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TEXTE, EINFÜHRUNGEN DER VOLKSBÜHNE BREMEN


27.12.2006

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Der Meister und Margarita

DER MEISTER UND MARGARITA


Theaterstück von Andrej Woron
nach dem gleichnamigen Roman von Michail Afanasjewitsch Bulgakow
Russische Literatur zur Zeit Stalins
Der Mut russischer Autoren, sich mit der Staatsmacht anzulegen
- mochte sie nun zaristisch oder sowjetisch sein- ist bewundernswert.
Beeindruckend die nicht abreissenden Angriffe auf das Stalinsche Unterdrückungssystem, das jede freie oder auch nur abweichende Meinung rücksichtslos und brutal unterdrückte. Immer wieder erschienen trotzdem epische und dramatische Werke, die sowohl ernst wie auch frech und heiter, oft satirisch den Staatsapparat kritisierten , attakierten oder lächerlich machten.

Im Westen blieben aber viele dieser Werke unbekannt, weil sie schnell verboten wurden oder die Drucklegung verhindert wurde. So leugneten sowjetische Kulturfunktionäre das Vorhandensein qualitätvoller, kritischer Literatur mit dem unverfrorenen Hinweis, das ja nichts Gedrucktes vorläge.Literarische Arbeiten wurden im Westen nur bekannt, wenn sie auf verschlungenen Wegen über die Grenze gelangten. Auch über das persönliche Schicksal der Autoren erfuhr man nur gelegentlich etwas.
Von Boris Pasternak, dem Dichter des "Doktor Schiwago" hörte man nur, daß er gezwungen wurde, den Nobelpreis abzulehnen, und man sah bedrückende Bilder von ihm, die von Mitgliedern des Hamburger Schauspielhauses von dem "Faust" -Gastspiel mit Gründgens aus Rußland mitgebracht wurden. -
Lew Kopelew konnte sich nach seinem verfemten Buch "Aufbewahren für alle Zeit" der Sowjetmacht mit der Hilfe von Heinrich Böll entwinden und fand bei ihm in Köln Aufnahme. Alexander Solschenizyn, der mit "Krebsstation" viel Staub aufwirbelte, ist ein einsamer Glücks fall, konnte er doch mit "Ein Tag im Leben des Iwan Dessinowitsch" einen entscheidenden Anstoß zur Eindämmung der Willkür des Regimes geben. Niemand hätte das für möglich gehalten.
Wer aber vor diesem Ereignis veröffentlicht hatte, entging selten einem harten Schicksal. Michail Soschtschenko verlor wegen seiner herrlichen Satire-Sammlung "Schlaf schneller, Genosse" genauso Beruf und Existenz wie Valentin Katajew, dessen umwerfend komisches Lustspiel "Ich will Miussow sehen" ("Pension Butterpilz") Volksbühnenmitglieder vor ein paar Jahren beim UNION-Theater sehen konnten. Nikolai Erdmann, Freund und Berater Bulgakows, verschwand wegen seiner schwarzen Komödie "Die Selbstmörder" und wegen einiger anzüglicher Fabeln für Jahre im Gulag. Der große Lyriker Wladimir Majakowski(Theaterstücke: "Die Wanze", "Das Schwitzbad") flüchtete in den Selbstmord.

