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VB-ARCHIV
TEXTE, EINFÜHRUNGEN DER VOLKSBÜHNE BREMEN


27.12.2006

COSÌ FAN TUTTE

La scuola degli amanti

(So machen's alle oder die "Schule der Liebenden"

Opera buffa in zwei Akten von Lorenzo da Ponte.

Musik von Wolfgang Amadeus Mozart

Personen: Fiordiligi (Sopran) und Dorabella (Alt/Mezzosopran), Damen und Schwestern aus Ferrara, in Neapel wohnend - Guglielmo, Offizier, Liebhaber Fiordiligis (Bariton) - Ferrando, Offizier, Liebhaber Dorabellas (Tenor) - Despina, Kammermädchen der Damen (Sopran) - Don Alfonso, ein alter Philosoph (Bass). Soldaten, Diener, Schiffsleute, Hochzeitsgäste.

Ort und Zeit: Neapel, etwa 1780.

"Così fan tutte", eine Oper ohne gesellschaftlichen Bezug?
Von den drei großen, italienisch-sprachigen Opern, die Mozart zusammen mit dem Textdichter Lorenzo Da Ponte schrieb, setzten sich "Die Hochzeit des Figaro" (1786) und "Don Giovanni" (1787) schnell durch, während "Così fan tutte" (1790) fast anderthalb Jahrhunderte warten mußte. Dann erst wurde das Werk im Repertoire der Musiktheater heimisch. Dies lag nicht an der Musik, die sich auf der Höhe der absoluten Meisterschaft der letzten Schaffensjahre des Komponisten bewegt. Abgelehnt wurde vielmehr die Handlung. Man empfand es als unmoralisch, daß zwei Liebespaare über Kreuz die Partner wechseln. Nichtsdestoweniger versuchte man, das Werk zu "retten", als sich Mozarts Ruhm seit Beginn des 19. Jahrhunderts immer weiter ausbreitete. Kaum eine Oper wurde so vielen Bearbeitungen des Textes unterworfen wie "Così fan tutte". Es wurde sogar versucht, neue Handlungen zu unterlegen, z.B. die der "Dame Kobold" von Calderon. Man glaubte, Mozarts Musik gegen den Text in Schutz nehmen zu müssen.
Erst der große Dirigent Hermann Levi, der auch eine Übersetzung ins Deutsche beisteuerte, leitete den heute üblichen Brauch von Aufführungen in der Originalfassung ein. Gustav Mahler (1907), Richard Strauss (1910) folgten und in neuerer Zeit Clemens Krauss und Karl Böhm wie auch andere.
Diese sich über ein Jahrhundert hinziehende Ablehnung stellt allerdings auch eine Beziehung zwischen Werk und Gesellschaft dar. Eine Interaktion zwischen beiden war da in Gang gekommen. Man kann - wie meist geschehen - diese negativ bewerten, indem man ein moralinsaures, spießbürgerliches Publikum denunziert. Man könnte aber auch vermuten, daß ein bereits vor der Französischen Revolution erwachtes, ethisches Bewußtsein des Bürgertums sich zu Wort meldete, das nur irrtümlich glaubte, die Zügellosigkeit des Ancien régime, besonders des Adels, würde erneut vergnüglich in Szene gesetzt.
Die Unsicherheit des Umgangs mit dem Werk ist aber auch heute noch nicht ausgestanden, sondern hat sich auf die Regiepraxis übertragen und zu angestrengten bis zu aberwitzigen Interpretationen geführt. Die Oper erscheint vielen Theaterleuten (und nicht nur denen) als ein Werk, das nie Aktualität besaß, weil es anscheinend die großen gesellschaftlichen Umwälzungen der Zeit nicht zur Kenntnis nimmt, obgleich es während des Ausbruchs der großen Französischen Revolution entstand und die Handlung um 1780 angesiedelt ist.
Es war damit seinerzeit ein Gegenwartsstück. Aber man vermißt heute die vielen zeitkritischen Anspielungen wie sie sich in "Die Hochzeit des Figaro" oder auch "Don Giovanni" finden. Mozart und seinem Textdichter Da Ponte werden bei "Così fan tutte" der Rückzug ins Private unterstellt. Die ganze Oper wird nur als ein Spiel um die Erlebnisse zweier überspannter Liebespaare gesehen. In alle Richtungen wird die Ernsthaftigkeit oder Nichternsthaftigkeit der Liebenden ausgelotet, die da ohne Bezug zu einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, nur ihren Gefühlen oder den Irrtümern über diese Gefühle, leben. Für viele Interpreten handelt es sich um die Darstellung einer höchst fragwürdigen Liebe in bedenklicher Nähe zu primitivem Triebleben. Dem sind die Paare ausgeliefert und gelegentlich bewegen sie sich wie Marionetten an den Fäden einer für sie selbst nicht erkennbaren Macht. Charaktere werden ihnen nicht zugebilligt, was einen bedauerlichen Rückfall hinter "Figaros Hochzeit" und "Don Giovanni" bedeutet hätte.

