ADRIANA LECOUVREUR
Oper in vier Akten von Arturo Colautti nach dem gleichnamigen Schauspiel von Eugene Scribe und Ernest Legouve
Musik von Francesco Cilea
Personen: Adriana/Adrienne Lecouvreur, Schauspielerin an der Comedie Francaise (Sopran) - Maurizio, Conte di Sassionia/Moritz, Graf von Sachsen (Tenor) - Fürst von Bouillon (Baß) - Fürstin von Bouillon (Mezzosopran) -Abbe von Chazeuil (Tenor) - Mitglieder der Cornedie Francaise: Michonnet, Regisseur (Bariton) - Quinault, Schauspieler (Baß) - Poisson, Schauspieler (Tenor) - Mademoiselle Jounot, Schauspielerin (Sopran) - Mademoiselle Dangeville, Schauspielerin (Mezzosopran) - Ein Haushofmeister (Tenor) - Damen und Herren der Gesellschaft - Diener - Bühnenarbeiter - Statisten an der Comedie Francaise.
Ort und Zeit: Paris 1730.
Francesco Cilea und seine Kollegen - Komponisten mit nur einer Erfolgsoper. Ein merkwürdiges Phänomen ist unter den um l860 geborenen Komponisten Italiens zu beobachten: Mehrere von ihnen haben eine ganze Reihe von Opern geschrieben, konnten aber jeweils nur mit einer das Publikum erreichen und einen dauerhaften Erfolg verzeichnen.
Die künstlerische Uberzeugungskraft dieser einzelnen Werke ist so groß, da8 es also nicht an mangelndem Können der Komponisten liegen kann, da8 sie mit ihren anderen Schöpfungen den Durchbruch nicht schafften.
Den Reigen führt Pietro Mascagni (1863-l945) an. Er ist zwar nicht der älteste, gilt aber als der Begründer einer neuen Stilrichtung, die als 'Verismus" bezeichnet wird und der auch die folgend genannten Komponisten zugerechnet werden, darunter unser Francesco Cilea. Mit der 1890 uraufgeführten "Cavalleria rusticana" hatte Mascagni schlagartig einen weltweiten, sensationellen Erfolg. Dagegen schlugen alle Versuche, von seinen weiteren fünfzehn Opern die eine oder andere zum Bühnenleben zu erwecken, fehl.
Einen ähnlich durchschlagenden Erfolg errang Ruggiero Leoncavallo (1858-1919) mit seinem "Bajazzo" von 1892, der heute fast immer mit der "Cavalleria rusticana" an einem Abend aufgeführt wird. Aber auch hier das gleiche Bild: Von seinen weiteren acht Opern konnte sich nicht eine durchsetzen.
Ebenso erging es Alfredo Catalani (1854-l893), dessen "La Wally" (Die Geier-Wally) von 1892 immer mehr Boden auf den Opernbühnen der Welt gewinnt, während seine übrigen vier Opern offenbar keine Chance haben.
Umberto Giordano (1867-1948) - Studiengenosse von Francesco Cilea - erlitt ein ähnliches Schicksal. Mit seinem "Andre Chenier" erlebte er seit 1896 einen weltweiten Triumph, aber um seine weiteren zehn Opern kümmert sich kein Mensch, und unser Francesco Cilea (1867-1948) wurde nur durch die "Adriano Lecouvreur" bekannt. Nur Fachleute wissen von seinen vier weiteren Bühnenwerken.
Die Ähnlichkeit dieser Lebensläufe und Berufsgänge ist zumindest erstaunlich. Sollte die Ursache darin zu finden sein, daß alle diese Komponisten (Catalani mit Einschränkungen) dem Verismus zugerechnet werden? Diese Stilrichtung wollte so wie der Naturalismus in der Literatur (Henrik Ibsen: 1828-1906, Hermann Sudermann: 1857-l 928, Gerhart Hauptmann: 1862-1946) die Wirklichkeit zum Gegenstand der Kunst machen, wobei auch vor krassen Darstellungsformen nicht zurückgeschreckt werden sollte.
Auf der Musikbühne waren seinerzeit diesem Vorhaben jedoch Grenzen gesetzt: Die Vorherrschaft der schönen Gesangslinie (Belcanto) war nur wenig zurückzudrängen. Lediglich in Instrumentierung und Harmoniebildung gab es Ausweitungen und Grenzüberschreitungen. Es gelang aber daneben, sich in der Auswahl von Themen und Stoffen der Wirklichkeit erheblich anzunähern.
Auch das Leben des sogenannten kleinen Mannes wurde nun auf die Bühne gebracht. Ging es um Personen, die außerhalb des gewöhnlichen Lebens stehen, wurde nun das Alltagsleben solcher Menschen durchleuchtet und wir erfahren von deren kleinen Sorgen, Eitelkeiten, Schwindeleien und was es sonst noch an menschlichen Schwächen gibt, auch wenn die nicht gleich die Welt bewegen.
