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VB-ARCHIV
TEXTE, EINFÜHRUNGEN DER VOLKSBÜHNE BREMEN


27.12.2006

DIE TOTE STADT

Oper in drei Bildern von Paul Schott

Musik von Erich Wolfgang Korngold

Personen: Paul (Tenor) - Marietta, Tänzerin, auch Erscheinung von Pauls verstorbener Gattin Marie (Sopran) - Frank, Pauls Freund (Bariton) - Brigitta, Pauls Haushälterin (Alt) -Juliette, Tänzerin (Sopran) - Lucienne, Tänzerin (Mezzosopran/Alt) - Gaston, Tänzer (Pantomime) - Victorin, der Regisseur (Tenor) - Fritz, der Pierrot (Bariton) - Graf Albert (Tenor).

Beghinen, die Erscheinung der Prozession, Tänzer und Tänzerinnen (Chor und Ballett bzw. Statisterie)

Ort und Zeit:
Brügge Ende des 19. Jahrhunderts

Erich Wolfaang Korngold und sein bewegtes Schicksal. Der musikalisehe Himmel des beginnenden 20. Jahrhunderts wurde von vielen bedeutenden Sternen erleuchtet, als am Ende des 1. Weltkrieges ein neuer strahlender Komet auftauchte: Erich Wolfgang Korngold. Sein Weg wurde von großen Namen begleitet, galt er doch als Wunderkind, und er war es wohl auch. Im Mai 1897 in Brünn geboren, spielte er als siebenjähriger Gustav Mahler eigene Kompositionen vor, worauf ihn dieser sogleich als Schüler an den überragenden Komponisten und Dirigenten Alexander von Zemlinsky empfahl. Das erstaunliche Ergebnis dieses Studiums ist schon 1908 die Uraufführung der Pantomime "Der Schneemann" an der Wiener Hofoper.

Im Jahre 1916 kamen zwei Einakter "Violante" und "Der Ring des Polykrates" des gerade Neunzehnjährigen zur Uraufführung und waren so erfolgreich, dass sie von den ersten Dirigenten wie Bruno Walter, Wilhelm Furtwängler, Otto Klemperer dirigiert und von der seinerzeitigen Sängerprominenz dargeboten wurden: Richard Tauber, Maria Jeritza, Leo Slezak, Maria Ivogün, Karl Erb und anderen, die uns nicht mehr geläufig sind. Der große Erfolg dieser beiden Werke wurde aber durch "DIE TOTE STADT"um ein vielfaches überboten. Im Dezember 1920 wurde sie zugleich in Hamburg und Köln uraufgeführt. Wiederum überboten sich erste Dirigenten und Sänger in der Interpretation des Werkes, sodaß dies einen Siegeszug über große und kleinere Bühnen machte.

Seit 1921 in Hamburg als Dirigent engagiert, war er auch als Pianist sehr gefragt. Mit der Oper "Das Wunder der Heliane" die heute wieder gespielt wird, provozierte er 1927 einen Skandal in Hamburg. Inzwischen auch Professor geworden, folgte er trotzdem Ende der zwanziger Jahre Max Reinhardt in die USA; zu seinem Glück, denn die braunen Kulturbarbaren belegten auch seine Musik mit einem Aufführungsverbot.

Als Komonist für den Film schrieb er Filmmusiken, die durchaus auch als absolute Musik überaus interessant sind. Da sich zur Zeit die scharfen Abgrenzungen im Musikbetrieb etwas lockern, wird man vielleicht demnächst dem einen oder anderen Werk im Konzertsaal begegnen. Immerhin wurden seine Musiken zu den Filmen "Robin Hood" und "Anthony Adverse" mit je einem Oskar ausgezeichnet. Für Max Reinhardt schuf er erfolgreiche Bearbeitungen von der "Fledermaus" und "Orpheus in der Unterwelt". Auch richtete er für den Film "Ein Sommernachtstraum" den Max Reinhardt drehte, die Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdy ein. Daneben fand er noch Zeit für eine weitere Oper, "Die Kathrin" die er 1939 in Stockholm uraufführen ließ.

Nach dem 2. Weltkrieg schien es stumm um die Musik des im November 1957 in Hollywood Gestorbenen KomponisterL geworden zu sein. Aber die sensationelle Inszenierung der "Toten Stadt" 1975 in New York an der City Opera führte eine Wende herbei. Auch in Europa erkannte man die eminenten Theaterqualitäten dieser Oper, wodurch Korngolds Musik wieder Aufmerksamkeit auf sich lenkte, was zu einer Renaissance seiner Werke führte.

