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Der Frauen Liebe ist ihr Tod
Von unserem Redakteur
Arnulf Marzluf
Ein großerWurf. Zum einen scheint die Zeit Dmitri Schostakowitschs Frühwerk
„Lady Macbeth von Mzensk" (gespielt wird die Urfassung von 1932) günstig
zu sein, weil wir ohnehin in einem Stilpluralismus leben und der Mix aus
lyrischen Partien, Tanzrhythmen, russischer Folklore, eingestreuten
Banalitäten und wilder Expressivität niemanden mehr stört. Zum anderen
entfaltet die Triebdynamik der handelnden Personen einen Prozess, der so
archaisch und sich selbst erklärend ist, dass man auf Deutungen verzichten
und aus dem Verzicht sogar noch Gewinn schlagen kann.
Die Inszenierung Konstanze Lauterbachs wirkt eben deshalb so packend, weil
sie das Sittengemälde aus dem Russland der dreißiger Jahre weitgehend
aus dem historischen Rahmen nimmt und mit ungewöhnlichem Scharfsinn unentwegt
den Text danach abtastet, was in und zwischen den Personen abläuft und es
sinnlich-gestisch umsetzt.
Wie Lauterbach damit eine zusätzliche Artikulationsschicht zum erzählenden Text
und dem komplex gewobenen emotionalen Gehalt der Musik einzieht, ist
außergewöhnlich fesselnd. Gabriele Wasmuths Kostüme sind eher zeitlos und
Helmut Stürmer hat ein schlichtes Bühnenbild mit hellen glatten und etwas
expressionistisch schief hängenden Wänden gebaut. Es ist mehr ein gedachter
Raum, in dem alle Bilder von Haus und Hof bis zum Sträflingslager Platz finden.
Eine Turnstange, an der sich die Vergewaltigungsszene vollzieht, die ein
andermal als Haustür dient, ein Steg, ein Hügel - das genügt.
Die Figuren, ihre Körper und Finger sind ständig in Bewegung und Bedeutung, die
ihre eigene körpersprachliche Syntax hat. Wenn Katerina den sich schon per
Schlaf aus der Liebesbeziehung abmeldenden Sergej zuruft: „Wach auf!",
dann wird er zugleich nervös befingert. So werden eher latent mitschwingende
Stimmungen sichtbar, ohne dass ihr Sinn festgenagelt wird. Die wiederholten
Aufforderungen an Sergej: „Küss mich", wirken wie lauter kleine Signale,
um zu testen, in welchem Zustand sich ihre Beziehung befindet, wobei auch
hier schon in der Zurückhaltung des Ausdrucks viel Ahnung mitschwingt.
Eindrucksvoll ist das Einfühlungsvermögen der Regie in die Zwischenweite,
die Text und Musik nahelegen, wo es doch um eigentlich sehr alte und einfache
Verhältnisse geht,um ödes Leben, Begehren und Mord, wenn dem Trieb etwas im Wege
steht. Rührend kümmert Katerina sich immer wieder um eine Topfpflanze und
wiegt Sie zur dunkel getönten, lyrischen Partie der ersten Szene wie ein Kind,
das sie in ihrer unerfüllten Ehe nicht bekommen kann. Langeweile und
Triebstau sind eine ungute Mischung, die der neue Knecht Sergej zu explosiver
Brisanz aufmischt - er, eine schillernde Figur, die mit einer Vergewaltigung
in die Geschichte eingeführt wird, sich zum liebenden Heißsporn mausert
und in der Selbstsucht endet.
Während des Zwischenspiels nach der Vergiftung ihres Schwiegervaters Boris
zerrupft Katerina die Topfpflanze. Schostakowitsch hat hier eine Passacaglia
komponiert, eine Form, die über ständige Motivwiederholung rückbezüglich
wirkt und generell von zunehmender Chaotisierung bedroht ist, wie die Geschichte der Passacaglia zeigt.
Lauterbach entwickelt hier aus dem alten Blätterzupfspiel „Er liebt mich, er
liebt mich nicht" eine sich in die wilde Zerstörung der Pflanze aufschaukelnde
Szene und konzentriert so den Blick auf die Totale der Oper:
Katerina erlebte ein paar glückliche Stunden, weil sie an eine Liebe glaubte.
Der Preis dafür war jedoch zu hoch fürs Weiterleben, weil jene Stunden nicht
einmal eine Erinnerung wert waren, als Sergej sein wahres Gesicht zeigte und
sich von einer neuen Liebschaft abschleppen ließ - an den Strümpfen Katerinas.
Fast nur noch symbolisch deutet Lauterbach zum Schluss durch zweimal vom
Schnürboden herabschießende Wassermassen das Ertrinken an.
Dass die hohe Spannung bis zum Schluss durchgehalten wurde, ist natürlich
auch den Sängerdarstellern zu verdanken. Vlatka Orsanic profilierte die
Katerina eindrucksvoll mit vielfältigen Schattierungen der Bedrückung,
der Freude, der flatternden Angst und der tiefen Depression, wobei den
dramatischeren Partien die helle Timbrierung zugute kam, das Piano manchmal
etwas runder hätte klingen können. Grandios und stimmlich in allen Situationen
absolut sicher Bruce Rankin als Sergej, ein Verführer und Liebhaber mit tenoral
hellem Glanz, ein Gebrochener mit dunkel drohender Färbung, ein Selbstbewusster
bis ins Elend hinein, der Sieger im Stück und auf der Bühne. Böse bis in die
Szenen der Anfechtung und des Todes hinein Hannu Niemelas kernig dröhnender Boris.
Überzeugend der Chor in der Einstudierung Theo Wiedebuschs.
Graham Jackson, der gegen Ende die Einstudierung übernommen hatte, nachdem
Günter Neuhold krank geworden war, führte das Philharmonische Staatsorchester mit
Verve durch die Partitur, zeichnete dick die wild wütenden Ausbrüche und zart
die subtilen Stimmungen nach. Schöne Bläsersätze, einschmeichelnde Soli
prägten den musikalischen Teil, wenngleich manches ein wenig akademisch klang,
vergleicht man das mal Bedrückende, mal Befreiende, das Hämische und auch
Komische (Karsten Küsters als Pope), und das Triebhafte des Bühnengeschehens.
Mehr „Atmung" der Musik im Orchestergraben hätte das Vergnügen vervollständigt,
für das es ausgiebigen Beifall gab.
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| Weser Kurier |
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Arnulf Marzluf |
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