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VB-ARCHIV
TEXTE, EINFÜHRUNGEN DER VOLKSBÜHNE BREMEN


27.12.2006

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Noach










NOACH

Oper in neun Bildern von Christoph Kein

nach dessen Kurzgeschichte: "Ein älterer Herr, federleicht"
Musik von Sidney Corbett

URAUFFÜHRUNG
(Auftragswerk für das BREMER THEATER)


Personen: Noach, ein alter Mann (Tenor) - Barbara, eine junge Frau (Mezzosopran) - Stein, ein junger Mann (Bariton) -Tatjana, eine Prostituierte (Sopran) - Rispe, ein Immobilienmakler (Baß) - Schulenburg, eine Stadträtin (Sopran) - Stimme des Herrn (Knabensopran, Sopran, Baß). Cherubim - Seraphim - Dämonen (Chor).

Haus und Straße in einem Abbruchbezirk einer Stadt. - Auf den Bergen von Ararat. Zeit Gegenwart sowie unmittelbar nach der Sintflut. Auftraqswerk für Bremen Viele Kunstwerke verdanken ihre Entstehung einem Auftrag. Dies gilt auch für das Theater und ganz besonders für das Musiktheater.
Die meisten im 17. und 18. Jahrhundert geschriebenen Opern verdanken ihre Entstehung so einem Auftrag oder einem deutlich ausgesprochenen Wunsch eines Herrscherhauses, einer vermögenden adeligen oder bürgerlichen Familie oder auch eines Theaterleiters. Dieser Brauch verlor sich etwas im 19. Jahrhundert. Ahnlich wie Dichter schrieben Komponisten ihre Werke aus innerem Antrieb oder auf Anregung eines Freundes oder Verlegers oder aus ähnlichen Anlässen. Und dann mußte - oft verzweifelt - nach einem Theater für die Aufführung gesucht werden. Erst in jüngster Zeit ist die Praxis des Auftragvergebens wieder etwas aufgelebt.
Das ist für moderne Komponisten und die zeitgenössische Musik eine große Hilfe. Denn ohne so einen Auftrag, der die Aufführung fast immer mit einschließt, würde so manche Schöpfung im Verborgenen bleiben. Das BREMER THEATER hat sich sehr verdienstvoll an der Belebung des alten Brauchs beteiligt, und so ist mit Noach wieder eine Uraufführung zu erwarten, die wahrscheinlich überregionales Interesse auf die Hansestadt zieht, insbesondere da die Autoren -Komponist wie Dichter - bedeutend sind.

Der Komponist Sidney Corbett

Sidney Corbett wurde 1960 in Chicago geboren, studierte Komposition und Philosophie an der University of California und an der Yale University. Ein Stipendium führte ihn an die Hamburger Musikhochschule, wo er bei György Ligeti (geb. 1923), einem der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten, sich weiter vervollkommnete. Sidney Corbett ist inzwischen mit vielen Bühnen,- Orchester-, Ensemble-, Solo- sowie Vokalwerken an die Öffentlichkeit getreten. Internationale Preise und Auszeichnungen ließen nicht auf sich warten, auf verschiedenen europäischen Festspielen wurde er aufgeführt, fast alle bundesdeutschen Rundfunkanstalten sowie der französische und russische Rundfunk senden Werke von ihm und verschiedene Kompositionsaufträge wurde ihm unterbreitet. Als Gastprofessor für zeitgenössische Musik lehrte Corbett an verschiedenen Universitäten der Vereinigten Staaten. Er wurde zu Vorträgen und Meisterkursen von den Universitäten Hamburg und Münster, dem HAUS DER KOMPONISTEN in Moskau und dem königlichen Konservatorium Aarhus eingeladen.


CD's von Corbett erschienen bei CRI/New York, Ambitus, BIS und Kreuzberg Records.

