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VB-ARCHIV
TEXTE, EINFÜHRUNGEN DER VOLKSBÜHNE BREMEN


27.12.2006

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Orpheus in der Unterwelt ( Orphée aux enfers )










Musik von Jacques Offenbach

Personen:

Jupiter, Vater der Götter (Bariton) - Diana, Göttin der Jagd (Sopran) - Merkur, Götterbote (Sprechrolle) - Venus, Göttin der Liebe (Sopran) - Pluto, Herrscher der Unterwelt, zunächst in der Gestalt des Aristeus, eines Schäfers (Tenor) - Hans Styx, Faktotum des Pluto (singender Schauspieler: Tenor bis Baß) - Orpheus, ein Musiklehrer (Tenor) - Eurydike, Gemahlin des Orpheus (Sopran) - Cupido, Sohn der Venus (Mezzosopran) - Morpheus, Gott des Schlafes (Sopran) - Juno, Gemahlin Jupiters (Sopran) - Mars, Gott des Krieges (Baß) - Hebe, Göttin der Jugend (Sopran) - Minerva, Göttin der Weisheit (Sopran) - Bacchus, Gott des Weines (Sprechrolle) - Die Öffentliche Meinung (Alt bzw. Sprechrolle).

Ort und Zeit: Griechenland in mythischer Vorzeit ... mit Elementen der Gegenwart vermischt (Paris um 1858).

Zeitkritische Operette? - Ja, bitte! Mancher Theaterfreund wird fragen: Muß das nun auch noch sein? Heiter und frech sind viele Operetten. Das genügt. Sollte man es da nicht beim Vergnügen belassen? Muß da nun auch der gesellschaftkritische Tritt gegen das Schienbein des Publikums kommen?

Nun gut, es braucht ja nicht gleich der Tritt gegen das Schienbein zu sein, ein kitzliger Rippentriller tut es vielleicht auch schon. Und so etwas gibt es wirklich. Unsere Operette "Orpheus in der Unterwelt" ist im wahrsten Sinne des Wortes ein klassisches Beispiel für ein heiteres und doch zeitkritisches Stück.
Mißstände werden auf die Schippe genommen, Unsitten und Anmaßungen von Mächtigen angeprangert und dabei der Lächerlichkeit preisgegeben. Sogar Schiller, unser ernster Tagiker, hat schließlich festgestellt, daß Scherz und Satire "schneller vielleicht und unfehlbarer" neben "Gesetz und Gewissen" vor "Verbrechen und Lastern schützen".

Es muß dahingestellt bleiben, wie weit Offenbach und seine Textdichter die Welt verändern wollten, aber auf jeden Fall attackierten sie mit Witz und Ironie die Mißstände ihrer Zeit und trugen dazu bei, das zweite Kaiserreich Frankreichs zu unterminieren, indem sie die Bürger darüber lachen ließen.
Immerhin ist die Gesellschaftskritik der Offenbachschen Operette nicht ohne, wie zwei Beispiele zeigen: in der "Großherzogin von Gerolstein" wird das Günstlingswesen der damaligen Zeit bloßgestellt, das einen einfachen Soldaten im Handumdrehen zum General aufsteigen und ebensoschnell wieder ins Nichts zurückfallen läßt.
In "Pariser Leben" wird in einem tollen Wirbel dargestellt, wie durch Doppelmoral, sinnentleerte Vergnügungs-sucht Grundsätze ins Wanken geraten, die für das gesellschaftliche Leben aber unbedingt gelten müssen. In beiden Fällen aber werden die Probleme in einer heiteren Handlung mit bestrickender Musik vorgeführt, so daß wir uns denen nicht entziehen und sie wegdrücken können.

