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VB-ARCHIV
TEXTE, EINFÜHRUNGEN DER VOLKSBÜHNE BREMEN


27.12.2006

Die verkaufte Braut

Die verkaufte Braut
Komische Oper in drei Akten von Karel Sabina

Musik von Bed^rich Smetana

Personen:
Kruschina, ein Bauer (Bariton) - Kathinka, seine Frau (Sopran) -
Marie, beider Tochter (Sopran) - Micha, Grundbesitzer (Baß) -
Agnes, seine Frau (Mezzosopran/Alt) - Wenzel, beider Sohn (Tenor) -
Hans, Michas Sohn aus erster Ehe (Tenor) - Kezal, Heiratsvermittler (Baß) -
Springer, Direktor einer wandernden Zirkustruppe (Tenor)-Esmeralda, Tänzerin (Sopran) -
Muff, ein als Indianer verkleideter Komödiant der Truppe (Baß).
Bauern und Bäuerinnen,
Burschen und Mädchen, Kunstreiter und Komödianten.


Ort und Zeit:
Ein Dorf in Böhmen während einer Kirchweih im frühen 19. Jahrhundert.Bed^rich Smetana
und das tschechische Nationalgefühl. Es dauerte sechsundzwanzig Jahre, bis Smetanas Meisterwerk 1892 in der vierten und letzten Fassung jene Anerkennung fand,die ihm zukommt. Die Aufführung, die diesen Durchbruch brachte, erlebte die Oper, in der sich erwachendes tschechisches Nationalbewußtsein manifestiert, ironischerweise in Wien, der Hochburg der Habsburger, gegen deren Dominanz sich gerade die neue Gesinnung richtete. Mit bemerkenswerter Objektivität, die seinerzeit in vielen deutschsprachigen Intellektuellenkreisen gepflegt wurde, berichtet eine Wiener Zeitung von damals:
Tiefbewegt haben wir gestern die Ergebnisse derTschechischen Oper in Wien verfolgt. Es kam Smetana, der mit seinem Herzen und seinem Geist den nationalen Bedürfnissen gedient und die ästhetische Meisterschaft der Klassik mit der nationalen Musik zu einem harmonischen Ganzen verbunden hat. Wir dürfen "Die verkaufte Braut" mit Recht für das Muster einer Volksoper erklären! Es ist geradezu unbegreiflich, welche unsterbliche Musik in die drei Akte dieser Dorfkomödie hineingelegt werden kann.
"Die verkaufte Braut" ist die Manifestation eines originalen und völlig nationalen Talentes, ja die musikalische Manifestation eines ganzen Volkes. Wir wundern uns, daß sie bisher noch nicht ihren Siegeslauf um die Welt angetreten hat, den sie früher oder später antreten muß!
Nun, der hier angesprochene Siegeslauf um die ganze Welt ließ nach dieser erfolgreichen Aufführung nicht auf sich warten. Überall, wo die Oper aufgeführt wurde, feierte man sie als ein besonders gelungenes Beispiel des Aufblühens einer neuen großen Musikbewegung auf dem Nährboden einer vitalen, jeweils heimischen Volksmusik. Jedoch hat sich Smetanas menschliche und künstlerische Entwicklung keineswegs gradlinig auf einen national bewußten Komponisten hin vollzogen, sowie es auch heute noch - auf Grund der überwältigenden Wirkung der "Verkauften Braut" - gern immer wieder dargestellt wird. Seine Biographie ist nicht so eindeutig:
Er wurde am 2. März 1824 in Leitomischel geboren. Das Städtchen war trotz seines deutschen Namens ein Zentrum erwachenden nationalen Lebens in der böhmischen Provinz. Sicher kam der junge Bed^rich Smetana (Bed^rich wurde im deutschen Sprachraum konsequent in Friedrich umgemünzt) mit jenen Kräften in Berührung, die eine Befreiung von der Habsburgischen Dominaz anstrebten. Aber so innig, wie heute gesagt wird, scheinen diese Bindungen doch nicht gewesen zu sein; denn noch der erwachsene Smetana entschuldigt sich in einem Brief beim Empfänger für sein schwaches Tschechisch: er lerne es zur Zeit erst richtig.
Wenn also auch seine Bindung an die tschechische Sprache nicht so stark war, sehr intensiv war sie - jedenfalls in seiner Jugend - an die tschechisch-böhmische Volksmusik: Seine "Luisenpolka", die er als Gymnasiast schrieb, wurde begeistert aufgenommen und sogar von Militärkapellen gespielt. Die freudig erregten Rhythmen der Polka, dieses urtschechischen Tanzes, finden sich auch später in Smetanas Werken immer wieder.
Trotzdem wurzelt sein musikalisches Genie keinesfalls nur im heimischen Volkstum. Das hatte ja auch schon jener Wiener Kritiker bemerkt. Vielmehr schloß sich Smetana auch den allgemeinen Bestrebungen moderner Musik im damaligen Europa an. 1856 ging er nach Göteburg und übernahm dort die Leitung des "Vereins für klassische Musik". Als er 1861 in seine Heimat zurückkehrte, gehörte zu seinen musikalischen Idolen Franz Liszt (1811-1886), der trotz seiner musikalischen Wurzeln in Ungarn als das Haupt der sogenannten "Neudeutschen Schule" um Wagner galt. Das letzte grandiose Meisterwerk Smetanas, der Zyklus "Mein Vaterland" (1874-1879), aus dem die "Moldau" unermüdlich gespielt wird, ist durch und durch böhmisch tschechisch und dennoch ist es ohne die Ouvertüren von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) und die Sinfonischen Dichtungen von Franz Liszt undenkbar. Der Komponist konnte sein Meisterwerk nie hören, denn seit 1874 war er taub. Er starb am 12. Mai 1884 in Prag.