Der Schriftsteller Christoph Hein
Der vor der Flucht 1944 in Schlesien geborene Pfarrerssohn lebte als Kind in Leipzig, durfte aber dort - in der ehemaligen DDR - keine Oberschule besuchen und ging deshalb auf ein Westberliner Internat. Der Mauerbau versperrte aber diesen Ausweg. Es gelang ihm dann aber doch, an einer Ostberliner Abendschule das Abitur zu machen. An der Ostberliner Volksbühne konnte er für ein Jahr als Regieassistent unterschlüpfen. Ansonsten mußte er sich als Montagearbeiter, Kellner und in anderen Berufen durchschlagen. In Berlin wurde ihm die Aufnahme eines Studiums verweigert, aber in Leipzig erhielt er 1967 doch einen Studienplatz für Philosophie und Logik.
An der Ostberliner Humboldt - Universität konnte er dann doch mit einem Diplom abschließen. Anschließend (1970)erhält Christoph Hein sogar ein Engagement als Dramaturg und Hausautor an der Ostberliner Volksbühne, wo dann auch 1974 sein erstes Werk uraufgeführt wird. Andere DDR-Bühnen ziehen mit weiteren Stücken nach. Als aber immer wieder Uraufführungen seiner Stücke abgesagt werden, kündigt er bei der Volksbühne und arbeitet ab 1979 als freier Schriftsteller. Seine Stücke, Romane, Novellen und Kurzgeschichten erscheinen ab Mitte der achtziger Jahre sowohl in ost wie in westdeutschen Verlagen.
Beim X. Kongress des Verbandes der Schriftsteller der DDR sagt er in einer Aufsehen erregenden Rede: Die Zensur ist überlebt, nutzlos, paradox, menschen- und volksfeindlich, ungesetzlich und strafbar. Sein Stück Passage wird in Essen und Dresden uraufgeführt. Es folgt "Die Ritter der Tafelrunde" wo er die bis dahin unangetastete Legende in Frage stellt, was abgewandelt auch in Noach geschieht.
Bei den großen Versammlungen während der Wende spricht Hein neben anderen Künstlern
am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz vor nahezu einer Million Demonstranten. Christoph Hein bleibt auch im vereinten Deutschland ein politisch aktiver Schriftsteller: Er protestiert gegen den Golf-Krieg und nimmt vehement gegen Ausländerfeindlichkeit in Deutschland Stellung. Zwischen 1998 und 2000 ist er Präsident der deutschen Sektion des PEN-Zentrums.

Die Musik von Sidney Corbett
Professor York Höller, Leiter des WDR-Studios für elektronische Musik hat kürzlich formuliert, daß Musik ein allgemeinverständliches Medium sein müsse. Ganz behutsam, in zunehmenden Maße scheint sich eine Hinwendung moderner Musik zur Aufnahmefähigkeit des Publikums abzuzeichnen. Langsam baut sich wohl das In-sich-selbst-Befangensein ab, das manche zeitgenössische Komponisten nur noch sich selbst und ihre eigenen Gedanken kennen ließ, so daß sie das Eingemauertsein in den berüchtigten Elfenbeinturm gar nicht mehr wahrnahmen.
Der Weg zurück ist freilich schwer, weil die meisten Zuhörer sich sperren, wurden sie doch zu oft mit Klängen konfrontiert, die sie - als nicht professionell - nicht verstehen konnten, zu denen sie einfach keinen Zugang hatten. Corbetts in den letzten Jahren geschriebene Musik bewegt sich auch auf die Erwartenshaltung des Publikums zu, die durch vielerlei Gebrauchsmusik nun einmal geprägt ist. Seine Musik ist vor allem linearem melodischem Denken verpflichtet.
Nach intensiver Auseinandersetzung mit ambrosianischen Gesängen und anderer alter einstimmiger Musik sind seine Kompositionen heute vorwiegend vokal-melodisch ausgerichtet. Er sucht eine Schönheit des Klanges jenseits aller süßlichen Anbiederung.
Auch für ihn gilt die Devise Musik muß wie ein Gebet sein (Toru Takemitsu), was eine fruchtbare Gegenposition zur inneren Einstellung des Librettisten Christoph Hein ergibt. In harmonischer Hinsicht hat Corbetts Musik einen schwebenden Charakter, sie vermeidet tonale Eindeutigkeit. Auch die Rhythmik ist gleitend, vermeidet Taktschwerpunkte.

Die musikalische Struktur der Oper (Verlags - Information)

Das Werk ist in drei ineiander verwobenen Zyklen gegliedert.
    Erstens gibt es die Sinfonien, orchestrale Zwischenspiele ohne Gesang, Orte der Erinnerung an die ferne Vergangenheit, die die Brücken schlagen zwischen biblischer Zeit und Gegenwart.
      Den zweiten Zyklus bilden die Kammermusiken, solistisch besetzte Stücke zur Begleitung und Kommentierung der vokalen Solo- und Ensembleteile des Handlungsteiles.
        Der dritte überwiegend vokale Zyklus ist den Auftritten des Herrn vorbehalten.

        Die Handlung der Oper

        1. Bild. In Noachs Wohnung.
        Barbara und Stein betreten innerhalb eines zum Abbruch bestimmten Hauses, das sie besetzt haben, eine vermeintlich leere Wohnung, um diese nach Brauchbarem zu durchstöbern. Sie entdecken einen uralten Mann; Noach (der alttestamentarische Noah). Obgleich sie ihm freundlich begegnen, weist er sie barsch als Störenfriede zurück. Sein Alter gibt er mit 949 Jahren an, was die beiden komisch finden.

        2. Bild. Straße vor Noachs Haus.
        Der lmmobilienmakler Rispe beschwert sich bei der Stadträtin Schulenburg, daß er das vor fünf Jahren gekaufte Haus wegen des alten Bewohners, der vom städtischen Sozialamt unterhalten wird, nicht abreißen könne. Er versucht die Stadträtin für sich einzunehmen, indem er ihr eine rührselige Geschichte auftischt, daß schon seine Eltern dieses Haus bewohnt hätten. Die Stadträtin zeigt sich seinen Neubauabsichten geneigt, besonders da ihr ein Scheck zugesteckt wird: "Ich bewege mich am Rande der Legalität", aber gegen die Gesetze kann auch sie nichts unternehmen.