Die Entstehung der Oper "Die tote Stadt"
Der Stoff der Oper fußt auf einem Roman des Symbolismus aus dem Jahre 1892, der Weltgeltung erlangt hatte und seinerzeit so etwas wie einen Kulttext darstellte: "Das tote Brügge" (Bruges-la-morte). Autor war der belgische Lyriker und Romancier Georges Rodenbach (1855-1898). Rodenbach hatte von seinem Roman eine Bühnenfassung herausgegeben, die von dem deutschen Theaterschriftsteller und Übersetzer, Siegfried Trebitsch, (derals Shaw-Übersetzer bedeutender ist als der neuere Nachfolger) 1903 am Deutschen Theater in Berlin herausgebracht wurde (dem Theater von May Reinhardt). Das Stück hieß jetzt: "Das Trugbild". Trebitsch war es auch, der Korngold auf das Sujet aufmerksam machte, der dessen musikdramatische Qualitäten auch sofort erkannte und einen einaktigen Entwurf zu Papier brachte. Anfangs arbeitete Müller, der Verfasser des "Violanta-Textes", mit. Er schlug eine dreiaktige Fassung unter dem Titel "Der Triumph des Lebens" vor, der in Anbetracht des Handlungsverlaufes auch angemessen gewesenwäre. Als Müller sich zurückzog, erarbeitete Korngolds Vater mit dem Komponisten das Textbuch. Vater Julius Leopold Korngold hatte als Journalist an der"Freien Presse" in Wien literarisches Geschick bewiesen. Sein Anteil am Text ist bedeutend. Trotzdem verbarg er sich hinter dem Pseudonym Paul Schott, das sich vom Vornamen der Hauptperson der Oper und vom Familiennamen des Verlegers herleitet. Im August 1920 war die Arbeit an derOper, die nun den endgültigen Namen "Die tote Stadt" trug, abgeschlossen.

Notizen zur Musik der Oper "Die tote Stadt"
Im Oktober 1920 spielte Korngold seine Oper dem italienischen Komponisten GiacomoPuccini vor. Dieser war von der Musik des noch nicht zwanzigjährigen Komponisten tief beeindruckt und bezeichnete ihn öffentlich als "die stärkste Hoffnung der neuen deutschen Musik".
Obgleich zwischen der spätromantischen und gleichzeitig expressionistischen Tonsprache des deutschen Komponisten und Puccinis Musik Welten liegen, zeichnen sich beide durch die Fähigkeit aus, melodische Eindringlichkeit und dramaturgische Wirksam­keitzu verbinden. Auch Korngolds Melodien haben bis heute nichts an Faszination verloren. Man denke an Fritz' Romanze des Pierrot "Mein Sehnen, mein Wähnen" oder an Mariettas Arie "Glück, das mir verblieb".

Ähnlich wie Puccini sich von der Leitmotivtechnik eines Wagner fernhielt und mit assoziativ wirkenden Erinnerungsmotiven arbeitete, benutzt auch Korngold nur wenige kurze Motive, die, ebenfalls assoziativ wirkend, den musikalischen wie den Handlungsablauf mit dramaturgischem Geschick zusammenhalten. Das eben erwähnte "Glück, das mir verblieb" ist ein Beispiel dafür. Zuerst von Marietta als "altes Lied" vorgetragen, wird es sogleich von Paul aufgenommen und wird als Motiv zur musikalischen Kennzeichnung der Grundstimmung von Liebe, Tod und Auferstehung durch die ganze Oper geführt.

Wie seine Vorbilder und Lehrer (Mahler,Zemlinsky oder der gleichzeitig noch produktiv schaffende Richard Strauss) verwendet Korngold souverain die Klang- und Farbpallette des spätromantischen Orchesters zur symphonischen Ausdeutung der jeweiligen Stimmung oder dramatischen Situation. Aus diesem vielfältigen Geflecht erheben oder befreien sich aber immer wieder melodiöse, arienhafte Aufschwünge bis an die Grenze nummernhafter Ausprägung. Das gilt für gesangliche wie für tänzerische Formen.

