LADY MACBETH VON MZENSK
LADY MACBETH VON MZENSK
Oper in vier Akten (Urfassung von 1932)
von Arkadij Preiss und vom Komponisten nach der "Lady Macbeth des Mzensk-Distriktes"
von Nikolaj Semjonowitsch Ljeskow
Musik von Dmitri Schostakowitsch
Personen: Boris Timofejewitsch Ismailow, Kaufmann (Baß)
Herrn Sinowi Borissowitsch Ismailow, sein Sohn, Kaufmann (Tenor)
Katerina Lwowna Ismailowa, Sinowis Frau (Sopran)
Geist des Boris Timofejewitsch Ismailow (Baß).
Arbeiter und Angestellte bei den Ismailows: Sergej, Handlungsgehilfe (Tenor)
Axinja, Köchin (Sopran) - Der Schäbige, ein verkommener Arbeiter (Tenor)
Verwalter (Baß)-Hausknecht (Baß) - Zwei Vorarbeiter (Tenöre)
Ein Arbeiter aus der Mühle (Bariton) - Kutscher (Tenor).
Pope (Baß) - Kreispolizeichef (Bariton) - Gendarm (Baß) - Ein Lehrer, Nihilist (Tenor)
Betrunkener Gast (Tenor).
Personen im Lager der Zwangsarbeiter: Sergeant (Baß) - Stepanitsch, Wachtposten (Baß)
Sonjetka, Zwangsarbeiterin (Alt) - Alter Zwangsarbeiter (Baß) - Zwangsarbeiterin (Sopran).
Arbeiter und Arbeiterinnen der Ismailows - Hochzeitsgäste -Gendarmen
Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen.
Zeit und Ort: Zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Kreisstadt Mzensk und im Durchgangslager der zur Zwangsarbeit Verurteilten.
Dmitri Schostakowitsch -
Abriß von Leben und Werk.
Das Sowjetregime hat oft die Kunst und damit auch die Musik bevormundet und damit deren Entwicklung behindert. Trotzdem hat Rußland nicht nur einen bedeutenden, sondern sogar
einen großen Beitrag zur Musik des 20. Jahrhunderts geleistet. In Kammermusik, Sinfonik, Ballett und Oper sind überragende Meisterwerke entstanden.
An Bühnenwerken sollen nur ganz wenige stellvertretend genannt werden: Spartakus und Gayaneh mit dem berühmten Säbeltanz aus der Feder von Aram Khachaturian (1903-1978) oder Romeo und Julia, ein Jahrhundertwerk der Ballettgeschichte von Sergej Prokofiev (1891-1953).
Er schrieb auch die Oper "Die Liebe zu den drei Orangen" (vor ein paar Jahren in Bremen aufgeführt) sowie "Krieg und Frieden", "Die Verlobung im Kloster" und andere.
In die Reihe solcher namhafter Komponisten ist auch Dmitri Schostakowitsch zu stellen. Als Sohn einer Pianistin und eines Ingenieurs wurde er am 25.09.1906 in St. Petersburg geboren. Seinen Eltern, beide leidenschaftliche Musikliebhaber, fiel die geniale Frühbegabung sofort auf. Nach Klavierunterricht bei der Mutter und Besuch einer Musikschule studierte er am Konservatorium seiner Vaterstadt, wo er sogar noch Unterricht und Anregungen von Alexander Glasunow (1865-1936)erhielt.
In der aufregenden Atmosphäre des frühen russisch-sowjetischen Avantgardismus war er zuhause,
wirkte in erster Reihe mit und erregte mit seiner 1. Sinfonie (1924/25)
weltweit Aufsehen. Er arbeitete als musikalischer Berater im Theater von
Wsewolod Meyerhold (1874-1940) mit. Der neue antirealistische Stil dieses
genialen Theatermannes wirkte auch auf den jungen Komponisten ein und er schuf
damals die phantastisch-groteske und satirische Oper "Die Nase" nach
einer Erzählung von Nikolaj Gogol (1809-1852).
Mit genialem Zugriff entwickelte er schon zu dieser Zeit seinen Personalstil, den er zwar
gelegentlich mäßigen mußte, den er aber im Großen und Ganzen durchhielt. Er
schlug nicht den Weg der Emanzipation der Dissonanz ein wie viele
westeuropäische Komponisten, sondern entwickelte eine Emanzipation der
musikalischen Ambivalenz. Dies erleichtert den Zugang zu seiner Musik und
schafft für das Publikum beim Hören weniger Probleme. Dies wurde ihm (wie auch
seinen oben genannten Kollegen) im Westen bis in unsere Gegenwart übel genommen
und gab zu abwertenden Kritiken der arroganten Fachwelt Anlaß.
