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VB-ARCHIV
TEXTE, EINFÜHRUNGEN DER VOLKSBÜHNE BREMEN ![]() 27.12.2006 |
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Faust Verdammnis ...eine excellente Einführung in das Stück FAUSTS VERDAMMNIS (La damnation de Faust) Dramatische Legende (Legende dramatique)
in vier Teilen. Text von Hector BerIioz und Almire Gandonniere nach der
Übersetzung von Goethes "Faust I" von Gerad de Nerval. Musik von Hector Berlioz Personen: Faust (Tenor) - Mephistophélès (Baß) - Marguerite =
Margarete (Mezzosopran) – Brander (Baß). Studenten, Bürger, Bauern, Soldaten,
Geister, verschiedene gespenstische Erscheinungen. Ort und Zeit: Ungarn
und Deutschland in einem sagenhaften Mittelalter. Berlioz und seine Musik: Die
Musik von Hector Berlioz ist so umfassend und facettenreich, daß der Komponist
vielen als einer der größten französischen Komponisten gilt. Gleichzeitig ist
auch seine Bedeutung für die europäische Musik gar nicht zu unterschätzen,
überall sind seine Spuren, Einflüsse, weiterführenden Wirkungen deutlich. In genialem Zugriff weitete er die Ausdrucksmöglichkeiten des
Orchesters aus und zwar nicht nur, indem er das lnstrumentarium vergrößerte,
sondern indem er auch neue Klangräume erschloß, aufspürte, erklingen ließ. Er
gilt als der eigentliche Begründer der Programmmusik und als der Schöpfer der
Sinfonischen Dichtung (Poème Symphonique). Seine realistischen musikalischen
Bilder, verbunden mit faszinierenden emotionellen Gehalten wirken weiter in den
sinfonischen Werken von Franz Liszt (1811-1886) und Richard Strauss
(1864-1949), wo sie aufgenommen und weiter ausgebildet wurden. Wir weisen hier
nur auf zwei Komponisten hin, die diese Gattung aufgenommen und gewissermaßen
typisiert haben. Die vielen entsprechenden programmatischen Meisterwerke (oft
Ouvertüren bezeichnet) von Mendelssohn, Smetana, Tschaikovskij nur zu nennen,
würde schon zu weit führen. Auch manche Vorspiele zu Opern von Richard Wagner (1813-1883)
gehören hierher, und viele Szenen in seinen Bühnenwerken sind mit
programmatischer Musik gestaltet; Walkürenritt, Siegfrieds Rheinfahrt,
Feuerzauber, Karfreitagszauber und so weiter und so fort. Von Wagners
Leitmotivtechnik kann man nicht reden, ohne auf die "Idée Fixe"
hinzuweisen, mit der Berlioz den Erinnerungsmotiven klassischer und
frühromantischer Komponisten immer weiter reichende funktionelle und
strukturelle Aufgaben in musikalischen Großformen eröffnet. Um die Dinge konkret
zu machen, seien hier nur die Satzüberschriften der "Fantastischen
Sinfonie' ("Symphonie Fantastique") op. 14 von 1830 genannt: 1.
"Träumereien - Leidenschaften", 2. "Ein Ball", 3.
"Szene auf dem Lande", 4. "Marsch zum Hochgericht, 5.
"Traum einer Sabbatnacht". Das musikalisch gezeichnete Bild einer geliebten Frau zieht sich
als "Idée Fixe" leitmotivisch durch alle Sätze des Werkes.
