Faust II
Schauspiel von Johann Wolfgang Goethe
Den zweiten Teil des "Faust" ganz aufzuführen ist für jede noch so gute Bühne eine große Herausforderung. In den Jahren 1957 und 1958 ist es in Hamburg Gustaf Gründgens wohl erstmals gelungen, beide Teile der Tragödie als ein außerordentliches gewaltiges Werk auf die Bühne zu bringen. Goethe nannte den ersten Teil "das bloß Subjektive der Tragödie".
Der zweite Teil wird zu einem großen Weltgedicht. In eine "höhere, heitere, hellere Welt" soll Mephisto Faust nach seinen Wünschen führen. Mephisto ist hier weniger der Teufel des ersten Teiles. Im zweiten Teil ist er der Kumpan, der Geselle des Dr. Faust, dem er dem Pakt gemäß seine Wünsche zu erfüllen hat. Kann Faust in seiner Gier nach unbegrenztem Lebensgenuß "zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön, es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehen", erst dann hatte der Teufel die Wette gewonnen.
Ort und Zeit: Kaiserliche Pfalz, Fausts Studierstube und Laboratorium, Pharsalische Felder und andere Orte in Griechenland, Hochgebirge und Bergschluchten, zeitlich im Anschluss an Faust I.
Personen: Faust - Mephisto - Der Kaiser- Die Hofgesellschaft
- Masken aller Art - Der Knabe Wagenlenker - Paris und
Helena - Doktor Wagner - Baccalaureus - Hamunculus - Chiron - Thales und Anaxagoras - griechische Philosophen Nereus - Galatee - Proteus und andere Gestalten der griechischen Mythologie - Lynceus, Turmwärter - Euphorion, Fausts und Helenas Sohn - Die drei Gewaltigen - Erzmarschall, kämmerer, -truchseß, -schenk - Erzbischof - Philemon und Baucis - Vier graue Weiber (Mangel, Sorge, Schuld und Not) - Heilige Anachoreten - Die eine Büßerin (Gretchen) - Mater glorioso - Chorus mysticus u.a.
Zum besseren Verständnis der nachfolgenden Szenen ein Rückblick auf die griechische Mythologie. Paris, ein schöner Jüngling, Sohn des Königs Priamos von Troja, hat bei einem Besuch am Hofe des Königs Menelas in Sparta bei dessen Abwesenheit seine Frau, die schöne Helena, in die er sich unsterblich verliebt hatte, nach Troja entführt. Daraus entstand der 10 Jahre dauernde Trojanische Krieg. Nur duch die List der Spartaner (Das Trojanische Pferd) konnte Menelas Troja in Schutt und Asche legen und Helena zurückerobern.
Im vorausgegangenen Akt "Kaiserliche Pfalz" ist es Faust bei einem Mummenschanz - er hatte es dem Kaiser versprochen - mit Hilfe Mephistos gelungen, die schöne Helena aus der Unterwelt von den "Müttern" zu lösen und für den Kaiser sichtbar zu machen. Bei ihrem Anblick verliebt sich Faust - wie Paris - unsterblich in Helena und hat nur noch den einen Wunsch, sie zu besitzen.
Mit der Rückkehr Helenas nach Sparta beginnt der dritte Akt. Menelas hat Helena mit den gefangenen Troerinnen vorausgeschickt, um alle Vorbereitungen für ein Opfer zu treffen, das er den Göttern bringen will. Helena hat ihrer so gerühmten Schönheit hohen Tribut zahlen müssen. In Troja hat man sie benutzt, um männliche Machtkämpfe untereinander auszufragen. Priamos wäre bereit gewesen, Helena kampflos herauszugeben. Eumelos jedoch benutzte sie als Vorwand, um in dieser Auseinandersetzung an die Macht zu kommen. Unzähligen Menschen hat dieser Krieg das Leben gekostet. Haß und Schuld hat sie auf sich laden müssen. Jetzt geht sie einem ungewissen Schicksal am Hofe ihres gekränkten Ehemannes entgegen. Und immer sind auch die Helena umgebenden Frauen von ihrem Schicksal mitbetroffen.
Am Eingang des Palastes wird Helena von Porkyas, der alten Schaffnerin, empfangen. Sie maßt sich an, Helena ihre Sünden vorzuhalten, gegen die Helena sich zu verteidigen sucht; denn Helena ist dem Paris nicht ungewollt gefolgt. Als Helena Porkyas auffordert, ihr bei der Vorbereitung für das ihr unbekannte Opfer zu helfen, erfährt sie zu ihrem Entsetzen, daß sie selbst von Menelas als Opfer ausersehen ist. Porkyas will Helena - schon hört man in der Ferne die Trompeten des Heeres von Menelas - zu einer Burg führen, in der ein reicher gütiger Fürst herrscht, dem sie sehr willkommen sein wird. So kommt Helena, obwohl sie in Porkyas "den Widerdämon" spürt, zu Faust auf die Burg. Faust bereitet Helena einen festlichen Empfang und trägt ihr die Mitregentschaft an.