Bei sachlicher Betrachtung gibt es jedoch an der modernen Faktur seines Stils nicht das geringste zu bezweifeln oder zu bemängeln. Hochespressive Episoden gehen mit einer an Bach
geschulten Formstrenge einher. Folkloristisch-naives wird mit ungewöhnlichen
Rhythmen und neuartigen, verfremdeten Orchesterklängen gepaart. Je nach
Situation und Anlaß findet er immer neue unerwartete Kunstmittel musikalischen
Ausdrucks. Die darüber noch hinausgehende Komplexität seines Stils ist kaum in
Worte zu fassen, wie uns das eben öfters bei guter Musik begegnet.
Jedoch verhalf Schostakowitsch die Qualität seines Werkes keineswegs zu einer
unangefochtenen Karriere. So wie andere bedeutende Künstler wurde er durch eine Politbürokratie gemaßregelt. Der große fortschrittliche Aufbruch der Künste in eine moderne
Zukunft zu Beginn der 20er Jahre war nicht nur vergessen, sondern inzwischen in
Acht und Bann getan worden. So kam es zu für uns absurden Ereignissen: Als die
"Lady Macbeth von Mzensk" 1936 auch in Moskau aufgeführt wurde,
verließ Stalin vorzeitig das Theater, weil er zu einem anderen Termin wollte.
Dies wurde als Mißfallenskundgebung gedeutet, und in vorauseilendem Gehorsam leitete die Prawda am 28.Januar 1936 mit dem berühmt-berüchtigten Artikel "Wirrwarr statt Musik" eine Kampagne gegen den Komponisten ein.
Schostakowitsch wurde als Volksfeind bezeichnet. Die Situation wurde schließlich so gefährlich, daß er wie seine Freunde General Tuchatschewskij oder das
Theatergenie Meyerhold in Gefahr war, verhaftet, wenn nicht gar erschossen zu
werden. Seine Werke verschwanden aus den Theatern und Konzertsälen. Es gelang
ihm zwar einigermaßen durchzukommen, aber er mußte immer wieder harsche,
partei-ideologische Kritik über sich ergehen lassen und das, obgleich er mit
seiner 7. Sinfonie, der Leningrader, nicht nur vaterländische,
antifaschistische Gesinnung gezeigt hatte, sondern mit diesem Werk auch wieder
einmal international anerkannt worden war. Er starb am 9. August 1975 in
Moskau. (Übrigens floh sein Sohn, ein bekannter Dirigent, anläßlich einer
Gastspielreise ins westliche Ausland.)
Lady Macbeth von Mzensk - Eigenheiten von Musik und Text.
Die Handlung schließt nicht so eng an die Tragödie Macbeth von Shakespeare an, wie man auf Grund des Titels vermuten könnte. Nicht die maßlose Gier Herrschender nach
Macht löst die Kette der Verbrechen aus. Die Oper spielt vielmehr in
kleinbürgerlichen Verhältnissen. Wenn auch die Frauengestalten in beiden Werken
die treibende Kraft werden, so sieht Schostakowitsch in seiner Katerina
Ismailowa, seiner Lady, einen ganz anders gearteten Charakter, den er so
beschreibt: Ich habe mich bemüht, Katerina Lwowna als positive, das Mitgefühl des Zuschauers verdienende Person zu behandeln. Ihre Verbrechen seien zwar mit Moral und Ethik nicht zu vereinbaren, doch gäbe es für ihn erklärende Ursachen: Katerina ist eine kluge, begabte und schöne Frau. Durch die schweren, bedrückenden Bedingungen, denen das Leben sie unterwarf, durch die Einkreisung im barbarischen, habgierigen und kleinlichen
Kaufmannsmilieu wird ihr Leben freudlos, uninteressant, düster.
Diese Nähe zum westeuropäischen, insbesondere deutschen Expressionismus ist sicher kein
Zufall. Hier wie dort erhoffte man sich durch Einführung eines kompromißlosen
Matriachats einen Durchbruch in eine bessere Zukunft. Dafür war man auch
bereit, selbst extreme Verfehlungen irgendeines weiblichen Wesens in Kauf zu
nehmen. Dazu paßt, daß sich im frührevolutionären Rußland der 20er Jahre die
intellektuelle, städtische Jugend zur freien Liebe bekannte.
Schostakowitsch geriet damals in ein seelisches Dilemma: Einerseits war er den neuen Ideen verbunden, wie seine Äußerungen zur "Lady Macbeth von Mzensk"zeigen,
andererseits wollte er Nina Warsar, der er diese Oper widmete, ganz normal
heiraten. Gleichzeitig sträubte er sich gegen die Anordnungen der spießig
werdenden Sowjetregierung, die jegliche moderne Auffassung von Partnerschaft
wieder zurückdrängen wollte.