Sprechender Untertitel der Sinfonie ist "Episoden aus dem Leben eines
Künstlers". Autobiographisch wird die Liebe Berlioz' zu der irisch-englischen
Schauspielerin Harriet Smithson geschildert, die seinerzeit in Paris
Shakespeare's Julia spielte, den Komponisten begeisterte, ihm die Ehe
versprach, ihn heiratete, was zu einer bitteren Enttäuschung führte. Überhaupt
ist das Leben dieses Großen im Reich der Musik nicht arm an Enttäuschungen
gewesen. Geboren wurde er 1803 in La Côte-Saint-André als Sohn eines Arztes. Er
wurde nach Paris geschickt, um ebenfalls Medizin zu studieren, aber die Oper
der Hauptstadt sah ihn, öfter als die Universität. Schließlich setzte er aber
doch gegen seine Familie durch, Musiker werden zu dürfen. Gluck, Mozart,
Beethoven und Weber waren seine Vorbilder. Für die Pariser Aufführung des
"Freischütz" instrumentierte er ein Klavierrondo des Komponisten als
Balletteinlage, des seitdem als "Aufforderung zum Tanz" weltberühmt wurde. Er f5nahm
1826 das Studium am Pariser Konservatorium auf, gewann 1830 den großen
Rompreis, mit dem er auf Kosten des lnstituts mehrere Jahre in Italien
studieren und leben konnte. Hier entstand neben anderen meisterhaften Werken
wie der "Fantastischen Sinfonie" auch eine Fortsetzung dazu:
"Lelio oder die Rückkehr zum Leben", eine sinfonische Dichtung mit
Chor, Orchester und Solisten, die nicht sichtbar aufgestellt werden sollen. Im Jahre 1832 kehrte Berlioz nach einigen abenteuerlichen
Eskapaden, die viel Aufsehen erregten, nach Paris zurück. Dies waren nicht nur
Ausrutscher eines jungen Genies er war inzwischen ja auch knapp 30 - sondern es
sind Indizien des Fremdwerdens des Künstlers in der Gesellschaft, eines Sich-
nicht-mehr- zurechfindens, was Berlioz im Laufe seines Lebens in eine
verhängnisvolle Vereinsamung führen sollte. Am Schicksal Berlioz wird der
Beginn einer Entwicklung deutlich, die für das Verhältnis von Kunst, insbesondere
Musik, zur Gesellschaft typisch wurde. Berlioz hatte am Konservatorium noch bei Le Sueur (auch Lesueur)
studiert, der zu den bedeutenden Komponisten der Revolution gehörte, die
entsprechend der revolutionären Ideen eine Musik für alle anstrebten. Berlioz
fühlte sich diesen Anschauungen verpflichtet, wofür die "Symphonie funèbre
et triomphaie" (1840) der Beweis ist, eine groß angelegte Trauer- und
Triumphmusik für die Gefallenen der Revolution von 1830. Der Wunsch aber, alle, die gesamte Bevölkerung mit Kunstmusik zu
erreichen (was Mozart, Beethoven, Weber noch geschafft hatten), war inzwischen
Illusion geworden. Die Musik hatte sich weiterentwickelt, so daß von nun an ein
Mindestmaß an Bildung nötig war, diese zu verstehen. Des
Unterhaltungsbedürfnisses des sogenannten breiten Publikums hatte sich eine
kommerzialisierte Branche der Schlagermusik bemächtigt, deren sich immer mehr
steigerndes Gewinnstreben zur heutigen Industrialisierung dieses Musikmarktes
führte. In England setzte diese Entwicklung schon früher, in Deutschland etwas
später ein, ungefähr nach der mißglückten Revolution von 1848, so nimmt es denn
nicht Wunder, daß wir in bestimmten Lebenssituationen von Schumann und Wagner
Ähnlichkeiten zu entsprechenden in Berlioz Leben entdecken. Das Auseinanderfallen
von U- und E-Musik (Unterhaltung – Ernst), das uns bis heute beschäftigt,
schaffte seit dem den Komponisten große Probleme. Berlioz stand gewissermaßen ohne Publikum da, denn auch das
Bürgertum war nicht bereit, seine neue Tonsprache zu hören, ihm in seine neuen
Klangwelten zu folgen. Er geriet in eine Isolierung, die er mit folgenden
ergreifenden Worten schilderte: "In dieser Zeit... fühlte ich aufs neue
die Anfälle einer grausamen (wenn man will moralischen, nervösen,
eingebildeten) Krankheit, die ich das Leiden der Vereinsamung nennen
möchte...". Und so schrieb er ein Meisterwerk nach dem anderen und quälte
sich von einem Mißerfolg zum nächsten. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, arbeitete er für
verschiedene Zeitschriften und entwickelte sich dabei zu einem glänzenden
