er eine Tochter habe und auf die bejahende Frage schroff fordert: -Sie sei mein Weib!- So ein reicher Schwiegersohn ist nach seinem Herzen. Da ein günstiger Wind sich aufmacht, segelt das norwegische Schiff unter dem begeisterten Gesang der Matrosen -Südwind, Südwind- zu dem nicht entfernten
Heimathafen. Das Schiff des Holländers folgt.
II. Akt
In einem großen Zimmer in Dalands Haus spinnen die Frauen und die Mädchen unter Marys Aufsicht und erwarten die Heimkunft ihrer Männer und Liebsten. (Chor:
-Summ und brumm, du gutes Rädchen-.) Nur Senta singt nicht mit. Sie ist in den Anblick eines Bildes an der Wand versunken, das einen bleichen, düsteren Seemann in altertümlicher Tracht zeigt.
Da Mary sich weigert, die Ballade vom fliegenden Holländer zu singen, tut sie es selbst: -Johohoe! Traft ihr das Schiff im Meere an-.
Wind und Wellen, alle Einzelheiten vom Schicksal des Holländers zeichnet das Orchester nach. Sie steigert sich immer weiter hinein und als sie nach dem -Doch kann dem bleichen Mann Erlösung einstens noch werden- ekstatisch verkündet, sie werde ihn erlösen, sind alle entsetzt, auch Erik, der eintrift, um die Ankunft von Dalands Schiff zu verkünden.
Erik ist verstört und sucht Senta, die ihm versprochen ist, von ihren für ihn unheimlichen Gedanken abzubringen, im dem er ihr warnend einen Traum erzählt: -Auf hohem Felsen lag ich träumend-. Aber Senta wirkt wie entrückt und hoffnungslos stürzt er davon. Daland kommt mit dem Fremden, in dem Senta sofort den bleichen Mann auf dem Bilde erkennt. Daland stellt ihn arglos vor: -Mögst du, mein Kind-, dann lässt er die beiden allein. Senta sieht ihren Traum Wirklichkeit werden und schwört Treue bis in den Tod. Der Holländer ahnt das nahe Ende seiner Qualen. Behutsam entfaltet sich ein großes Duett: -Wie aus der Ferne längst vergangener Zeiten.- Daland ist mit dem Verlöbnis sehr zufrieden.
III. Akt
An der Bucht vor Dalands Haus, wo die beiden Schiffe
liegen, feiert die Mannschah des Norwegers die glückliche
Heimkehr mit dem ausgelassenem Männerchor
-Steuermann, lass die Wacht-, ja sie tanzen sogar
miteinander, da die Mädchen noch fehlen. Als diese
kommen, entschließt man sich, auch die Mannschaft des
fremden Schiffes an Speisen und Trank teilhaben zu
lassen. Doch da erhebt sich ein unwirklicher Sturm um das
Schiff des Holländers herum und geisterhafte Stimmen
erklingen aus dem sonst leblosen Schiff. Die norwegischen
Matrosen versuchen dagegen anzusingen, werden aber
übertönt und fliehen entsetzt. Es herrscht Totenstille.
Senta und Erik treten aus dem Haus, er erinnert sie an das
einst gegebene Treueversprechen (Kavatine: -Willst jenes
Tages du nicht mehr dich erinnern-). Der Holländer, der
unbemerkt den beiden gefolgt ist, glaubt sich wiederum
betrogen. Er gibt den Befehl zum Ankerlichten, aber Senta
tritt ihm in den Weg: Sie will die Treue halten. Der Holländer
will sich jedoch nicht aufhalten lassen, nur will er Senta
retten. Als Verdammter muß er sonst jede Frau die sich
ihm anvertraut, mit ins Verderben reißen. Er stürzt auf das
Schiff. Daland, Mary, die Schiffsleute und die Mädchen von
Erik herbeigerufen, versuchen Senta zurückzuhalten. Doch
diese stürzt sich von den Klippen ins Meer: -Preis deinen
Engel und sein Gebot! Hier steh' ich treu dir bis zum Tod!-
Da versinkt das Gespensterschiff in den Wogen. Unter den
Klängen des Motivs der Erlösung erscheinen - so die
Regieanweisung Wagners - die verklärten Gestalten
Sentas und des Holländers über den Trümmern seines
Schiffes.