In "Orpheus in der Unterwelt" kommt noch das Theaterblut Offenbachs dazu, der komödiantischen Spaß an Historie, Masken und Verkleiden hatte (was man am heutigen Theater zu oft schmerzhaft vermißt). So verlegte er das Geschehen in die antike Götterwelt, wobei er noch manchen Seitenhieb auf die damalige große Oper und den Antikenfimmel des 19. Jahrhunderts anbringen konnte.
Die Handlung persifliert die Sage von Orpheus und Eurydike. Orpheus, Sohn des Apollo und großer Sänger, verliert seine Gattin Eurydike durch den Biß einer Schlange. Er folgt ihr in die Unterwelt und vermag durch seinen Gesang die Furien und deren Beherrscher zu erweichen. Er erhält Eurydike zurück unter der Bedingung, sich auf dem Wege nach oben nicht zu ihr umzusehen. Aus Liebe blickt sich Orpheus dennoch um und verliert die Gattin für immer.

Es gab Dutzende von Orpheus-Opern (meist mit gutem Ende), als Offenbach sich dem Stoff näherte und zwar mit einem neuen Blick auf Stoff und Thema. Er betrachtete aus der Sicht seiner Zeit heraus die Institution Ehe und stellte gravierende Veränderungen fest.
Vermöge seiner schöpferischen Kraft schrieb er zusammen mit seinen Textdichtern ein neues Stück über Orpheus und Eurydike. Aus dem antiken Paar, durch Liebe unzertrennlich, wurde eine bürgerliche Zweckgemeinschaft, die nur durch den Druck der Öffentlichen Meinung mit Mühe zusammengehalten wird.
Aus dieser neuen Grundkonstellation heraus wurden nun neue Handlungsmomente entwickelt, weitere Personen eingeführt, neue Schauplätze erfunden und vieles andere mehr, bis eine Operette voller Witz und Heiterkeit auf der Bühne stand von einem Orpheus, der nicht mehr singt, sondern geigt und von seiner ungetreuen Ehefrau Eurydike, die lüstern in die Unterwelt eilt.

Ein neues, schlüssiges Theaterstück war entstanden, das voller diabolischer Wonne die gesellschaftliche Situation des zweiten Kaiserreichs Frankreichs beleuchtet und deren Repräsentanten lustvoll verspottet. Seine Lebensfähigkeit hat es durch nicht mehr zählbare Aufführungen bewiesen.
Solche Entstehungsgeschich-te, deren es noch viele ähnliche gibt, macht klar, wo das Zu-kurz-Denken vieler heutiger Theater- und Zeitungsleute liegt, das zu unbefriedigenden Aufführungen und verfehlten Kritiken führt.

Man sucht uns weiszumachen, daß man uns eine eine neue Sicht auf Stücke präsentiere, während in Wirklichkeit auch bei den heutigen Theaterleuten keine neue Sicht auf Stoffe und Themen vorliegt. Da nun aber die Kreativität fehlt, wird diese "neue Sicht" schon vorhandenen Stücken aufgepropft, die bereits erfolgreich sind. Man hängt sich an das bereits eingeführte Stück und kann im Gefolge eines berühmten Autors auch noch Kasse machen. Nur wir als Publikum, wir ärgern uns eben meistens.

Hätte Offenbach genauso gehandelt, hätte er sich zum Beispiel "Orpheus und Eurydike" (1762 bzw. 1774 von Christoph Willibald Gluck ,1714-1787) vorgenommen, was er bei ernsthaftem Wollen als Theaterleiter und Kapellmeister wohl gekonnt hätte, dann wäre Orpheus in der Gluck-Oper vielleicht in der Maske von Kaiser Napoleon III (1808-1873) aufgetreten und Eurydike in der Maske seiner Kaiserin Marie Eugénie (1826-1920).
Die Furien wären Kürassiere der kaiserlichen Garde geworden, mit denen Eugénie/Eurydike ein Techtelmechtel anfängt, während der auch im wirklichen Leben amouröse Napoleon sich mit seligen Geisten, die als leichte Mädchen daherflattern, einläßt.
Amor, der den Willen der Götter verkündet, wäre als Journalist erschienen und so wäre sogar die Idee mit der Öffentlichen Meinung noch untergebracht gewesen.