Bulgakow und die Zensur


Bulgakows Leben und Laufbahn verliefen nicht so tragisch,waren aber so verworren wie die vieler Menschen in jener Zeit, die nach dem Untergang des verrotteten Zarenreichs eine bessere Zukunft erwarteten. Besonders Intellektuelle blickten hoffnungsfroh auf die junge Revolution und sahen Fehlentwicklungen nur als Anfangsschwierigkeiten an.
Allerdings wurden bei vielen die Irritationen immer größer und führten bald in existentielle Probleme.(Beispielhaft dafür die Schicksale großer Komponisten wie Prokovieff und Schostakowitsch.)Ähnlich erging es auch Michail Bulgakow. Als Sohn eines Kirchenhistorikers 1891 in Kiew geboren,zog er, nachdem er dort als Arzt praktiziert hatte, 1921 nach Moskau und betätigte sich als Schriftsteller.
In den 20er Jahren herrschte in der Kulturszene der jungen Sowjetunion noch eine liberale Aufbruchstimmung. Bulgakow bekam aber trotzdem schon den Druck der sich immer rücksichtsloser etablierenden Diktatur zu spüren. Kaum war sein erstes Buch, ein Erzählband, erschienen, setzte scharfe Kritik ein: Es fehle an "revolutionärer Parteilichkeit".
Schließlich wurden seine Prosawerke und Theaterstücke regelrecht beschimpft. Man verhängte sogar ein Publikationsverbot. Bulgakow, voller Überzeugung in die Revolution hineingewachsen, hielt lange an der Meinung fest, daß er nur ein Opfer unfähiger Kulturbürokraten sei. Dies läßt sich an zwei Werken mit autobiographischem Gehalt ablesen: "Das Leben des Herrn de Molière", einem Roman, der 1933 fertiggestellt, weil DEN Kulturfunktionären nicht genehm aber nie veröffentlicht wurde und dem Theaterstück "Die Kabale der Scheinheiligen", in dessen Mittelpunkt ebenfalls der große französische Dichter steht.
Bulgakow meinte in Molières Schicksal Parallelen zu seinem eigenen entdecken zu können: Molières "Tartuffe" konnte erst vollständig aufgeführt werden, nachdem Ludwig XIV. die hohe Geistlichkeit gezügelt hatte.
Die Uraufführung von Bulgakows Stück wurde künstlich sechs Jahre hinausgezögert und dann wurde es 1936 nach einem vernichtenden Artikel in der "Prawda" verboten. Bulgakow war nun so naiv, daß er glaubte, durch einen Brief Stalin dazu bewegen zu können, seine Moskauer "Geistlichkeit", die Kulturfunktionäre, zurückzupfeifen.
(Wer denkt da nicht an die durch ihre Gedanken- und Ahnungslosigkeit erschreckende Rederei aus dem Dritten Reich: "Wenn das der Führer wüßte!"?)Diese Ereignisse wurden in der Oper "Die Henker der Komödianten" von Johannes Kalitzke, (vor einiger Zeit am Goetheplatz aufgeführt) thematisiert. Sie hatten für die Weiterarbeit am Roman "Der Meister und Margarita" Bedeutung. Der Diktator reagierte nämlich tatsächlich und rief Bulgakow an. Es kam zwar nicht zu einem dabei vereinbarten Gespräch, aber Bulgakow landete, nachdem er eine Assistentenstelle am Künstlertheater inne hatte, 1937 am Bolschoi-Theater als eine Art Dramaturg.
Bulgakow, der ein großer Musikliebhaber war, begegnete hier seiner Lieblingsoper "Faust" (in Deutschland "Margarete") des französischen Komponisten Charles Gounod (1818-1893). Dies wirkte beflügelnd auf seinen Roman "Der Meister und Margarita", an dem er nun schon knappe zehn Jahre arbeitete und für den er aus dem großen Themenkreis der "Faust"-Dichtungen viele Anregungen erhalten hatte. Der Roman reifte seiner letzten, der sechsten Fassung entgegen, die Bulgakow kurz vor seinem Tode 1940 abschloß.