Es ist übrigens beachtlich, daß Giacomo Puccini (1858-l924), den man früher auch zu den Veristen rechnete, von seinen zwölf Opern etwa sechs bis sieben zum Erfolg führen konnte. Man ist heute der Meinung, das er den Verismus hinter sich gelassen hat. Seine diffizilen Harmoniebildungen und Instrumentierungsfähigkeiten lassen uns erkennen, erfühlen, erahnen, was hinter dem steht, was sich uns als "Wirklichkeit" darbietet. Auch noch andere Aspekte scheinen bei ihm auf. Szenen wie zum Beispie( der heraufdämmernde Morgen an der Pariser Zollschranke ("Boheme") oder die nächtliche Sei- ne, wo die unheimliche Stimmung der Nacht mit dem Dunkel im Innern der Menschen korrespondiert ("Der Mantel"), dringen schon weit in impressionistische Klangräume vor.
Solche neuen Freiräume, die er sich eröffnete, sind möglicherweise die Ursachen zu den Erfolgen, die seinen Zeitgenossen verschlossen blieben, weil sie durch den vorgegebenen, veristischen Rahmen eingeschränkt wurden.
Vielleicht, liebe Opernfreunde, kommen Sie ja beim Hören der "Adriana Lecouvreur" dem Geheimnis auf die Spur, obgleich dem ersten unbefangenen Eindruck nach sich Puccini und Cilea stilistisch nahe zu stehen scheinen.
Biographische Skizze. Francesco Cilea wurde am 29. Juli 1866 zu Palmie in Calabrien geboren. Er studierte am Konservatorium in Neapel, wo er später auch Lehrer wurde. Dann lehrte er am Liceo Musicale in Florenz, leitete von 1913 bis 1916 das Konservatorium in Palermo, kehrte l917 nach Neapel zurück und wurde Direktor des dortigen Konservatoriums.
Außer seiner berühmten Oper schrieb er auch Orchesterwerke und Kammermusik.
Vorbilder und Quellen für Figuren und Handlung der Oper.
In ihrem Bestreben, das Leben zu schildern, wie es wirklich ist, blickten die Autoren der veristischen Oper (Komponisten wie Textdichter) vor allem in zwei Richtungen: Man versuchte das alltägliche Leben zu schildern oder interessierte sich für geschichtliche Ereignisse, wenn sie verbürgt waren, also Wirklichkeit wiedergaben. So begegnen wir denn in den wichtigen Figuren unserer Oper historischen Gestalten: Adrienne Lecouvreur war Schauspielerin an der Comedie Francaise. Vielen galt sie als Frankreichs größte Schauspielerin. Als sie 1730 erst dreissigjährig starb, kam das Gerücht auf, sie sei vergiftet worden. Tatsächlich hatte sie ein Liebesverhältnis mit Moritz von Sachsen (1696-1750), einem natürlichen (= unehelichen) Sohn von August dem Starken, der später unter Ludwig XV. zum Marschall von Frankreich aufstieg.
Es kam zu einem Skandal, in den auch die Duchesse de Bouillon verwickelt war. Die Schauspielerin Duclos (1868-1748), die im Hintergrund der Handlung eine Rolle spielt, war ebenfalls an der Comedie Francaise engagiert. Sie war eine Rivalin der Lecouvreur.
Eugene Scribe, auf dessen Theaterstücke viele Opernbücher zurückgehen, machte Mitte des l5'. Jahrhunderts gemeinsam mit Ernest-Wilfried Legouve aus diesen Vorgängen ein Schauspiel, das unserer Oper als Vorlage diente.
Handlung und Musik der Oper. Trotz der relativ kurzen Spieldauer der Oper ( ca. 2 l /4 Stunden) bietet die Oper eine Fülle von Handlungselementen, soda8 es nicht immer leicht ist, zu folgen. Außerdem tritt eine für das Geschehen wichtige Person, die Schauspielerin Duclos, nicht auf. (Zu allem Überfluß gibt es mehrere Fassungen der Handlung und Musik.)
I. Akt. Eine Garderobe der Comedie Francaise. Schauspieler und Schauspielerinnen bereiten sich auf die abendliche Vorstellung vor. Abbe von Chazeuil und Fürst Bouillon erscheinen. Der Fürst sucht seine Mätresse, die Schauspielerin Duclos. Adrienne betritt die Garderobe und weist Komplimente mit der Arie "Io son I'umile ancella "/"Ich bin die demütige Magd" zurück. Die Thematik dieser Arie wird leitmotivisch eingesetzt. Ihr Können verdanke sie dem Regisseur Michonnet. Diesem väterlichen Freund, der sie liebt, gesteht sie, das die ihr Herz einem Fähnrich des Moritz von Sachsen geschenkt habe. Sie weiß noch nicht, da8 dieser Fähnrich in Wirklichkeit Moritz selbst ist.
