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Ein bisschen bi schadet doch nie
Von unserer Mitarbeiterin
Sigrid Schuer
Im Waldau Theater hatte die Geschlechterkomödie "Warum nicht?" Premiere
Ach, die armen, armen Männer!
Die Herren der Schöpfung haben es heutzutage
wirklich nicht leicht, echte Kerle zu sein.
Allerdings stellen sich viele von ihnen immer
öfter die Frage, ob sie angesichts frei
vagabundierender sexueller Fantasien und
Vorlieben eigentlich immer noch echte Kerle
sein wollen. Sam Kogan jedenfalls hat im
Zeitalter des "anything goes" eine ganz eigene
Theorie entwickelt, der zu Folge der
homo sapiens allmählich vom hetero- über
das homosexuelle zum androgynen Wesen
mutieren würde.
Der erfolgsverwöhnte New Yorker Bühnenautor
ist nach drei kläglich gescheiterten Eheversuchen
zu der fatalistischen Überzeugung gelangt,
dass Männer und Frauen einfach nicht zueinander
passen. Also denkt sich Kogan, "Warum nicht?"
und beschließt künftig nach der Devise,
"Ein bisschen bi schadet nie" a la carte
zu leben. Welche amourösen Capricen sich
aus diesem überraschenden coming out
ergeben, ist jetzt am Waldau Theater zu erleben.
Dort hatte Murray Schisgals launige Beziehungskomödie
"Warum nicht?" in der gewitzten Regie von
Michael Derda Premiere.
(Das rosarote Einheitsbühnenbild mit poppigem
Siebziger-Jahre-Touch entwarf Sonja Welp).
Matthias Simon, der den stets intellektuell
reflektierenden Casanova Sam fit wie ein
Turnschuh - allerdings mit leicht hyperaktiven
Anwandlungen - gibt, muss bald feststellen,
dass es gar nicht so einfach ist, sein
bisheriges Leben so mir nichts dir nichts umzukrempeln.
Da helfen weder Alkohol- und Nikotinfeindlichkeit
noch die Vorliebe zu scheußlich gesunder Möhrenrohkost,
die sich der selbst ernannte Gesundheitsfanatiker
gnadenlos verordnet hat.
Dass der homosexuelle Habitus für ihn so ungewohnt ist
wie seine neue Kleider-Kollektion, an der
noch die Preisschilder baumeln, wird Sam
klar, als er auf den Versicherungsmathematiker
Mario trifft.
Den ehemaligen Kommilitonen aus dem
Dylan Thomas-Literaturclub verkörpert Andreas Lembcke
als durchaus liebenswerten, ausgehungerten Sexmaniac.
Er scheint von seinen beiden Ehefrauen, einer
nahkampferprobten Golfkriegsveteranin und einer
schlagkräftigen Polizistin noch mehr die Schnauze
voll zu haben als Sam von seinen Verflossenen.
Allerdings dreht Lembcke bei seinen verzweifelten
Anbagger-Aktionen eine Spur zu viel auf. Etwas weniger
ostentatives Homo-Gehabe wäre da mehr gewesen, das
hatte auch "Tootsie"-Erfinder Schisgal wissen müssen.
Besser und glaubhafter dagegen Bernd Poppe,
der die Rolle des ehekrisengeschüttelten Bily erst
vor wenigen Tagen übernommen hatte. Der Collegeprofessor
steht nach 19 Jahren vor den Scherben seiner Beziehung
zu Laura. Sie hatte ihn aus purer Bequemlichkeit
geheiratet, weil sie ihre große Liebe, nämlich Sam,
nicht haben konnte.
Billy reagiert zunächst irritiert auf Sams homoerotische
Bekehrungsversuche. Gut gelungen ist der schüchterne
Annäherungsversuch von Sam und Billy, der slapstickartig in
einen tapsigen Mambo gipfelt. Michael Derda setzt mit
den Zwischentönen in Billys ernstem Monolog, der seinem
coming out voraus geht, einen dramaturgisch klugen
Kontrapunkt. Last not least die herausragende Heidi Jürgens,
die in einer Mischung aus Feuer und Eis als intelligente,
schlagfertige Laura der wehleidigen Männerwirtschaft
nicht nur Paroli bietet, sondern sie glatt an die Wand spielt.
Kein Wunder, dass der selbstverliebter Ex-Lover Sam,
der sie einst auf dem Highschool-Abschlussball versetzt
hatte, bei so viel Charme rückfällig wird.
Beide geben sich eine zweite Chance.
Heidi Jürgens würde man indes mehr solcher Rollen wünschen,
in denen sie das Talent zeigen kann, das in ihr steckt.
Viel Applaus für das gesamte Produktionsteam.
| Quelle |
Datum |
Copyright |
| Sigrid Schuer |
16.01.2003 |
"Weser Kurier" Bremen |
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