...
Abstürzende Oberschwestern
Weser Kurier
Sigrid Schuer
Michael Derda rettete die Premiere "Und alles auf Krankenschein"
Sie können das doch! schallte es Michael Derda
am Tag der offenen Tür aus dem nahezu voll besetzten Auditorium entgegen. Bei
so viel aufmunternder Solidarität seines Publikums musste der Chef ganz ein-
fach selbst ran. Und so rettete der Intendant des Waldau Theater Komödie mit
Bravour die Premiere und Folgevorstellungen von "Und alles auf Krankenschein".
Der Titel der Komödie von Ray Cooney hat es offenbar in sich. Oder war es doch
eher der Premierentermin - Freitag, der 13. - der den vorgesehenen
Hauptdarsteller Klaus Nowicki bei der Generalprobe mit einem schweren
Kreislaufkollaps zusammen brechen ließ? Der gesundheitlich selbst an-
geschlagene Derda sprang, das Textbuch in der Hand, beherzt in die eigene
Inszenierung und verlieh den haarsträubenden Verwicklungen damit den doppelt
amüsanten Charme der Improvisation, Am Waldau Theater liefen bereits
Cooneys,"Außer Kontrolle" und "Bleib' doch zum Frühstück" mit großem Erfolg.
In seiner Krankenhaus-Komödie hat der britische Lustspiel-Spezialist mit
schwarzem Humor allerdings noch einmal eins drauf gesetzt. Wie heißt es doch
im Programmheft: Cooney konstruiert "bürgerliche Katastrophen, die in
atemberaubendem Tempo über die Bühne jagen". Die Verwicklungen, die sich nach
und nach immer mehr verselbstständigen, nehmen damit ihren Anfang, dass Dr.
David Mortimore, dienstältester Neurologe im honorigen St. Andrews Hospital,
im Trubel der Vorweihnachtszeit verzweifelt versucht, sich auf die für seine
Karriere so wichtige Rede vor dem Neurologen-Kongress vorzubereiten. Noch
bleibt ihm dafür eine Dreiviertel-Stunde Zeit, die allerdings mit purem
Wahnwitz angefüllt ist. Urplötzlich platzt seine frühere Wäschekammer-Affäre
Jane Tate (blond und aufgedreht: Maruna Rüggebrecht) in die Vorbereitungen: Die
Ex-Lernschwester eröffnet ihm, dass sein unehelicher Sohn Lesile, von dessen
Existenz Mortimore keine Ahnung hatte, ihn kennenlernen möchte. Bernhard A.
Wessels brilliert in der Rolle des verstörten Unglücksraben Leslie Tate, der
schon mal im Eifer des Gefechts eine versehentlich mit Valium abgefüllte
Oberschwester (Ingrid Waldau) vom Fenstersims schubst. Ais randalierender Punk,
der in verzweifelter Sehnsucht nach seinem Vater einen Cocktail aus Gin, Pillen
und Champagner geschluckt hat, ist er durch Sergeant Torn Connolly (ein briti-
scher Bobby, wie er im Buche steht: Ulf Albrecht) nur schwer zu bändigen.
Ruhiger wird er erst, als er endlich Hubert Bonney, den er für seinen Vater
hält, herzen darf. Matthias Simon verleit dem Hirnforscher mit Kung
Fu-Kenntnissen weltfremde Züge. In Sancho-Pansa-Treue schlüpft er leicht
derangiert wechselweise mit Mortimore in die Rolle der Oberschwester. Hubert
übernimmt sogar die amourösen Hinterlassenschaften seines Freundes, um das Lü-
genwirrwarr aufzulösen. So gelingt es, dass Rosemary Mortimore bis zuletzt
nichts von den Eskapaden ihres David erfährt. Iris Born ist ganz berufsmäßige
Neurologen-Gattin mit zarten Nerven. Dem armen Mortimore macht zusätzlich die
auf Moral pochende, allerdings selbst dem Whisky unverhohlen zusprechende
Regierungsrätin Lady Heavy- Weight Drake (resolut: Karin Hölscher) das Leben
schwer. Zur allgemeinen Verwirrung trägt außerdem der schauspielversessene
Arzt-Kollege Mike Connolly bei. Bernd Poppe wird im fliegenden Wechsel von der
Tunte zur verkleideten Oma. Last not least liefert Georg Troeger in der Rolle
des kauzig-vorwitzigen Namensdoppelgängers Bill Lesley ein komödiantisches
Kabinett-Stückchen ab. Lachen ist eben doch die beste Medizin - mit und ohne
Krankenschein.
| Quelle |
Datum |
Copyright |
| Weser Kurier |
15.09.2002 |
Sigrid Schuer |
zum Anfang
zurück zum Archiv
|