Die leidenschaftliche, trotz formaler Strenge wilde Musik spiegelt möglicherweise diese seelischen Wirren wieder. Es finden sich realistische Darstellungen von sehnsuchtsvoller Liebe bis hin zu sexueller Begierde. Brutale Ereignisse wie Schlägereien oder die
Auspeitschung Sergejs werden rücksichtslos mit allen Mitteln, die InstrumStrauá
Wangerentierung und Klangfarbenraffinesse nur hergeben, musikalisch
ausgemalt. Dagegen erklingt dann wieder eine barocke Passacaglia, die wiederum
mit ganz anderen Formen kontrastiert wie Walzer, Marsch, Polka, Galopp. Dies
alles wird auch noch mit Romanzen, Songs und volkstümlichen Melodien zu einer
überbordenden Collage zusammengeführt. So entstand schließlich eines der aufregensten
Werke des Musiktheaters des 20. Jahrhunderts.
Die Handlung der Oper
Im Garten des Ismailowschen Hauses. Katerina beklagt ihr inhaltloses Leben an der Seite ihres Mannes Sinowi, der nur auf Geld aus ist. Als dieser zur Reparatur eines gebrochenen Mühlenwehrs aufbrechen muß, wird sie von ihrem Schwiegervater Boris zu einem demütigenden Treueschwur vor dem lachenden Gesinde gezwungen. Die Köchin Axinja macht Katerina mit zweideutigen Worten auf den neu eingestellten Sergej aufmerksam.
Auf dem Hof des Hauses.
Einige Arbeiter lassen ihren Mutwillen an der Köchin aus, was nahezu an eine
Vergewaltigung grenzt. Katerina treibt die Meute auseinander. Die Keckheit
Sergejs, der sie anschließend provoziert, macht auf sie Eindruck. Mißtrauisch
und wütend tritt der Schwiegervater Boris dazwischen.
Im Schlafzimmer.
Katerina sehnt sich nach Liebe und Familienglück. Da kommt Sergej unter dem Vorwand,
sich ein Buch leihen zu wollen. Sergej bedrängt sie, und Katerina gibt ihm
nach, ihren geheimen Wünschen folgend.
II. Akt
Im Hof des Hauses.
Selbst lüstern auf seine Schwiegertochter schleicht Boris herbei. Er beobachtet wie
Sergej aus dem Fenster Katerinas klettert und peitscht ihn halb tot. Als Boris
hungrig von Katerina zu essen verlangt, vergiftet diese ihn mit einem
Pilzgericht. Vor dem herbeigeholten Popen vermag sie, den Verdacht von sich
abzulenken.
Im Schlafzimmer.
Katerina pflegt Sergej und verspricht ihm, seine Frau zu werden, obgleich sie in
Halluzinationen von dem vergifteten Boris geängstigt wird. Als ihr Ehemann
Sinowi unerwartet zurückkehrt, wird er von dem Paar erschlagen und im Keller
versteckt.
III. Akt
Im Hof des Hauses.
Um zu heiraten, begeben sich Katerina und Sergej zur Kirche. Danach taumelt der
betrunkene Arbeiter, der Schäbige in Katerinas Haus, bricht auf der
Suche nach Alkoholischem den Keller auf und findet die Leiche Sinowis.
Auf dem Polizeirevier.
Außer der Einlieferung eines Nihilisten, der gotteslästerliche Reden geführt haben
soll, ereignet sich nichts. Da kommt der Schäbige und berichtet von
seinem grausigen Fund. Sofort brechen die Gendarmen zu der Hochzeit auf, zu der
sie auch gern eingeladen gewesen wären.
Im Garten des Hauses.
Die Hochzeitsfeier ist auf dem Höhepunkt, da entdeckt Katerina die aufgebrochene
Kellertür. Hastig drängt sie zur Flucht. Aber es ist zu spät. Die Mörder werden
verhaftet.
IV. Akt
Im Lager der Zwangsarbeiter.
Auf dem Wege nach Sibirien machen die Verurteilten - Männer und Frauen getrennt
- an einem See Rast. Katerina besticht einen der Wärter, um zu Sergej
gelangen zu können. Aber der tröstet sie nicht, sondern macht ihr Vorwürfe, da sie an seinem Unglück Schuld sei. Ja, er hat sich sogar, ihrer überdrüssig, einer anderen Verurteilten, der Dirne Sonjetka, zugewandt. Diese verlangt von Sergej für ihre Liebesdienste die roten
Wollstrümpfe Katerinas, die er ihr tatsächlich beschafft.
Die übrigen Gefangenen, die alles wissen, verspotten Katerina, die die Zusammenhänge nur
ahnt. Als sie jedoch von Sonjetka mit den roten Strümpfen provoziert wird, stürzt
sie sich auf die Nebenbuhlerin, stößt sie in den See und stürzt sich selbst hinterher. - Keiner rettet die Frauen. Stumpf lassen sich die Verurteilten weitertreiben - in die
Verbannung.
W.R.
| Quelle |
Datum |
Copyright |
| Wolfgang Rostock |
01.01.2002 |
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