Ist doch eine schlüssige Inszenierungsidee, oder? Ach ja: Text und Musik passen nicht so recht zu diesem Sujet. Und was uns heute bei solchen Aufführungen Magenschmerzen bereitet, hätte die temperamentvollen Pariser von 1858 sicher veranlaßt, Offenbach zum Kunsttempel hinauszujagen.
Sie zeigten sich auch zuerst gegenüber dem Stück gar nicht gnädig. Erst als der damalige Kritikerpapst Jules Janin die neue Operette verriß und sich über die "Profanierung des glorreichen Altertums" empörte, erwachte das Interesse, und die anschließende Pressefehde sorgte dafür, daß die Pariser ins Theater strömten und den Witz des neuartigen Werkes entdeckten. Nach der 228. Aufführung mußte Offenbach die Operette wegen Erschöpfung der Darsteller absetzen. Aber bald stand sie wieder auf dem Spielplan.

Bis dahin hatte Offenbach nur Einakter geschrieben, von denen in der Regel zwei in einer Vorstellung gespielt wurden. "Orpheus in der Unterwelt" war sein erstes abendfüllendes Werk. Man spricht auch - obgleich es schon Vorgänger gab - von der ersten eigentlichen Operette. Ihr Erfolg bestimmte Offenbachs weiteren künstlerischen Weg.

Handlung und Musik. Die schwung- und temperamentvolle Ouvertüre ist wohl eine der am meisten gespielten Ouvertüren überhaupt. Aber ... Offenbach hatte sie so nicht geplant. Er hat eine Ouvertüre geschrieben, die altertümliche, musikalische Formen parodiert. Diese hört man nur ganz selten als Stückeröffnung. Die jetzige Ouvertüre stammt von dem Wiener Kapellmeister Karl Binder (1816-1860), der sie für die Wiener Erstaufführung aus den schönsten Melodien des Werkes zusammenstellte und die Offenbach dann autorisierte.

I. Akt, 1. Bild. Die Öffentliche Meinung tritt vor den Vorhang und erklärt, daß sie den Chor des antiken Theaters vertrete, der die Handlung kommentierend begleitete. Drohend merkt sie aber auch an:"...ich gehe, doch bin ich plötzlich wieder da, wenn ich was Tadelnswertes sehe". Der Vorhang öffnet sich: Gefilde um Theben, wo Eurydike die Hütte des Aristeus "Honigfabrikant en gros und en détail" schmückt. Ihm gehört ihre Neigung wie sie in einem coupletartigen mehrstrophigen Lied verrät und mit: "Doch sagt davon nichts meinem Mann!" wird das Publikum mit einbezogen.
Da erklingt von weitem eine Violine: Musiklehrer Orpheus kommt zurück. Ein handfester Ehekrach bricht aus und wird ein einem parodistischen Duett ausgetragen, in dem es dann heißt: " Zur Strafe sollst du hören mein neuestes Konzert...". Orpheus eilt fort, um seinen Schülerinnen Unterricht zu geben (mit seiner ehelichen Treue ist es auch nicht weit her).

Aristeus erscheint, wir erfahren, daß er Pluto, der Gott der Unterwelt ist, der listigerweise Orpheus im Traum veranlaßt hat, eine Schlange ins Kornfeld zu legen, um den Nebenbuhler Aristeus zu beseitigen. Diese Schlange soll nun dazu dienen, Eurydike in die Unterwelt und damit in seine Arme zu senden. Alles geschieht wie geplant. Eurydike wird von der Schlange gebissen und wirft sich Aristeus in die Arme, der sich als Pluto offenbart.
Eröffnet wird die Szene mit einem traumhaften Pastorale "Hört, Aristeus bin ich..." Dies wird zwar ironisiert: "Ein wenig idyllisch, ein wenig sentimental...", aber man kann sich doch der genialen Melodieerfindung Offenbachs nicht entziehen. Dies gilt auch für Eurydikes "Der Tod will mir als Freund erscheinen".

Orpheus kommt zurück, liest freudig die Nachricht, daß seine Frau durchgegangen ist. Doch er kommt kaum dazu, den Verlust der ungeliebten Gattin zu genießen, da erscheint die Öffentliche Meinung und zwingt ihn mit Rücksicht auf seine bürgerliche Reputation und die Erwartung der Nachwelt, von Jupiter die Rückgabe Eurydikes zu fordern. Mit einer marschartigen Musik "Komm, komm, komm!" machen sich beide zum Olymp auf.