Handlung der Oper.
1. Bild. Paul lebt nach dem Tode seiner Frau Marie in einem Zimmer seines Hauses, das er zu einem "Tempel der Erinnerung" umgestaltet hat, in einer lebensfeindlichen Atmosphäre. Andenken beherrschen den Raum: Das überlebensgroße Bild der Verstorbenen, eine Haarflechte von ihr in einer Glasvitrine. Pauls Haushälterin Britta erzählt dessen Freund Frank die unheimliche Situation, die noch durch die "tote Stadt Brügge" verstärkt wird.

Aber seit ein paar Tagen muß Britta Maries bisher verschlossenes Zimmer mit Rosen schmücken. Das Rätsel scheint sich zu lösen, als Paul kommt und von der Begegnung mit einer Fremden berichtet, die in Erscheinung und Spracheder angebeteten Verstorbenen gleicht, sogar der Name weist Ähnlichkeiten auf. (Das sie im Wesen völlig anders ist, wird sich später erweisen.)

Da öffnet sich die Tür, die Fremde tritt herein. Es ist Marietta, eine Tänzerin, die mit ihrer Truppe in Meyerbeers Oper "Robert der Teufel" (1831) von Meyerbeer in Brügge gastiert. Paul ist überwältigt. Frank warnt ihn, in einer Lebenden die Tote wiederfinden zu wollen. Aber Paul kann sich der Faszination Mariettas nicht entziehen. Sie singt mit ihm und zieht ihn mit einem verführerischen Tanz in ihren Bann. Schließlich eilt sie jedoch zu ihrer Opernprobe.

Von hier an gleitet die Handlung in eine visionäre Welt hinüber, die mit ihrer symbolistischen Irrealität Pauls Gemütszustand wiederspiegelt. Erst gegen Ende des 3. Bildes kehrt das Geschehen in die Realität zurück.

In seiner Traumwelt tritt Marie Paul aus ihrem Bild entgegen. Sie beschwört ihn, keine andere Frau zu lieben, warnt ihn sogar vor der "anderen" in deren tanzendes Ebenbild sie sich gleichwohl verwandelt.

2. Bild.
In seiner Vision hat Paul nach nächtlicher Suche die Wohnung Mariettas an einem einsamen, verlassenen Kai in Brügge gefunden. Der gleichfalls umhergeistemde Frank wird vom eifersüchtigen Paul verjagt. Da kehrt Marietta, umschwärmt von Kollegen und einem Verehrer, vom Theater zurück. In übermütiger Laune beschließt man, die Nonnenerweckung aus "Robert der Teufel" parodierend nachzuspielen. Marietta spielt die auferstehende Verführerin Helene. Für Paul vermischen und verwischen sich in der unheimlichen Umgebung des toten Brügge die Gestalten von Marie und Marietta. Die unheimlichen Vorgänge und schließlich noch die Serenade des Pierrot an Marietta lassen Paul aus seinem Versteck hervorstürzen. Er macht Marietta wegen ihrer Leichtfertigkeit wilde Vorwürfe. Lachend schickt sie ihre Freunde, die sie beschützen wollen, weg und folgt Paul in dessen Wohnung. Immer mehr durchdringen sich Realität und visionäre Abläufe.

3. Bild.
Nach der mit Paul verbrachten Nacht scheint Marietta Siegerin über Marie zu sein. Paul gerät in seiner Vision in immer schlimmere Gewissensqualen, scheint ihn doch eine mit allem religiösen Pomp vorüberziehende Prozession an sein Marie gegebenes Versprechen zu erinnern. Zwischen bedrängender Erinnerung und verführerischer Gegenwart fühlt er sich hin- und hergerissen.

Als Marietta nach der Haarflechte Maries greift und Paul wegen seiner Frömmigkeit verspottet, schließlich noch einen orgiastischen Tanz beginnt, stürzt sich Paul voller Erregung auf sie und erdrosselt sie mit der Flechte: "Jetzt gleicht sie ihr ganz - Marie"
Da erlischt die Vision. Paul findet sich in der gleichen Situation wieder wie am Ende des ersten Bildes, als Marietta zu ihrer Opernprobe ging. Da tritt Marietta wieder durch die Tür: Sie kommt ihren Schirm und Blumen zu holen, die sie bei ihrem Weggang vergessen hatte - es können nur wenige Augenblicke vergangen sein.

Indem Paul die Marietta seiner Phantasie getötet hat, hat er sich von seinem Gefangensein in der Erinnerung an Marie befreit. Er kann jetzt Frank folgen, der die tote Stadt verläßt, die Stadt der Erinnerung an Tote, an Vergangenes.


Quelle Datum Copyright
Wolfgang Rostock 01.09.2002 Volksbühne Bremen

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