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Oper in drei Bildern von Paul Schott
Musik von Erich Wolfgang Korngold
Personen: Paul (Tenor) -
Marietta, Tänzerin, auch Erscheinung von Pauls verstorbener Gattin Marie
(Sopran) - Frank, Pauls Freund (Bariton) - Brigitta, Pauls Haushälterin (Alt)
-Juliette, Tänzerin (Sopran) - Lucienne, Tänzerin (Mezzosopran/Alt) - Gaston,
Tänzer (Pantomime) - Victorin, der Regisseur (Tenor) - Fritz, der Pierrot
(Bariton) - Graf Albert (Tenor).
Beghinen, die Erscheinung der Prozession, Tänzer und
Tänzerinnen (Chor und Ballett bzw. Statisterie)
Ort und Zeit:
Brügge Ende des 19. Jahrhunderts
Erich Wolfaang Korngold und sein bewegtes Schicksal. Der
musikalisehe Himmel des beginnenden 20. Jahrhunderts wurde von vielen
bedeutenden Sternen erleuchtet, als am Ende des 1. Weltkrieges ein neuer
strahlender Komet auftauchte: Erich Wolfgang Korngold. Sein Weg wurde von großen
Namen begleitet, galt er doch als Wunderkind, und er war es wohl auch. Im Mai
1897 in Brünn geboren, spielte er als siebenjähriger Gustav Mahler eigene
Kompositionen vor, worauf ihn dieser sogleich als Schüler an den überragenden
Komponisten und Dirigenten Alexander von Zemlinsky empfahl. Das erstaunliche
Ergebnis dieses Studiums ist schon 1908 die Uraufführung der Pantomime
"Der Schneemann" an der Wiener Hofoper.
Im Jahre 1916 kamen zwei Einakter "Violante" und
"Der Ring des Polykrates" des gerade Neunzehnjährigen zur
Uraufführung und waren so erfolgreich, dass sie von den ersten Dirigenten wie
Bruno Walter, Wilhelm Furtwängler, Otto Klemperer dirigiert und von der
seinerzeitigen Sängerprominenz dargeboten wurden: Richard Tauber, Maria
Jeritza, Leo Slezak, Maria Ivogün, Karl Erb und anderen, die uns nicht mehr
geläufig sind. Der große Erfolg dieser beiden Werke wurde aber durch
"DIE TOTE STADT"um ein vielfaches überboten. Im Dezember 1920 wurde sie
zugleich in Hamburg und Köln uraufgeführt. Wiederum überboten sich erste
Dirigenten und Sänger in der Interpretation des Werkes, sodaß dies einen
Siegeszug über große und kleinere Bühnen machte.
Seit 1921 in Hamburg als Dirigent engagiert, war er auch als
Pianist sehr gefragt. Mit der Oper "Das Wunder der Heliane" die
heute wieder gespielt wird, provozierte er 1927 einen Skandal in Hamburg.
Inzwischen auch Professor geworden, folgte er trotzdem Ende der zwanziger Jahre
Max Reinhardt in die USA; zu seinem Glück, denn die braunen Kulturbarbaren
belegten auch seine Musik mit einem Aufführungsverbot.
Als Komonist für den Film schrieb er Filmmusiken, die
durchaus auch als absolute Musik überaus interessant sind. Da sich zur Zeit die
scharfen Abgrenzungen im Musikbetrieb etwas lockern, wird man vielleicht
demnächst dem einen oder anderen Werk im Konzertsaal begegnen. Immerhin wurden
seine Musiken zu den Filmen "Robin Hood" und "Anthony Adverse"
mit je einem Oskar ausgezeichnet. Für Max Reinhardt schuf er
erfolgreiche Bearbeitungen von der "Fledermaus" und "Orpheus in der Unterwelt". Auch richtete er für den Film "Ein Sommernachtstraum" den Max Reinhardt drehte, die Musik von Felix
Mendelssohn-Bartholdy ein. Daneben fand er noch Zeit für eine weitere Oper,
"Die Kathrin" die er 1939 in Stockholm uraufführen ließ.
Nach dem 2. Weltkrieg schien es stumm um die Musik des im
November 1957 in Hollywood Gestorbenen KomponisterL geworden zu sein.
Aber die sensationelle Inszenierung der "Toten Stadt" 1975 in New York an
der City Opera führte eine Wende herbei. Auch in Europa erkannte man die
eminenten Theaterqualitäten dieser Oper, wodurch Korngolds Musik wieder
Aufmerksamkeit auf sich lenkte, was zu einer Renaissance seiner Werke führte.