Liebende zwischen Konvention und der Rousseauschen Natur.
Merkwürdigerweise ist unseres Wissens bis heute niemand darüber gestolpert, daß so eine Rücknahme für einen unerschrockenen Mann wie Da Ponte höchst unwahrscheinlich ist. Er gehörte wie Beaumarchais, Casanova oder auch der Opernkomponist Cimarosa ("Die heimliche Ehe", 1792) zu jenen unruhigen Geistern der Epoche, die zwar nicht die philosophischen Höhen der französischen Enzyklopädisten erklommen, die aber allem Schönen zugetan, aller Gewalt und Unfreiheit feind, Euopa durchstreiften. Gelegentlich wagten sie für die neuen Ideen hohe Einsätze. Auf jeden Fall bereiteten sie den Aufbruch in die neue Zeit vor. Da Ponte mußte schon im Uraufführungsjahr von "Così fan tutte" (1790) unfreiwillig das konservative Wien wieder verlassen. Nichts deutet darauf hin, daß er während der Arbeit am "Così-fan-tutte"-Text seine Gesinnung geändert hätte.

Dies wird duch einen Blick auf die Besetzungskonstellation der Oper bestätigt. Da besteht ein deutlicher Bezug zu Da Pontes Denken und sogar auf einer fast philosophischen Ebene, einer, die auf jeden Fall gesellschaftlich relevant ist. Träger der Handlung sind zwei Liebespaare: Ferrando (Tenor) und Dorabella (Alt) sowie Guglielmo (Bariton) und Fiordiligi (Sopran). Diese Stimmpaarung widerspricht dem Opernbrauch, der in der Regel Tenor und Sopran, Bariton und Alt verbindet.

Die beiden jungen Männer, Offiziere, schließen nun gegen einen zynischen Philosophen (er wird ausdrücklich als "alt" bezeichnet) eine törichte Wette auf die Treue ihrer Bräute ab. Die Wette verpflichtet jeden der beiden jungen Männer, der Braut des anderen den Hof zu machen und zu versuchen, sie in ihrer Treue wankend zu machen. Dieses Beginnen führt die Ereignisse nahezu an eine Katastrophe heran, die im allerletzten Augenblick durch eine hastige Rückkehr in die alten Bindungen vermieden wird.
Nun ereignet sich etwas Beachtliches: Die jungen Männer umwerben die jungen Frauen immer erfolgreicher, wodurch neue Paare entstehen. Das im musikalischen Sinne "falsche" Zusammengehen von Tenor mit Alt und Bariton mit Sopran wandelt sich in das "richtige" von Tenor mit Sopran, Bariton mit Alt.
Durch die Musik erfahren wir, daß die neuen Bindungen die richtigen sind, trotz des amoralischen Vorgangs des Wechsels. So erklärt sich auch Wahrhaftigkeit und Innigkeit der Musik, die sich zu einem oberflächlichen "Bäumchen-wechsel-dich-Spiel" einfach nicht fügt. Die Musik erklärt unmißverständlich, daß die neuen Bindungen die besseren sind, daß die Charaktere der Personen der neuen Paare überzeugender harmonieren.
(Daß die Figuren Charaktere haben, wurde bisher wegdiskutiert, da sie eine Interpretation als bloßes Spiel störten.) Diese musikalischen Fakten stehen zu Da Pontes Handlungskonzept in keinem Widerspruch, wie ein Blick auf dessen Anschauungen und Biographie zeigt. Er verlor seine Professur für Rhetorik und Musik am Priesterseminar von Portogruaro, weil er sich öffentlich zu Rousseau bekannte und wohl auch sein Leben nach dessen Gedanken und Ideen etwas zu frei gestaltete.
Seine Anschauungen sind ganz deutlich in seine Stückidee eingegangen. Anfangs sehen wir die jungen Paare in einer konventionellen, offenbar unnatürlichen, bürgerlichen Bindung. Die Musik bestätigt das, indem sie gelegentlich überzogene Gefühlswallungen der jungen Menschen zur Schau stellt. Dann befinden sie sich, als um die neuen Partnerschaften geworben wird, auf dem Wege zu neuen, freieren, unkonventionellen Bindungen, in denen auch die Charaktere besser zueinander passen. Die wahren Empfindungen in der Musik, die nun "richtige" Stimmzuordnung, sprechen es aus, daß diese Lösung die angemessenere wäre. Rousseaus "Zurück zur Natur!" steht über diesen Szenen. Am Schluß geht es dann aber wieder zurück in die Konvention. Die Musik kommentiert dies mit den aufgezeigten Mitteln. Die Zukunft erscheint ungewiß, trotz der Schlußmoral, daß der Mann glücklich sei, der das Gute mit dem Schlechten nähme.

