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Regionale Pressestimmen


27.12.2006

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Ein bisschen bi schadet doch nie

Von unserer Mitarbeiterin

Sigrid Schuer

Im Waldau Theater hatte die Geschlechterkomödie "Warum nicht?" Premiere

Ach, die armen, armen Männer!
Die Herren der Schöpfung haben es heutzutage wirklich nicht leicht, echte Kerle zu sein. Allerdings stellen sich viele von ihnen immer öfter die Frage, ob sie angesichts frei vagabundierender sexueller Fantasien und Vorlieben eigentlich immer noch echte Kerle sein wollen. Sam Kogan jedenfalls hat im Zeitalter des "anything goes" eine ganz eigene Theorie entwickelt, der zu Folge der homo sapiens allmählich vom hetero- über das homosexuelle zum androgynen Wesen mutieren würde.
Der erfolgsverwöhnte New Yorker Bühnenautor ist nach drei kläglich gescheiterten Eheversuchen zu der fatalistischen Überzeugung gelangt, dass Männer und Frauen einfach nicht zueinander passen. Also denkt sich Kogan, "Warum nicht?" und beschließt künftig nach der Devise, "Ein bisschen bi schadet nie" a la carte zu leben. Welche amourösen Capricen sich aus diesem überraschenden coming out ergeben, ist jetzt am Waldau Theater zu erleben.
Dort hatte Murray Schisgals launige Beziehungskomödie "Warum nicht?" in der gewitzten Regie von Michael Derda Premiere. (Das rosarote Einheitsbühnenbild mit poppigem Siebziger-Jahre-Touch entwarf Sonja Welp).
Matthias Simon, der den stets intellektuell reflektierenden Casanova Sam fit wie ein Turnschuh - allerdings mit leicht hyperaktiven Anwandlungen - gibt, muss bald feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, sein bisheriges Leben so mir nichts dir nichts umzukrempeln. Da helfen weder Alkohol- und Nikotinfeindlichkeit noch die Vorliebe zu scheußlich gesunder Möhrenrohkost, die sich der selbst ernannte Gesundheitsfanatiker gnadenlos verordnet hat.
Dass der homosexuelle Habitus für ihn so ungewohnt ist wie seine neue Kleider-Kollektion, an der noch die Preisschilder baumeln, wird Sam klar, als er auf den Versicherungsmathematiker Mario trifft.
Den ehemaligen Kommilitonen aus dem Dylan Thomas-Literaturclub verkörpert Andreas Lembcke als durchaus liebenswerten, ausgehungerten Sexmaniac. Er scheint von seinen beiden Ehefrauen, einer nahkampferprobten Golfkriegsveteranin und einer schlagkräftigen Polizistin noch mehr die Schnauze voll zu haben als Sam von seinen Verflossenen. Allerdings dreht Lembcke bei seinen verzweifelten Anbagger-Aktionen eine Spur zu viel auf. Etwas weniger ostentatives Homo-Gehabe wäre da mehr gewesen, das hatte auch "Tootsie"-Erfinder Schisgal wissen müssen.
Besser und glaubhafter dagegen Bernd Poppe, der die Rolle des ehekrisengeschüttelten Bily erst vor wenigen Tagen übernommen hatte. Der Collegeprofessor steht nach 19 Jahren vor den Scherben seiner Beziehung zu Laura. Sie hatte ihn aus purer Bequemlichkeit geheiratet, weil sie ihre große Liebe, nämlich Sam, nicht haben konnte.
Billy reagiert zunächst irritiert auf Sams homoerotische Bekehrungsversuche. Gut gelungen ist der schüchterne Annäherungsversuch von Sam und Billy, der slapstickartig in einen tapsigen Mambo gipfelt. Michael Derda setzt mit den Zwischentönen in Billys ernstem Monolog, der seinem coming out voraus geht, einen dramaturgisch klugen Kontrapunkt. Last not least die herausragende Heidi Jürgens, die in einer Mischung aus Feuer und Eis als intelligente, schlagfertige Laura der wehleidigen Männerwirtschaft nicht nur Paroli bietet, sondern sie glatt an die Wand spielt. Kein Wunder, dass der selbstverliebter Ex-Lover Sam, der sie einst auf dem Highschool-Abschlussball versetzt hatte, bei so viel Charme rückfällig wird. Beide geben sich eine zweite Chance.
Heidi Jürgens würde man indes mehr solcher Rollen wünschen, in denen sie das Talent zeigen kann, das in ihr steckt. Viel Applaus für das gesamte Produktionsteam.


Quelle Datum Copyright
Sigrid Schuer 16.01.2003 "Weser Kurier" Bremen

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