Die Entstehung der Oper "Die tote Stadt"
Der Stoff der Oper fußt auf einem Roman des Symbolismus aus dem Jahre 1892, der
Weltgeltung erlangt hatte und seinerzeit so etwas wie einen Kulttext
darstellte: "Das tote Brügge" (Bruges-la-morte). Autor
war der belgische Lyriker und Romancier Georges Rodenbach (1855-1898).
Rodenbach hatte von seinem Roman eine Bühnenfassung herausgegeben, die von dem
deutschen Theaterschriftsteller und Übersetzer, Siegfried Trebitsch, (derals
Shaw-Übersetzer bedeutender ist als der neuere Nachfolger) 1903 am Deutschen
Theater in Berlin herausgebracht wurde (dem Theater von May Reinhardt). Das
Stück hieß jetzt: "Das Trugbild". Trebitsch war es auch, der Korngold
auf das Sujet aufmerksam machte, der dessen musikdramatische Qualitäten auch
sofort erkannte und einen einaktigen Entwurf zu Papier brachte. Anfangs
arbeitete Müller, der Verfasser des "Violanta-Textes", mit. Er schlug
eine dreiaktige Fassung unter dem Titel "Der Triumph des Lebens" vor,
der in Anbetracht des Handlungsverlaufes auch angemessen gewesenwäre. Als
Müller sich zurückzog, erarbeitete Korngolds Vater mit dem Komponisten das
Textbuch. Vater Julius Leopold Korngold hatte als Journalist an der"Freien
Presse" in Wien literarisches Geschick bewiesen. Sein Anteil am Text ist
bedeutend. Trotzdem verbarg er sich hinter dem Pseudonym Paul Schott, das sich
vom Vornamen der Hauptperson der Oper und vom Familiennamen des Verlegers
herleitet. Im August 1920 war die Arbeit an derOper, die nun den endgültigen
Namen "Die tote Stadt" trug, abgeschlossen.
Notizen zur Musik der Oper "Die tote Stadt"
Im Oktober 1920 spielte Korngold seine Oper dem italienischen Komponisten GiacomoPuccini vor. Dieser war von der Musik des noch nicht zwanzigjährigen
Komponisten tief beeindruckt und bezeichnete ihn öffentlich als "die stärkste Hoffnung der neuen deutschen Musik".
Obgleich zwischen der spätromantischen und gleichzeitig expressionistischen Tonsprache des deutschen Komponisten und Puccinis Musik Welten liegen, zeichnen sich beide durch die Fähigkeit aus, melodische Eindringlichkeit und dramaturgische Wirksamkeitzu verbinden. Auch Korngolds Melodien haben bis heute nichts an Faszination verloren. Man denke an Fritz' Romanze des Pierrot "Mein Sehnen, mein Wähnen" oder an Mariettas Arie "Glück, das mir verblieb".
Ähnlich wie Puccini sich von der Leitmotivtechnik eines Wagner fernhielt und mit assoziativ wirkenden Erinnerungsmotiven arbeitete, benutzt auch Korngold nur wenige kurze Motive, die, ebenfalls assoziativ wirkend, den musikalischen wie den Handlungsablauf mit
dramaturgischem Geschick zusammenhalten. Das eben erwähnte "Glück, das mir
verblieb" ist ein Beispiel dafür. Zuerst von Marietta als "altes Lied"
vorgetragen, wird es sogleich von Paul aufgenommen und wird als
Motiv zur musikalischen Kennzeichnung der Grundstimmung von Liebe, Tod und
Auferstehung durch die ganze Oper geführt.
Wie seine Vorbilder und Lehrer (Mahler,Zemlinsky oder der gleichzeitig noch produktiv schaffende Richard Strauss)
verwendet Korngold souverain die Klang- und Farbpallette des spätromantischen
Orchesters zur symphonischen Ausdeutung der jeweiligen Stimmung oder
dramatischen Situation. Aus diesem vielfältigen Geflecht erheben oder befreien
sich aber immer wieder melodiöse, arienhafte Aufschwünge bis an die Grenze
nummernhafter Ausprägung. Das gilt für gesangliche wie für tänzerische Formen.
Handlung der Oper.
1. Bild. Paul lebt nach dem Tode seiner Frau Marie in
einem Zimmer seines Hauses, das er zu einem "Tempel der Erinnerung"
umgestaltet hat, in einer lebensfeindlichen Atmosphäre. Andenken beherrschen
den Raum: Das überlebensgroße Bild der Verstorbenen, eine Haarflechte von ihr
in einer Glasvitrine. Pauls Haushälterin Britta erzählt dessen Freund Frank die
unheimliche Situation, die noch durch die "tote Stadt Brügge"
verstärkt wird.