Musikkritiker, dessen – teilweise spöttische – Schriften auch heute noch mit
Genuß zu lesen sind. Seine Arbeit "Die Kunst der Instrumentation"
wurde ein Hauptwerk der Instrumentationskunde. Im übrigen war er lediglich
Bibliothekar am Konservatorium. Seine Oper "Benvenuto Cellini"
erlebte 1838 in Paris einen grandiosen Mißerfolg, der auch durch die später
nachkomponierte großartige Ouvertüre "Römischer Karneval" nicht
ausgeglichen werden konnte. Durch den englischen romantischen Schriftsteller Lord Byron
(1788-1824) angeregt, war die sinfonische Dichtung für Solobratsche und
Orchester "Harold in Italien" vorangegangen. Das Werk war für
Paganini geschrieben worden, der lehnte aber die Aufführung ab. Nach Dichtungen
von Shakespeare entstanden noch eine dramatische Sinfonie: "Romeo und
Julia" und eine letzte Oper "Béatrice et Bénédict" ("Viel
Lärm um Nichts"), die aber so gut wie nicht beobachtet blieb. Noch
schlimmer erging es der groß dimensionierten Oper (lyrische Tragödie in zwei
Teilen) "Die Trojaner': Sie wurde erst gar nicht aufgeführt. Dazu kommen
noch ein "'Requiem" in riesiger Besetzung, ein "Te Deum",
die biblische Triologie "Die Kindheit Christi". Es ist nicht möglich,
den schöpferischen Kosmos von Berlioz in diesem Rahmen abzuschreiten.
Krankheit, Vereinsamung, der Verlust seines Sohnes Louis verbitterten Berlioz'
letzte Lebensjahre. Überanstrengt und erschöpft starb er 1869. Berlioz' Begegnung mit dem "Faust"-Stoff. Wie manche andere literarisch
gebildeten Franzosen der Zeit interessierten Berlioz unter den deutschen
Dichtern besonders zwei: E.Th.A. Hoffmann und Goethe. Schon sehr schnell nach
dem Erscheinen des "Faust I" lernte er die Dichtung in der
Übersetzung von Gérad de Nerval kennen und komponierte bereits 1829 die
"Hiut scènes de Faust" ("Acht Faust-Szenen"). Diese
bedeutende Partitur schickte er Goethe. Der aber hörte auf das vernichtende
Urteil seines musikalischen Mentors Carl Friedrich Zelter (1758-1832) und
antwortete gar nicht. Anfangs der 1840er Jahre lichteten sich die Verhältnisse Berlioz'
für ein paar Jahre etwas. Er konnte Konzertreisen nach Deutschland, England,
Rußland und Österreich unternehmen. In Deutschland fand er ein begeistertes
Publikum, außerdem wurde er durch Liszt gefördert. Auf einer Tournee als
Dirigent kam er unter anderem 1845/46 durch Böhmen und Ungarn. Er wandte sich
erneut dem Stoff zu und entwickelte aus den "Acht Faust-Szenen"
unsere "Légende dramatique". Dies erklärt die Ansiedlung des ersten
Teils in Ungarn. Handlung und Musik. Die grüblerische, suchende, auch kämpferische
Natur Fausts hat bei Berlioz noch melancholische Züge, Weltschmerz im Sinne von
Byron dazugewonnen. Mephisto ist ein Verführer, der eine ganze Skala
verschiedenster Künste beherrscht. Die souveräne Beherrschung des großen
Orchesterapparates und die überlegene Instrumentierungskunst Berlioz' ist in
diesem Werk an vielen Stellen zu bewundern. Wir begegnen im Handlungsverlauf
viel Bekanntem, so daß man sich trotz der Hinzufügungen und Umstellungen leicht
zurechtfindet. Es gibt verschiedene Fassungen. I. Teil. Faust ist vom Sonnenaufgang über der ungarischen Ebene
ergriffen und besingt die Schönheit des Frühlings und der Natur: "Le vieil
hiver"/"Der alte Winter". Bauern begrüßen mit Tänzen und Liedern
ebenfalls den Frühling. Soldaten ziehen ins Feld. Es erklingt das erste
bekannte hinreißende Orchesterstück, der "Ungarische Marsch". Berlioz
schreibt dazu: "Das Thema dieses von mir instrumentierten und entwickelten
Marsches ist in Ungarn unter dern Namen 'Rakoszi' berühmt geworden; es ist sehr
alt, stammt von einem unbekannten Autor und diente früher den Ungarn als
Kriegslied, das sie an der Spitze ihrer Regimenter sangen." II. Teil. In finsterem Lebensüberdruß brütet Faust in seiner
Studierstube in Norddeutschland vor sich hin. Das österliche "Christ ist
erstanden" hält ihn vom Selbstmord zurück. Die in ihm aufkeimenden
Erinnerungen an Kindheit und naive Frömmigkeit verhöhnt und zerstreut Mephisto.