Da betritt dieser auch schon voller Leidenschaft und Liebe die Garderobe: "La dolcissima effigie"/"In dir sehe ich das süße, lachende Bild". Die beiden verabreden ein Rendevous nach der Vorstellung. Adriana schenkt ihm einen Veilchenstrauß und eilt auf die Bühne. Der Fürst Bouillon hat einen Brief seiner Frau an Moritz von Sachsen abgefangen, glaubt aber, da8 die Duclos die Absenderin sei. Um das vermeintliche Paar Moritz-Duclos zu entlarven, lädt er die beiden zu einem schnell arrangierten Fest in die Villa der Duclos ein. Der verärgerte Moritz läßt Adriana mit einer vergessenen Requisite, einem Brief, die Nachricht auf die Bühne schmuggeln, dass sie sich wegen der Einladung des Fürsten nach der Vorstellung nicht allein und ungestört könnten. Adriana baut die Gefühle, die der Brief in ihr erregt, meisterhaft in ihren Monolog ein, den sie jetzt sprechen muss. Sie wird aus der Kulisse beobachtet: "Ecco il monologo"/"Jetzt kommt der Monolog". Alle bewundern ihr Können.
II. Akt. In der Villa der Schauspielerin Duclos. Dort erwartet die Fürstin von Bouillon Moritz von Sachsen: "Acerba voluffa "/"Herber Genuss". Sein kühles Benehmen und der Veilchenstrau8 an seinem Rock machen sie misstrauisch. Er sucht sie zu beschwichtigen: "L'anima ho stanca "/"Mein Herz ist müde" und schenkt ihr darüber hinaus den Veilchenstrauß.
Auch versteckt er die Fürstin vor Abbe und Fürsten, die gerade eintreten. Er vermag es sogar, Adriana dafür zu gewinnen, der Fürstin zur Flucht zu verhelfen, indem er sie für eine hochgestellte Persönlichkeit ausgibt, die zu einem politischen Gespräch in die Villa gekommen sei. Das Incognito von Moritz wird gelüftet und Adriana ist glücklich, als sie sich weiterhin von Moritz geliebt fühlt. Die beiden Frauen begegnen sich im Dunkeln, wissen nicht, wer die andere ist, erkennen aber, da6 sie Rivalinnen um die Liebe Moritz' von Sachsen sind.
III. Akt. Auf einem Fest im Palais Bouillon. Adriana und die Fürstin meinen, sich an ihren Stimmen zu erkennen. Die Fürstin verschafft sich Gewißheit, indem sie behauptet, Moritz sei im Duell verwundet worden, worauf die entsetzte Adriana ohnmächtig niedersinkt. Als Moritz unverletzt eintrifft, fallen die beiden Damen in einem wütenden Wortgefecht übereinander her, während beziehungsvoll das Ballett "Das Urteil des Paris" getanzt wird. Die Fürstin ist tief verletzt, in ihrer Liebe von einer "Bürgerlichen", noch dazu einer armseligen Schauspielerin, ausgestochen worden zu sein. Sie macht ihrer Wut Luft. Adriana revanchiert sich, als sie vom Fürsten gebeten wird, eine Probe ihrer Kunst zu geben. Adriana wählt einen gro8en Monolog aus der "Phädra" von Jean Racine (1639-l699), dem großen Zeitgenossen von Moliere. Adriana weiß den Monolog so zu interpretieren und die Verse so zu betonen, dass sie eine deutliche Anspielung auf die Unmoral der Fürstin werden. Diese beschließt, sich zu rächen.
IV. Akt. Im Hause der Adriana Lecouvreur.
Krank vor Liebeskummer, da sich Moritz von Sachsen noch nicht gezeigt hat, begeht Adriana ihren Geburtstag. Regisseur Michonnet bewährt sich als zartfühlender, väterlicher Freund. Unter den Geschenken, die man ihr bringt, befindet sich ein wertvolles Kästchen, das den Veilchenstrauß enthält, den sie einst Moritz geschenkt hat. Sie ist gerührt über den vermeintlichen Gruß des Geliebten: "Poveri fiori"/"Arme Blumen". Sie ahnt nicht, da8 die Fürstin die Gelegenheit genutzt und die Veilchen mit Gift getränkt hat. Adriana atmet, in Gedanken bei ihrem Geliebten, den Duft der Blumen ein. Moritz eilt herbei und bietet ihr seine Hand an. Sie soll seine rechtmäßige Gemahlin werden. Beseligt sinkt sie an seine Brust. Aber es ist nicht das große Glück, das sie schwindeln macht, sondern der Hauch des Todes aus den vergifteten Blüten.
W. R.