Auf dem Weg zur "Verkauften Braut".
Es ist nicht ohne Ironie, daß Smetana die Arbeit an der "Verkauften Braut" nicht aus innerem Antrieb begann, sondern es war mehr eine Abwehrreaktion auf die mehr oder weniger deutlichen Vorwürfe, er sein ein Wagnerianer. Diese Verdächtigungen konnte er zu seinem Ärger, der sich gegen Ende seines Lebens zu bedenklichen seelischen Belastungen auswuchs, nie recht ausräumen. Nur mit den beiden unter seinen Opern, die im Böhmischen Volkstum angesiedelt sind, der "Verkauften Braut" und den "Zwei Witwen" (1874) gelang ihm der Beweis, ein echter, aus der Tschechischen Seele heraus komponierender Tonschöpfer zu sein. Daß er in anderen Werken Eigenheiten des damaligen europäischen modernen Musiklebens sich kreativ anverwandelte, sagt nichts Gegenteiliges aus. Die Kraft seiner künstlerischen Persönlichkeit ließ ihn nie in direkte Abhängigkeit von anderen Meistern seiner Zeit geraten.
Smetana sagte einmal: "Wenn sie glauben, mir eine besondere Freude zu machen, wenn sie die "Verkaufte Braut" loben, so sind sie im Irrtum! Meine Kraft und Freude liegt ganz woanders!" Damit dachte er wohl an seine genialen Sinfonischen Dichtungen und die beiden späteren nicht weniger bedeutsamen Opern "Dalibor" (1868) und "Libussa" (1881).
Wie dem auch sei: Ergriff gern zu dem Libretto der "Verkauften Braut", das Karel Sabina (1813-1877) verfaßt hatte. Sabina hatte auch schon das Textbuch zu Smetanas Oper "Die Brandenburger in Böhmen" (1866) geschrieben. Deren Musik brachte dem Komponisten - trotz des nationalen Stoffes - den Vorwurf "Wagnerianer" ein. Im gleichen Jahre, 1866, kam schon die erste Fassung der "Verkauften Braut" heraus. Das war möglich gewesen, weil Smetana bereits seit 1863 an der "Verkauften Braut" arbeitete. Man sieht: die Dinge verwirren sich hier etwas und wie die Motivation für "Die verkaufte Braut" wirklich aussah, ist nicht mehr auszumachen. Das Werk wurde anfangs als Operette bezeichnet und basiert auf Sabinas Erzählung "Der ewige Bräutigam".
Die muntere realistische und humorvolle Dorfgeschichte war eine ideale Vorlage für eine schwungvolle, aber auch gemütvolle Oper und bot viele Anlässe für temperamentgeladene böhmische Tänze wie Polka und Furiant.

Musik und Handlung.
Obgleich die Oper in vier Jahren aus vier Fassungen zusammenwuchs, wirkt sie wie aus einem Guß. Schon die sprühende, wirbelnde Ouvertüre ist ein Höhepunkt dieser Oper, deren Musik sich nur aus Höhepunkten zusammenzusetzen scheint. Es ist einfach genial, wie sich streng geführte Fugatosequenzen mit böhmischen Tanzmelodien und Rhytmen verbinden. (Übrigens sind alle volksliedhaft wirkenden Melodien von Smetana erfunden und nicht aus folkloristischem Gut übernommen worden.)

I. Akt
Auf dem Dorfanger versammeln sich Bauern und Bäuerinnen und begrüßen mit einem der berühmtesten Opernchöre munter den Frühling ("Seht am Strauch die Knospen springen"). Nur Hans und Marie, sie lieben sich und sind heimlich verlobt, können sich dem Trubel nicht anschließen. Marie, die einen anderen heiraten soll, schmiegt sich an Hans (Arie "Gern will ich dir vertraun"), weiß sie doch nicht allzuviel von ihrem Liebsten, der von seiner schweren Jugend berichtet ("Mit der Mutter sank zu Grabe"). Eine bösartige Stiefmutter vertrieb ihn. Zärtlich trösten sich die beiden gegenseitig und versprechen sich in einem Duett, zusammenzuhalten.
Das ist nicht so einfach, denn der geschäftstüchtige Heiratsvermittler Kezal will Maries Eltern als Schwiegersohn Wenzel aufdrängen, den Sohn des reichen Bauern Micha, dessen Besitz "unter Brüdern dreißigtausend wert ist". Er präsentiert einen Vertrag, in dem sich Kruschina schon vor Jahren verpflichtet hat, seine Tochter nur dem Sohn von Micha zur Frau zu geben. Marie protestiert: Sie will nur ihren Hans zum Mann nehmen. Kezal beschließt bei sich, Hans "herumzukriegen", damit seine Vermittlung nicht zu Bruch geht.