Aber seit ein paar Tagen muß Britta Maries bisher verschlossenes
Zimmer mit Rosen schmücken. Das Rätsel scheint sich zu lösen, als Paul kommt
und von der Begegnung mit einer Fremden berichtet, die in Erscheinung und
Spracheder angebeteten Verstorbenen gleicht, sogar der Name weist Ähnlichkeiten
auf. (Das sie im Wesen völlig anders ist, wird sich später erweisen.)
Da öffnet sich die Tür, die Fremde tritt herein. Es ist Marietta, eine Tänzerin, die mit ihrer Truppe in Meyerbeers Oper "Robert der Teufel" (1831) von Meyerbeer in Brügge gastiert. Paul ist überwältigt.
Frank warnt ihn, in einer Lebenden die Tote wiederfinden zu wollen. Aber Paul
kann sich der Faszination Mariettas nicht entziehen. Sie singt mit ihm und
zieht ihn mit einem verführerischen Tanz in ihren Bann. Schließlich eilt sie
jedoch zu ihrer Opernprobe.
Von hier an gleitet die Handlung in eine visionäre Welt
hinüber, die mit ihrer symbolistischen Irrealität Pauls Gemütszustand
wiederspiegelt. Erst gegen Ende des 3. Bildes kehrt das Geschehen in die
Realität zurück.
In seiner Traumwelt tritt Marie Paul aus ihrem Bild entgegen.
Sie beschwört ihn, keine andere Frau zu lieben, warnt ihn sogar vor
der "anderen" in deren tanzendes Ebenbild sie sich gleichwohl verwandelt.
2. Bild.
In seiner Vision hat Paul nach nächtlicher Suche die Wohnung Mariettas an einem einsamen, verlassenen Kai in Brügge gefunden. Der gleichfalls umhergeistemde Frank wird vom eifersüchtigen Paul verjagt. Da kehrt Marietta, umschwärmt von Kollegen und einem Verehrer, vom Theater zurück. In übermütiger Laune beschließt man, die Nonnenerweckung aus
"Robert der Teufel" parodierend nachzuspielen. Marietta spielt die
auferstehende Verführerin Helene. Für Paul vermischen und verwischen sich in
der unheimlichen Umgebung des toten Brügge die Gestalten von Marie und
Marietta. Die unheimlichen Vorgänge und schließlich noch die Serenade des Pierrot
an Marietta lassen Paul aus seinem Versteck hervorstürzen. Er macht Marietta
wegen ihrer Leichtfertigkeit wilde Vorwürfe. Lachend schickt sie ihre Freunde,
die sie beschützen wollen, weg und folgt Paul in dessen Wohnung. Immer mehr
durchdringen sich Realität und visionäre Abläufe.
3. Bild.
Nach der mit Paul verbrachten Nacht scheint Marietta Siegerin über Marie zu sein. Paul gerät in seiner Vision in immer schlimmere Gewissensqualen, scheint ihn doch eine mit
allem religiösen Pomp vorüberziehende Prozession an sein Marie gegebenes
Versprechen zu erinnern. Zwischen bedrängender Erinnerung und verführerischer
Gegenwart fühlt er sich hin- und hergerissen.
Als Marietta nach der Haarflechte Maries greift und Paul
wegen seiner Frömmigkeit verspottet, schließlich noch einen orgiastischen Tanz
beginnt, stürzt sich Paul voller Erregung auf sie und erdrosselt sie mit der
Flechte: "Jetzt gleicht sie ihr ganz - Marie"
Da erlischt die Vision. Paul findet sich in der gleichen
Situation wieder wie am Ende des ersten Bildes, als Marietta zu ihrer Opernprobe
ging. Da tritt Marietta wieder durch die Tür: Sie kommt ihren Schirm und Blumen
zu holen, die sie bei ihrem Weggang vergessen hatte - es können nur wenige
Augenblicke vergangen sein.
Indem Paul die Marietta seiner Phantasie getötet hat, hat er
sich von seinem Gefangensein in der Erinnerung an Marie befreit. Er kann jetzt
Frank folgen, der die tote Stadt verläßt, die Stadt der Erinnerung an Tote, an
Vergangenes.
| Quelle |
Datum |
Copyright |
| Wolfgang Rostock |
01.09.2002 |
Volksbühne Bremen |
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