Anregungen - Gedanken - Ideen

Schon das Motto, das Bulgakow seinem Roman voranstellt, weist auf die Herkunft wichtiger Figuren, Gedanken,Handlungs- elemente, Szenarien hin: "Nun gut, wer bist du denn? "Ein Teil von jener Kraft, Die stets das Böse will und stets das Gute schafft." Es ist die Frage Fausts und die Antwort Mephistos beim ersten Zusammentreffen der beiden in Goethes "Faust". Damit sind zwei der wichtigsten Personen des Romans fixiert und der Teufel erhält auch noch den Namen Voland, der aus der Walpurgisnacht stammt. Mephisto verschafft sich Respekt beim Hexensabbat mit den Worten: "Platz! Junker Voland kommt. Platz! Süßer Pöbel, Platz!" ("Junker Voland" ist eine alte Bezeichnung des Teufels, der mittelhochdeutsch "vâlant" heißt.)
Auch die Herkunft des Namens "Margarita" von Gretchens vollständigem Namen Margarete ist eindeutig. Doch muß man vorsichtig damit sein, Entsprechungen herzustellen. Anregende Assoziationen kommen dem Sachverhalt näher. So ist der Meister, die andere Titelfigur Bulgakows, keineswegs ein dynamischer, nach Erkenntnis dürstender Tatmensch wie der Goethesche Faust. Er ist eher passiv, den Ereignissen ausgeliefert, wenngleich auch er der Erlösung bedarf. Die wird ihm - anders als in der deutschen Dichtung - durch Margarita zuteil, die - auch ganz anders als Goethes Gretchen - aktiv in das Geschehen eingreift.
Sie ist eine ebenbürtige Partnerin und Gegenspielerin der mephistophelischen Teufelsgestalt. Sie besteht alle Herausforderungen und weicht auch vor dessen Gefolge nicht zurück. Entscheidend anders ist auch der Bulgakowsche Teufel Voland, der erst als Professor auftritt (was bei Goethe in der Schülerszene auch geschieht), dann aber in verschiedenen Gestalten erscheint. Auch wenn er in der Wahl seiner Mittel oft rüde, rücksichtslos, grobianisch ist, so will er eben nicht "stets das Böse". Im Gegenteil, meistens tritt er wie ein numinoser Richter auf. Er deckt mit Hilfe seiner Gesellen Falschheit, Hinterlist, Verlogenheit, Spießigkeit und viele andere menschliche Schwächen und Fehler auf, ja sogar Verbrechen, und überwacht, soweit diese in der Vergangenheit begangen wurden, deren Sühnung.
Bulgakow benutzt seine Figuren und deren Taten mit unverhohlener Freude und viel satirischem Witz und Humor,um die fatalen Fehlleistungen des kommunistischen Systems, das immer korrupter und ungerechter wurde, anzugreifen, seinen Mitbürgern den Spiegel vorzuhalten und ihnen zu zeigen, daß sie sich keineswegs auf dem Wege zu einem neuen besseren Menschentum befänden. Erst 27 Jahre nach der Vollendung, 1966/67, erschien der Roman in Fortsetzungen in der sowjetischen Literaturzeitschrift "Moskwa".
Diese Auflagen waren sofort vergriffen. Es wurde gleich bemerkt, daß Bulgakow auch bei anderen Dichtern - nicht nur bei Goethe - Szenarien und Gedanken aufgenommen und schöpferisch umgesetzt hatte. An erster Stelle wurde auf den deutschen romantischen Dichter E.T.A. Hoffmann (dem Titelhelden der Offenbach-Oper "Hoffmanns Erzählungen") hingewiesen.
In dessen unheimlichen, spukhaften Dichtungen bündeln sich gleichsam die bis dahin bekannten Darstellungen satanischer Szenarien. Gleichzeitig verfügte er über einen skurrilen Humor und eine scharfe satirische Begabung, mit der er genußvoll über die Schwächen seiner Zeitgenossen herzog. So etwas wurzelte offenbar auch in Bulgakows Seele. Finden sich doch magische Bilder, suggestive Phantasien, satirische Ausfälle auch in "Der Meister und Margarita". Natürlich hatte er auch die Strömungen der großen russischen Literatur des 19. Jahrhunderts in sein Weltbild aufgenommen. Er steht in einer vielschichtigen Tradition, die durch Namen wie Dostojewski, Lermontov oder Gogol repräsentiert wird und die philosophische (einschließlich nihilistischer), dämonologische und satirische Aspekte in sich vereinigt. Diese überreiche Gedanken- und Gefühlswelt beflügelte Bulgakows Phantasie, befruchtete seine schöpferische Kraft, die sich in poetischen, wortgewaltigen, ja, rauschhaft vorüberflutenden Bildern entlädt.