II. Akt
Im Wirtshaus preisen die Männer - unter ihnen Hans - mit einem urwüchsigen Chor das gute Bier. Mädchen kommen dazu und mit einem feurigen Furiant fegt man über die Bretter. Wenzel kommt herein, stotternd entschlüpft es ihm, daß er mit seiner Rolle als Bräutigam nicht fertig wird: "Ma-mein Mü- Mütterlein ha- hat zu mir gesagt". Listig macht sich Marie an ihn heran und da er sie nicht kennt, entwirft sie ihm, dem sie bestimmt ist, ein schreckliches Bild von sich selbst, um ihn abzuschrecken. In einem humorvollen Duett betört sie ihn, auf die ihm bestimmte Braut (also auf Marie) zu verzichten und lieber ein anderes, ihm noch unbekanntes Mädchen zu heiraten, das ihn sogar heimlich liebe. Lachend läuft Marie davon, er eilt ihr nach.
Der mit allen Wassern gewaschene Heiratsvermittler Kezal kommt und will Hans zum Verzicht auf Marie bewegen: "Komm, mein Söhnchen, auf ein Wort". In einem Duett "Weiß ich doch eine, die hat Dukaten" bietet er nicht nur eine bessere Partie, sondern noch dreihundert Dukaten obendrein, wenn Hans verzichte. Hans willigt zum Schein ein, stellt aber die Bedingung, daß nur ein Sohn des Micha Marie heiraten dürfe. Was keiner weiß: Hans ist der andere, vor Jahren verschollene Sohn des Micha. Das ganze Dorf läuft zusammen und ist empört, daß Hans, den man bis jetzt wegen seiner treuen Liebe zu Marie achtete, nun sein Mädchen für schnödes Geld verkauft.

III. Akt
Auf dem Dorfanger läuft Wenzel herum. Er ist voller Angst vor der ihm bestimmten Braut, die ihm von Marie so grauslich geschildert wurde. Da wird seine Aufmerksamkeit durch die schöne Tänzerin Esmeralda, die zu dem eben angekommenen Wanderzirkus gehört, völlig aufgesogen. Er macht ihr auf der Stelle einen Heiratsantrag, dem der Zirkusdirektor auch sogleich zustimmt. Er braucht nämlich dringend einen Darsteller für seinen Tanzbären, dessen Inhalt, der Komödiant Muff, irgendwo besoffen herumliegt. In einem kapriziösen Duettino "Komm', mein Bärchen" bringt Esmeralda Wenzel die Rolle des Bären bei. Micha und Agnes kommen mit Kezal dazwischen und wollen ihren Wenzel seiner Braut zuführen. Der aber weigert sich, weil er schon ein anderes Mädchen liebe und läuft davon. Ehe man ihm folgen kann, kommt Marie mit ihren Eltern. Sie ist fassungslos, als sie erfährt, daß Hans sie "verkauft" habe. Die Szene weitet sich zu einem Sextett aus, das zu den Perlen der Ensemblekunst gehört ("Überleg dir's, Marie"). Sie gedenkt wehmütig ihrer anscheinend verlorenen Liebe in der Arie "Mein Liebestraum, wie war er schön", in der das Liebesthema aus ihrem Duett mit Hans (I. Akt) aufklingt.
Übermütig gesellt sich Hans zu ihr, um ihr alles zu erklären, aber seine Worte klingen ihr nur wie Hohn, zumal ihre trotzige Antwort, sie werde nun doch Michas Sohn nehmen, ihn nur zum Lachen reizt.
Kezal kommt und versichert Hans, daß er die dreihundert Dukaten bekäme, wenn Marie den Ehevertrag mit Michas Sohn unterschriebe. Voller Wut und Zorn tut Marie dies im Angesicht aller, die hinzugeströmt sind. Da gibt sich Hans als Michas Sohn aus erster Ehe zu erkennen und Marie durchschaut die List ihres Liebsten. Nur Agnes will auf der Heirat Maries mit ihrem Sohn Wenzel bestehen. Aber Vertrag ist Vertrag und da es nun zwei Söhne des Micha gibt, kann Marie wählen. Da ertönt ein Schrei: "Der Bär ist los!" Alles stiebt auseinander. Doch als dem Bärenfell der törichte Wenzel entsteigt, billigen alle Maries Wahl und freuen sich. Nur Kezal ist hereingefallen.
Anmerkung: Da verschiedene Übersetzungen gängig sind, ist es möglich, daß unsere Zitate und Personennamen von denen derAufführung abweichen.


Quelle Datum Copyright
Wolfgang Rostock 20.10.2002 Volksbühne Bremen

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