Peter Lund inszenierte am Theater am Goetheplatz Jacques Offenbachs
"Orpheus" in der Unterwelt"
Xenophanes hatte sich schon über das himmlische Personal seiner Zeit lustig gemacht, doch da es eben aus nichts anderem bestand, als aus der Überhöhung menschlicher Schwächen und Leidenschaften, blieb die antike Götterwelt in gewisser Weise unsterblich. So unsterblich wie das homerische Gelächter. Denn nichts ist auf der Weltbühne für den Zuschauer lustiger als die Tatsache, dass sich hinter jedem Ideal mindestens eine große Dummheit verbirgt. Das ist auch Jacques Offenbachs Thema, wenn er sich dem Urbild der Liebe widmet - Orpheus, der in die Unterwelt hinabsteigt, um seine Eurydike wieder heraufzuholen. Hinzukommt, dass, seit dem Aufschwung der Antikenverehrung in der Renaissance die Kultur der falschen Bärte und papierenen Ideale zunimmt, Dinge, die alle existenziell wenig Kosten verursachen. Offenbach verehrte Mozart nicht zufällig und hat ihn im "Orpheus" zitiert. Mozart, der Meister der Brechungen glatter Oberflächen, auf der jede Figur in jedem Moment sich bewusst ist, dass sie allen Ernstes nur "Theater spielt".
In Offenbachs "Orpheus" muss dieser subtile doppelte Boden gar nicht erst mehr gebaut werden: Klartext beherrscht die Bühne, allenfalls überwintern die echten Gefühle in der Vielschichtigkeit der so schlicht wie kunstvoll formulierten und instrumentierten Musik. Betörend orphisch klingt da der Beginn des zweiten Bildes mit den sachten Repetitionen im Bass und einem langsam schwingenden Melos, wenn die Götter im Olymp schlafen und nacheinander von Diana geweckt werden. Dieser Moment entfaltet auch deshalb seine Wirkung, weil Offenbachs Musik an keiner Stelle geschwätzig wirkt und das Personal für eine Weile die Klappe hält. Da sind sie alle versammelt, die alternden Lüstlinge und die jungen Dekadenten. Claudia Doderer (Bühnenbild und Kostüme) hat ihnen eine geschickte Mixtur aus Design und historischer Ikonographie verpasst.
Weit spreizt sich die Zeit vom Sänger Homer bis zur aktuellen Wochenzeitung und der öffentlichen Meinung. Peter Lund, der nicht nur inszeniert, sondern auch den Text neu ins Deutsche übertragen hat, lässt gewissermaßen en passant zeitgenössisches Kabarett mitlaufen. Da darf die Anspielung an Leitkultur nicht fehlen, die Kritik an Hohlformen der Demokratie und ähnliche manchmal flau wirkende Sottisen. Doch überlagern solche Durchhänger nicht generell, die unterhaltsam Spaßkultur auf der Bühne, die auch dem Publikum viel Vergnügen bereitet. Allenfalls macht sie sich ein bisschen auf Kosten der Musik breit, auf deren Einsatz man stellenweise dann doch ungeduldig wartet.
Das hört Graham Jackson wohl gern, der neue 1. Kapellmeister des Bremer Theaters, der mit dem Philharmonischen Staatsorchester solide und überzeugend gearbeitet hat. Vielleicht nicht gerade offenbachisch spritzig zum Wohle einer allgemeinen Sektlaune, ohne die keine Operette auskommt, sondern genau ausgehört ist die Partitur und mit Gespür für die präzise komponierten Ausdrucksvaleurs. Es lohnt sich das Zuhören, was man bei der Menge an szenischen und textlichen Einfällen Lunds fast übersehen kann. Man könnte es fast als Problem der Inszenierung bezeichnen, dass eine temporeiche und musikalisch insgesamt doch dichtere Aufführung vom Text her manchmal konterkariert wird, auch wenn enge szenische Bezüge zur Musik hergestellt werden - so zum Beispiel, wenn Orpheus den Körper Eurydike wie einen Streichinstrumentenkorpus behandelt.
Lund erzählt die Geschichte vom Orchester ausgehend, das nicht im Graben sitzt, sondern auf der Vorderbühne. Nach einigen Takten bricht der Dirigent ab, und Orpheus der Geiger und seine Frau Eurydike auf der Bühne fangen Streit an - beide wünschen sich zum Teufel, sind stimmlich hingegen ein angenehmes Paar, Iris Kupke, die auch in der Höhe mit Volumen und rundem Timbre überzeugt und Clemens-C. Löschmann. Mihai Zamfir verkörpert den Pluto, der in Gestalt von Aristeus Eurydike mit einem Apfel vergiftet. Die Öffentliche Meinung (Daniela Sindram) bringt die Geschichte in Fahrt, weil sie jeden unter Druck setzt, der es sich mit seinen privaten Wünschen gemütlich machen will. Die Sängerdarsteller sind bestens für die Komik trainiert: allen voran Karsten Küsters, dem für den geilen Schnarchhahn Jupiter hübsch dümmlich geschnittene Gesichter gelingen.
Zu seiner Seite Juno Katherine Stone, Heilsarmistin mit fremdem Zungenschlag im Olymp. Venus Eva Gilhover hat sicher auch schon manchen Freier über sich ergehen lassen, und Georgé Stevens Cupido könnte an Persiflage nur noch von Rembrandts Ganymed übertroffen werden.
Mit der unvergeßlichen Arie des Styx (Armin Kolarczyk) wird in der Unterwelt das fröhliche Ende vorbereitet, das schon auf Silvester hin inszeniert zu sein scheint. In den Gefilden des Vergessens, wo der Sekt in Strömen fließt und vom Himmel tropft, macht sich die ganze Gesellschaft schließlich gegenseitig nass, und der erotische Subtext, der mitkomponiert ist und auf den Lund im ganzen Stück immer wieder anspielt, explodiert beim Cancan in einer kosmologischen Party, bei der selbst eine Art Jesus die satirische Brücke von der abendländischen Leitkultur zum Jungachtundsechziger schlagen darf.
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