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Und jetzt alle: Schöne Nacht, du Liebesnacht
Urgemütlich: Andrej Worons "Kasimir und Karoline"
Von Rainer Mammen
Ganz zum Schluss, zum Happy End also, wird's dann doch noch traurig.
Zuvor aber, fast drei Stunden lang, sieht Ödön von Horváths Volksstück
"Kasimir und Karoline" am Bremer Schauspielhaus aus wie ein historisierender Musikantenstadi, wie eine Posse mit (viel) Musik, wie ein gemütlicher
Jahrmarktsbummel, den wir Zuschauer aber im Sitzen absolvieren dürfen.
Andrej Woron hat das Stück inszeniert und - vor allem! - ausgestattet,
jener in jedes putzige Detail fanatisch verliebte Bühnenbastler, dem
hierorts von Shakespeare bis Brecht schon allerlei Dramatisches in den
Diminutiv verrutschte, in die Niedlichkeitsform also.
Für Woron-Fans ist dieser Abend deshalb wieder ein wahres Fest,
eine schillernde, blinkende, vielklappige, zu berutschende und zu
erklimmende Augenweide, auf der zu singen und zu springen dem Ensemble
ersichtlich Freude bereitet. Die Hydraulik wuchtet hier einen
Biertisch, dort eine ganze Achterbahn in die Höhe, Fahnen flattern und Klotüren
krachen - alles so schön bunt hier, und nur Ödön von Horváth geht dabei sang- und
klanglos unter.
Dieser Befund verblüfft insofern, als Woron dessen Stück beinahe vom Blatt
spielen lässt. Keine Streichungen, keine "Aktualisierungen" im Text;
alle 117 Kurz- bis Kürzestszenen, inklusive der Pause ("56. Szene", werden
anstandslos aufgereiht und präsentieren jene Oktoberfestgeschichte,
bei der, zu Beginn der 30er Jahre, das Liebespaar Kasimir und Karoline
einander aus den Augen und aus dem Sinn verliert: Er ein frisch in die
Arbeitslosigkeit entlassener Kraftfahrer, sie ein leichtsinniges Ding,
das sich durch solche Umstände nicht den Abend verderben will.
"Man muss das immer trennen, die allgemeine Krise und das Private",
sagt Karoline. Und lässt sich deshalb von anderen Herren amüsieren.
Kasimir, nicht faul, versucht, es ihr gleich zu tun - nur, dass ihm
dabei eher das Geid ausgeht als dem noch in Lohn und Brot stehenden
"Zuschneider" Schürzinger und dessen regelrecht reichem Chef Rauch,
an den Karoline höflichkeitshalber weitergereicht wird.
Zum beinahe brachialen Happy End muss sie sich aber doch mit dem Charakterschwein Schürzinger begnügen, während Kasimir Trost bei "Dem Merkl Franz seine Erna"
findet - der Merkl ist ihr nämlich gerade durch eine Verhaftung abhanden
gekommen. So würgt Horváth auf jeden Topf einen Deckel, bis es richtig weh tut.
Wie weh, wie gesagt, merkt man in Bremen erst (oder allenfalls) beim Finale.
Denn Andrej Woron möchte uns eigentlich die gute Laune nicht verderben, und wo im
Stück immerfort die schönen Gefühle in hässliche Verhaltensweisen umkippen, die
zwanghaft herbeigesoffenen Gemütlichkeiten in unverkleidete Brutalitäten
(und umgekehrt), da fällt dieser Inszenierung immer noch etwas Gefälliges ein,
ein ganzer Container voller Luftballons etwa, eine Konfettiparade der Statisten -
oder noch ein Bier und noch ein Schnaps (und noch ein Eis und noch eine Zuckerwatte)
aus jener stets zu Diensten stehenden Zauberklappe, die Woron direkt neben der Herrentoilette in die Wand gebaut hat.
Darüber bewohnen der reiche Rauch (mit Zylinder) und sein Freund Speer (mit Melone)
eine kleine Loge, und wenn diese ausgelassenen Bonzen von dort oben Bier auf
hilflose Mädel des Volkes schütten, dann hat Woron gleich einen Kavalier
daneben gestellt, der mit einem aufgespannten Schirm das Schlimmste verhindern
muss. Vollends drollig wird der Regisseur, wenn er uns die Opfer einer
Massenschlägerei präsentiert: hübsch bandagiert und umschunkelt von
flauschigen, niedlichen, knallgelben Teddybären.