Legenden werden zerstört und gleichzeitig neue mythische Visionen beschworen. Die den drei Handlungsfelder und Personengruppen des Romans um drei Personengruppen verdichten sich die Ereignisse, weiten sich zu Handlungsfeldern (oder -ebenen) aus. Diese berühren oder überlappen sich, werden eng verzahnt, filmisch überblendet. Ein nicht erscheinender Erzähler führt gelegentlich koordinierend weiter, kommentiert wohl auch 'mal ironisch.
Das erste Handlungsfeld baut sich um den me- phistophelischen Voland auf, der zunächst als Professor V auftritt, umgeben von seinen Spießgesellen: dem großen, schwarzen, auf zwei Beinen laufenden, fetten Kater Behemoth, einem Kantor, der mal "Fagott", mal "Korojew" oder noch anders angeredet wird und dem monströsen Asasello, der sich in den dunkelvioletten Ritter verwandelt. Bei Volands erstem Auftritt verliert Berlioz, Vorsitzender des Literatenverbandes MASSOLIT (am Goetheplatz "Lyriker") sein Leben und der Poet Besdomny (= Hauslos) gerät in die Irrenanstalt. - Dann liefert Bulgakow in den Szenen um das Schriftstellerhaus "Grobojedow" und um das Varieté-Theater satirische Meisterstücke. Die maliziösen Attacken hageln nur so.
Das zweite Handlungsfeld gehört dem Liebespaar Meister - Margarita. Voland führt das Paar zusammen. (Bei Goethe handelt Mephisto ähnlich). Bulgakow verbindet damit gleichzeitig die beiden Handlungsfelder, wodurch auch vorbereitet wird, daß Margarita den Meister mit phantastischen Mitteln erlösen wird. Sie wird zu einer - natürlich guten - Hexe. Humorvoll wird geschildert, wie sie "mit Genuß" die Wohnung des Kritikers Latunski demoliert, des Erzfeindes ihres Geliebten. Dann nimmt sie am Ball Satans teil,wo Johann Strauß als Gast Walzer dirigiert. Weil sie alle Schrecknisse dieser Nacht durchsteht, darf sie ihren Meister erlösen. Die Erlösung ist aber nicht in der irdischen Existenz möglich. Nach einem phantastischen Ritt auf schwarzen Rossen (die Zauberpferde von Goethes Mephisto?) kann Margarita den Meister im Jenseits erlösen, weil ihre Gefühle uneigennützig waren: "Schau, dort vorn ist dein ewiges Haus... Du wirst einschlafen mit einem Lächeln auf den Lippen... Ich werde deinen Schlaf behüten."
Das dritte Handlungsfeld rankt sich um Jeschua (= Jesus) und Pilatus. Es ist ein Roman im Roman, den der Meister geschrieben hat. Dabei handelt es sich um eine Parabel über die Willkür der Staatsgewalt gegen die Eigenverantwortung des Individuums. Anders als in der Bibel entzieht sich Pilatus aus Feigheit der Verpflichtung, gerecht zu sein und spricht das Todesurteil aus. Die Vielschichtigkeit der Handlung, die phantasiereich erfundenen Charaktere und Schauplätze haben bereits eine Dramatisierung (Moskau 1966) und eine Verfilmung (1972) gezeitigt. Die Bremer Version lag zur Zeit der Abfassung dieser Einführung noch nicht vor. - Wir empfehlen dringend, den Roman zu lesen. (Er ist in Buchhandlungen und Bibliotheken leicht greifbar). Das dürfte für den Theaterbesuch gewiß sehr gewinnbringend sein!


Quelle Datum Copyright
Wolfgang Rostock März 2002 Volksbühne Bremen

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