Da Mozart und Da Ponte unter großem Zeitdruck arbeiteten, ist dieses Strukturschema nicht in jeder Einzelheit konsequent durchgeführt, aber im Großen und Ganzen stimmt es und wird durch den musikalischen Verlauf gedeckt. Sieht man so das Gesamtwerk, so schildert es einen nicht gelungenen Versuch, der Konvention zu entfliehen. Die Handlung erhält über alle Unwahrscheinlichkeiten hinweg innere Logik. Man wundert sich nicht mehr, warum man das Stück nicht als eigentlich "komisch" empfindet - von einzelnen Szenen abgesehen (es sei denn, man wäre schadenfroh).

Stoff - Handlung - Musik
Über Entstehung und Hintergründe der Oper ist wenig bekannt. Es heißt, Kaiser Joseph II. habe nach der erfolgreichen Wiederaufnahme der "Hochzeit des Figaro" die Anregung zu der Oper gegeben und dabei auf eine Affäre hingewiesen, die sich kurz vorher in Wien ereignet haben sollte.
Aber das Thema der Oper, eine Liebesprobe, ist ein uralter Komödienstoff, der sogar in den "Metamorphisen" von Ovid (43 v.Chr.-18 n.Chr.) schon auftaucht. Nur der Partnertausch scheint von Da Ponte erfunden zu sein.

Bereits am Ende des einleitenden Andante der Ouvertüre taucht das Motto der Oper auf, das Don Alfonso im zweiten Akt anstimmt: "Così fan tutte" = "So machen's alle". Dann eilt die Musik in wirbelndem Tempo weiter, auf die vielen Turbulenzen vorbereitend und nicht, ohne das Motto noch einma aufzunehmen.

I.Akt. In einem Kaffeehaus.