Aus der überaus glücklichen Verbindung Faust/Helena geht Euphorion hervor. Ein ungestümes Kind, das mit kriegerischen Wünschen seine Eltern tief erschreckt. Übermütig stürzt sich das Kind in die Lüfte, stürzt als schöner Jüngling tot herab und löst sich dann in eine Flamme auf. Aus dem Reich der Toten ruft Euphorin nach seiner Mutter.
In der nachfolgenden Szene "Hochgebirge" erfassen Faust beim Anblick des Meeres neue Sehnsüchte und Pläne. Dem Meer will er Land abgewinnen, es urbar machen; die Kraft der Elemente will er bändigen, und Herrscher will er sein über all das, was er zu schaffen gedenkt und das Mephisto ihm beschaffen soll.
Im fünften Akt "Offene Gegend" hat Faust erreicht, was er zu schaffen gewünscht hat. Alles hat er sich untertan gemacht und einen großen Palast für sich gebaut. Es kümmert ihn nicht, daß er, um sich seine Wünsche zu erfüllen, vielen Menschen ihr Leben zerstört, ja genommen hat. Immer noch ist Faust maßlos in seiner Forderung nach Glück und Besitz: "Ermuntere durch Genuß und Strenge. Bezahle, locke, presse bei" befiehlt er Mephisto.
Ein Wanderer, den die beiden Alten Philemon und Baucis einmal, als er in Not war, bei sich aufgenommen haben, freut sich, die beiden Alten noch anzutreffen. Ihre Hütte, die schönen Linden und die Kapelle, deren Glocke sie täglich läuten, ist ihnen noch erhalten geblieben. Und eben das tägliche Läuten und die Kapelle sind es, die Faust empfindlich stören. Mit drei gewaltigen Gesellen schafft Mephisto immer mehr Schätze herbei. Aber Faust beachtet sie kaum. Die Linden der beiden Alten will er; die Hütte und vor allem die Kapelle, damit das Läuten aufhört, will er in seinen Besitz bringen. Die beiden Alten sterben vor Angst und Entsetzen, der Wanderer wird erschlagen, als Mephisto und die drei gewaltigen Gesellen die Hütte und die Kapelle kurzerhand in Brand stecken."Man hat Gewalt, so hat man Recht!"(Mephisto) So hatte es Faust nicht gewollt. Er hatte Land zum Tausch angeboten. Aber Schuld häuft sich auf Schuld. In der Dunkelheit versuchen Mangel, Schuld und Not zu Faust in den Palast einzudringen. Aber an eines Reichen Tür klopfen diese drei vergebens. Nur der Sorge gelingt es, durchs Schlüsselloch zu Faust vorzudringen und ihr Anhauch bewirkt, daß Faust erblindet "Die Menschen sind im ganzen Leben blind, nun, Fauste! werde du's am Ende".
Doch auch jetzt noch erfüllen Pläne über Pläne den Geist des Ruhelosen. Millionen von Menschen möchte er Lebensräume zwischen Hügel und Meer schaffen. Mit diesem Wunsch hat sich aber sein Leben erfüllt. Er stirbt. Mephisto hat die Wette, die er einst mit ihm schloß, scheinbar gewonnen. Und schon rüstet er mit Hilfe der Lemuren die Grablegung. Mit phantastischen Beschwörungsgebärden läßt er Teufel erscheinen und einen Höllenrachen sich auftun, der Faust verschlingen soll. Doch herabschwebende Engel,die den ganzen Raum einnehmen und Mephisto verwirren, so sehr, daß die "appetitlichen Racker" ihn lüstern machen, entreißen ihm Fausts Unsterbliches.
Resigniert muß Mephisto bekennen: "Du bist getäuscht in deinen alten Tagen. Ein großer Aufwand, schmählich! ist vertan", Faust ist gerettet und es ist Gretchen, die als Büßerin auftritt, die für den "früh Geliebten, nicht mehr Getrübten" bittet. Die Mater gloriosa reagiert auf Gretchens Bitte mit der Antwort: "Komm! Hebe dich zu höhern Sphären, wenn er dich ahnet, folgt er nach". Ein mystischer Chor, der auf das Vergängliche alles Irdischen hindeutet, das nur das Gleichnis für das Ewige, " Unzulängliche" ist, beschließt das Werk. " Das Unbeschreibliche, hier ist's getan; das Ewig-Weibliche zieht uns hinan."
I.G./Reclams Schauspielführer
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