        Parallel dazu - die Szene hat sich zu einem Quartett ausgeweitet. - wird Barbara von Stein bedrängt, der sich durch ihre Sympathie für den Alten "Ein lebender Leichnam ist das" zurückgesetzt fühlt: "Ich liebe dich, Barbara" Barbara hat für den Alten ein Gefühl wie für einen Vater, einen Großvater, einen Urgroßvater...

        3. Bild. Noachs Wohnung.
        Ein Jahr später besucht Barbara mit einer Torte Noach, um ihm zu seinem Geburtstag zu gratulieren. Unwirsch wie immer, sträubt er sich gegen ihr Ansinnen die Wohnung aufzuräumen, nichtsdestoweniger macht er in einer altertümlichen Sprache erotische Anspielungen, gegen die sich Barbara wehrt. Er erzählt von der Sintflut, aber obgleich er das Ölblatt der Taube. Es leuchtet wie am ersten Tag. vorzeigt, schenkt sie ihm keinen Glauben.

        4. Bild. Auf den Bergen von Ararat.
        Unmittelbar nach der Sintflut. Engelchöre preisen das himmlische Reich, doch Noach klagt Gott wegen des durch die Flut zerstörten Lebens an. Er will wissen "Warum muß ich dieses Elend sehen, anschauen diese Greuel der geschlachteten Erde?" Aber Gott (Stimme des Herrn) läßt ihn mit dem Bescheid "Es reut mich, daß ich den Menschen gemacht habe. und dem Befehl Seid fruchtbar und mehret euch!" allein zurück. Gegen die verhallenden Engelchöre steht Noachs trostloses, anklagendes "Warum?"

        5. Bild. Noachs Wohnung.
        Barbara hört Noachs Erzählun-gen von der Sintflut gerne zu, glaubt ihm aber kein Wort. Sie hat wissenschaftliche Erklärungen bereit: Folge einer Klimaver-schiebung. Aber Noach bleibt dabei: die große Flut war die sinnlose Tat eines Verrückten. und er weiß es inzwischen selbst. Darum läßt er mich nicht sterben Auf den unvermittelten Wunsch, mit ihm ins Bett zu gehen, läuft Barbara davon. Mit einem Fluch Noachs auf Jahwe schließt das Bild.

        6 .Bild. Straße vor Noachs Haus.
        Rispe verhandelt mit der Nutte Tatjana. Stein und Barbara begrüßen Tatjana, mit der sie befreundet sind. Noach kommt dazu und beschimpft Rispe, in dem er einen Menschen sieht, der Gottes Zorn heraufbeschwören könnte. Rispe schlägt Noach nieder. Barbara und Stein bringen den anscheinend Toten in seine Wohnung.

        7. Bild. Noachs Wohnung.
        Stein will sofort verschwinden. nachdem er mit Barbara Noach in die Wohnung gebracht hat. Aber sie glaubt ein Lächeln auf seinen Zügen zu erkennen und will bleiben. Wütend läuft Stein davon. Barbara redet mit dem Toten und beschließt, bei ihm einzuziehen. Von fern erklingen die Chöre der Cherubim und Seraphim: Du hast Gnade vor ihm gefunden, Noach.

        8. Bild. Auf den Bergen von Ararat.
        Wieder jubeln Engelchöre, wieder besteht Gott auf dem nach der Sintflut geschlossenen Bund mit den Menschen. Aber in der Tradition der großen russischen Nihilisten läßt Autor Christoph Hein Gott anklagen und verklagen, daß er immer wieder Unglück, Kriege, Seuchen und andere Katastrophen über die Menschen gebracht und seinen Bund immer wieder gebrochen habe. Gott kann Noach nur befehlen, zu gehorchen und auf die Offenbarung am Tag des Gerichts zu warten. Noach fordert Gott auf, mit seinen Geschöpfen, den Menschen, nicht zu spielen. Gegen die Argumente Noachs scheinen die Jubelchöre nur Hohn und Ironie zu sein.

        9. Bild. Noachs Wohnung.
        Da Noach verstorben scheint, kommen Rispe und Schulenburg, um die Wohnung zu räumen und das Haus abzureißen. Aber Barbara besteht darauf, daß Noach lebt. Und der erscheint tatsächlich. Noach lehnt eine Ersatzwohnung ab, und Schulenburg und Rispe müssen abzie­hen. Barbara kann bei Noach bleiben, denn so lange er lebt, bleibt das Wohnrecht erhalten, und das kann eine Ewigkeit währen. Noach bekommt noch Barbaras "Damenunterwäsche. Sehr hübsch." zu sehen, während Chöre "Die Herrlichkeit des Herrn" wieder einmal preisen...


        Quelle Datum Copyright
        Wolfgang Rostock 01.11.2001 Volksbühne Bremen

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