Beide begeben sich nach Leipzig, um dort in Auerbachs Keller unter
zechenden und singenden Studenten das "wirkliche Leben"
kennenzulernen. Brander gibt das bekannte Rattenlied zum Besten: "Certain
rat"/"Es war eine Ratt im Kellernest". Mephisto setzt dem das
"Flohlied" entgegen: "Une puce gentille"/ "Es war
einmal ein König". Da dies Treiben Faust nicht befriedigt, führt ihn Mephisto in die
Elb-Auen ("Voici des roses "/"Sieh hier die Rosen"), Faust
schläft ein, Mephisto ruft Geister herbei, die mit Gesängen und Tänzen Faust
ein schönes Mädchen vorgaukeln: Margarete. Im Rhythmus eines zarten Walzers
erklingt mit einer anmutigen poetischen Melodie der "Sylphentanz".
Mephisto verspricht, Faust zu dem Mädchen zu führen, um sein Verlangen zu
stillen. Mit einem Soldatenlied und einem Studentenchor endet das Bild. III. Teil. Faust erwartet Margarete in deren Zimmer. Er ist tief
beeindruckt von Sauberkeit und Ordnung, in denen sich Margaretes Charakter
wiederspiegelt. Versteckt hört er, wie sie von den dunklen Bildern eines
Traumes loszukommen sucht, indem sie das Lied vom König in Thule singt:
"Autrefois un roi de Thule'/"Es war ein König in Thule'. (Es ist für
uns schwer, von der vertrauten Vertonung Zelters loszukommen, genauso wie im
nächsten Teil von Franz Schuberts (1797-1828) Komposition "Gretchen am
Spinnrade'. Mephisto beschwört lrrlichter, einen Tanz aufzuführen, damit
Margarete einem Liebeszauber verfällt. Beunruhigend, drohend, spottend,
sprühend geistert diese Musik vorüber(Tanz/Menuett der lrrlichter), Verwirrt
sinkt Margarete in Fausts Arme, aber die Nachbarn haben die Mutter gewarnt,
deshalb triff Mephisto dazwischen. Enttäuscht muß Faust fliehen. IV. Teil. Margarete sehnt sich nach Faust, der sie verlassen hat.:
'D'amour l'ardente flamme "/"Meine Ruh ist hin" (Gretchen am
Spinnrad). Soldaten und Studenten ziehen vorbei. "Wald und Höhle"
(Goethe). Faust leidet an der Welt und sucht seiner Begierden ledig zu werden;
"Natur immense"/"Unendliche Natur". Mephisto kommt mit der
Nachricht, daß Margarete zum Tode verurteilt wurde, weil sie ihre Mutter mit
dem Schlaftrunk ermordet habe, den ihr Faust gegeben hatte, um ungestörte
Liebesnächte verbringen zu können. Im Gegensatz zu Goethe kommt jetzt erst der
Teufelspakt. Margarete soll leben, wenn Faust sich Mephisto verschreibt. Faust
ist sofort bereit. Für die geliebte Frau opfert er sein Heil. (Trotz des
düsteren Contextes eine chevalereske, echt französische Lösung.) Der Pakt wird
sofort eingeIöst: Auf schwarzen Rossen reiten Mephisto und Faust zur Hölle.
Gleichzeitig wird Margarete erlöst und in den Himmel aufgenommen. Dieser Schluß des Werkes ist ein musikalisches Meisterstück: Der
dahergaloppierende Höllenritt wird durch dämonische Geisterchöre zu einem
wahren Hexen- und Teufelssabbat gesteigert, dann durchdringen von oben Chöre
der Engel das finstere Brodeln, bis schließlich in lichten Tönen die guten
Mächte siegen. W. R.
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