2. Bild. Im Olymp. Die Götter liegen schlafend auf den Wolken. Einige treffen später ein. Sie haben die Nacht streunend auf der Erde verbracht. Zu Recht gilt diese Eröffnungsszene als musikalisches Meisterwerk. Die dahinträumende Stimmung kontrastiert mit der Charakterisierung der von ihren Abenteuern Zurückkehrenden. Hörnerklang weckt alle.
Jupiter wird des Raubes der Eurydike beschuldigt. Doch Merkur kann bestätigen, daß Pluto der Übeltäter war. Er wird einbestellt, leugnet aber alles ab. Als Jupiter Pluto etwas autoritär angeht, bricht unter den Göttern eine Revolution gegen ihren Chef aus. In den revolutionären Kampfgesängen erklingt auch die Marseillaise.
In einem Ensemble mit Chor werden Jupiter gerade die Leviten gelesen, da wird die Ankunft der Öffentlichen Meinung und Orpheus' gemeldet, denen sich sofort das allgemeine Interesse zuwendet.
In dem folgenden großen Finale trägt Orpheus, von der Öffentlichen Meinung dazu gezwungen, seine Beschwerde vor, wobei die Arie aus Glucks Oper "Ach, ich habe sie verloren" zitiert wird. Zum Schrecken von Orpheus wird Pluto dazu verdonnert, Eurydike wieder herauszugeben. Dazu muß man sich aber in die Unterwelt begeben. Mit einem schwungvollen Galopp toben alle Beteiligten und alle Götter dahin ab.

II. Akt, 3. Bild. Ein einfallsreiches Orchestervorspiel zeichnet das Geschehene noch einmal nach, dann sehen wir Eurydike, die sich in Plutos Boudoir tödlich langweilt. Dazu kommt, daß Hans Styx ihr mit seiner Lebensbeschreibung "Als ich noch Prinz war von Arkadien" so auf die Nerven geht, daß sie aus dem Raum flieht.
Wegen dieses Couplets, das gern benutzt wird, um aktuelle Ereignisse zu kritisieren, haben große Schauspieler gern in dieser Operette mitgewirkt (Gründgens, Lingen).
Jupiter und Pluto finden nur einen leeren Raum vor, was des letzteren Unschuld zu beweisen scheint. Aber der Göttervater läßt sich nicht so leicht reinlegen. Als Pluto zum höllischen Bankett gegangen und Eurydike wiedergekommen ist, dringt er als Fliege verwandelt ein. Das folgende Fliegen-Duett ist eine herrliche Parodie auf den antiken Jupiter, der sich als Tier verwandelt (Stier, Schwan) seinen irdischen Liebsten nahte. Beide verabreden, zum Festmahl Plutos zu gehen - Eurydike als Bacchantin verkleidet - und dann wollen sie gemeinsam zum Olymp fliehen.

4. Bild. Im Ballsaal der Unterwelt feiern die Götter den spendablen Pluto. Jupiter tanzt mit der als Bacchantin verkleideten Eurydike ein Menuett und will nach dem abschließenden Galopp mit ihr zum Olymp fliehen. Da tritt ihnen Pluto entgegen und erinnert an das gegebene Wort, Eurydike zurückzugeben. Schon ertönt die Geige Orpheus', der mit der Öffentlichen Meinung erscheint. Er erhält seine Gattin zurück mit dem Beding, sich nicht nach ihr umzuschauen.
Das scheint ihm zu gelingen, da schleudert Jupiter einen Blitz hinterher, Orpheus schaut sich entsetzt um, und Eurydike bleibt der Götterwelt erhalten. Ihr nächstes Opfer ist aber Gott Bacchus, dem sie sich als Bacchantin in die Arme stürzt. Orpheus ist froh, daß er sie endgültig los ist. Alle sind zufrieden, und mit dem hinreißenden Höllen-Cancan endet das heitere, geniale Werk.

W.R.


Quelle Datum Copyright
Wolfgang Rostock 01.04.1999 Volksbühne Bremen

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