Für die von Horváth tatsächlich verschwenderisch eingesetzte Stimmungsmusik steht
dieser Aufführung eine veritable Zirkuskapelle zur Verfügung; für die ebenfalls authentische Freak-Show kann sie einen gummimaskierten "Mann mit dem Bulldoggkopf",
eine abnormal behaarte Roman "Juanita" (herzergreifend singend: Irene Kleinschmidt)
und einen springteufelähnlichen Liliputaner (Manni Laudenbach) aufbieten.
Spätestens um die Pause herum hat man so den kuriosen Eindruck, man habe sich in eine Art Operette verlaufen: Hübsch! hübsch! hübsch! ist das alles anzuschauen und anzuhören, das Lied "Solang der alte Peter" wird von der Statisterie auf lustigen Giöcklein gebimmelt, und wenn dann - und jetzt alle! - tatsächlich alle "Schöne Nacht, du Liebesnacht /
O stille mein Verlangen" singen, dann kann längst kein Knopf mehr die
Hose, kein Auge mehr die Träne halten. Lange tönt's beim Pinkeln noch:
Ödön Horváth lebe hoch! Nur, dass das Stück nach der Pause leider noch weiter geht - entgegen dem Motto: Wenn's am schönsten ist, soll man aufhör'n.
Es ist dann doch allerlei Hässliches zu vermelden und anzuzeigen, zum Beispiel die
schamlose Ranschmeiße der alten Herren Rauch (eigentlich zu nett: Matthias Kleinert)
und Speer (mit schöner burschenschaftlicher Schärfe: Sebastian Dominik) an die vergnügungssüchtige Karoline. Diese wird von Gabriela Maria Schmeide gespielt - und man muss schon sagen: hinreißend. Sie allein findet immer wieder auch den richtigen, den schonungslosen Horváth-Ton, indem sie von einer Sekunde zur anderen vom süßen Mädel zur Megäre wechselt (und gleich wieder retour), nach einem lieben Augenaufschlag unverzüglich
wutblitzend dreinzuschauen vermag und dann erneut ins naive Fach zurückzufallen scheint. Woron genehmigt ihr (als einziger) einige Soli, unter denen ihr Hippodrom-Ritt (auf dem
"Haut-den-Lukas") zweifellos zu den Höhepunkten dieser Aufführung zählt.
Wie sich ihre Karoline hier beim Amüsieren anstrengen muss, wie sie sich diesem Vergnügen
gleichwohl hemmungslos hingibt und sich bis zur Kunstreiterin emporträumt - das
sagt mehr über Horváths Stück als die gesamte übrige Aufführung. Womit aber
überhaupt nichts gegen die übrigen Darsteller gesagt sein soll. Diese sind
stets zuverlässig und funktional zur Stelle, wo sie gerade gebraucht werden:
Hermann Book als trauriger Kasimir, Thomas Ziesch als zeitgleich buckelnder und
anbaggernder Schürzenjäger Schürzinger, Raiko Küster als nassforscher Ganove
Merkl Franz, Wiltrud Schreiner als fortwährend gedemütigte "Merkl Franz
Seine Erna", Henriette Cejpek und Jördis Triebel als ihre Vorteile stets
genau kalkulierende Oktoberfest-Nüttchen. Nur - sie müssen es insgesamt einfach
zu bunt treiben, als dass hier von der verzweifelten Grundstimmung der
Horváthschen Vorlage noch sehr viel übrig bieiben könnte.
Zum Schluss, freilich, macht Andrej Woron peu a peu das Licht aus, und die dann so neu wie zufällig zusammengewürfelten Pärchen ahnen wohl, wie übel sie einander und auch allen
anderen mitgespielt haben. Sie werden immer kleinlauter, ja: piepsiger - aber
damit können sie Horváths ungemütliches Volksstück vor dem gemütlichen
Volksbelustiger Woron dann doch nicht mehr retten.
| Quelle |
Datum |
Copyright |
| Weser Kurier |
14.10.2002 |
Rainer Mammen |
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