Die beiden verliebten Freunde Ferrando und Guglielmo, beide Offiziere, schwärmen von ihren Liebsten und deren Treue, was den Widerspruch ihres skeptischen Freundes Don Alfonso herausfordert, der den Frauen jegliche Treue abspricht. Man ereifert sich und schließt eine Wette ab: Don Alfonso behauptet, daß er die Untreue auch der Verlobten von Ferrando und Guglielmo beweisen würde, nur müßten sich diese streng an seine Weisungen halten. Die jungen Männer halten dagegen, ein Preis von hundert Zechinen wird ausgesetzt. Musikalisch enthält die Szene drei Terzette, in denen sich die Jungen etwas übertrieben mit ihren Gefühlen hervortun.
Garten über der Bucht von Neapel.
Wir lernen die beiden Damen kennen, um die es geht. Mit einem wunderschönen, von Liebe überfließenden Duett schildern sich die beiden Schwestern Fiordiligi und Dorabella gegenseitig die unüberbietbaren Vorzüge ihrer Verlobten. Da bringt Don Alfonso scheinheilig die Nachricht, daß die Offiziere ausrücken müßten. Kaum kann man sich in einem Quintett dem Abschiedsschmerz hingeben, da kommen auch die Soldaten, mit denen man fort muß. Mit einem traumhaft schönen Terzett winkt man den Davonziehenden nach. Mit zynischen Anmerkungen Alfonsos schließt die Szene.
Vornehmes Zimmer.
Despina, die Kammerzofe der beiden Schwestern, schlürft deren Kakao und stellt dabei Betrachtungen über das Los von Zofen an. Als die Schwestern verzweifelt hereinstürzen, gibt sie den Rat, sich anderweitig zu trösten. Don Alfonso kommt mit den beiden Freunden, die abenteuerlich verkleidet und mit Bärten ausgestattet sind, damit sie von den Schwestern nicht erkannt werden, denen sie nun auf Alfonsos Geheiß über Kreuz den Hof machen müssen. Don Alfonso kann gerade noch Despina einweihen und mit einer Geldbörse zum Mitmachen bestechen.
Die jungen Männer bestürmen nun die Mädchen, werden aber abgewiesen, was den beglückten Ferrando zu der innigen Arie "Der Odem der Liebe..." ("Un'aura amorosa") veranlaßt.

Ziergarten.
In einem lieblichen Duett geben sich die Schwestern ihrer Traurigkeit hin, da wanken Ferrando und Guglielmo herein. Angeblich mit Arsen vergiftet, müßten sie ohne schnelle Hilfe sterben. Ein Arzt - die verkleidete Despina - ist auch sofort zur Stelle und heilt mit gewaltigem Brimborium und einem riesigen Magneten in einer komischen Buffo-Szene die "Todgeweihten".
Wenn auch der Plan der beiden jungen Männer, die Mädchen durch Mitleid zu erweichen, nicht ganz aufgeht, Wirkung haben sie doch erzielt.

II. Akt. Vornehmes Zimmer.
Fiordiligi und Dorabella sind doch so beeindruckt, daß sie den frivolen Vorschlägen Despinas (Arie: "Schon ein Mädchen mit fünfzehn Jahren") doch Gehör schenken und "nur zum Spaß" die beiden Männer unter sich verteilen.
Garten am Meer. In einem Boot bringen die beiden Liebhaber ihren Angebeteten ein Ständchen. Doch als sie an Land kommen, sind alle vier so schüchtern, daß Don Alfonso und Despina stellvertretend nachhelfen. Bis auf Guglielmo und Dorabella verlieren sich die anderen zwischen Blumen und Gebüschen. Dorabella gibt Guglielmos Werben nach und schenkt dem neuen Liebsten das Bild ihres Verlobten
Vornehmes Zimmer.
Ferrando hat es nicht so leicht, Fiordiligis Herz zu gewinnen. Erst als er droht, sich ein Messer in die Brust zu stoßen, gibt sie ihren Widerstand auf. Guglielmo hat die Szene beobachtet und ist verzweifelt. Don Alfonso hat dafür seine Art von Trost !"So machen's alle"! = "Così fan tutte!"

Festlich erleuchteter Saal.
Schließlich hat man sich so in die neuen Verbindungen hineingelebt - nur Guglielmo grummelt noch etwas - daß man beschließt, zu heiraten. Despina fungiert - wieder grotesk verkleidet - nochmals in einer Buffo-Szene, nun aber als Notar, der die Ehe vollzieht. Die ganze übrige Hochzeitsmusik ist aber so bezaubernd, so ehrlich, so anrührend, daß man angesichts des heranrückenden
"guten" Endes, das die Rousseausche Maxime umkehrt in ein "Zurück zur Konvention", Beklemmungen bekommt: Der Chor des zurückkehrenden Regiments erklingt, Ferrando und Guglielmo schlüpfen wieder in ihre Uniformen (fast möchte man sagen: in ihre alten Rollen). Alles wird aufgedeckt: Empörung und Verzweiflung bei allen Beteiligten, dann versöhnt man sich: Verstand und Konvention haben Gefühl und Natur besiegt.


Quelle Datum Copyright
Wolfgang Rostock 01.06.2001 Volksbühne Bremen

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