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VB-ARCHIV
TEXTE, EINFÜHRUNGEN DER VOLKSBÜHNE BREMEN


27.12.2006

CABARET

Musical Comedy in zwei Akten (20 Bildern)
Buch von Joe Masteroff
Gesangstexte von Fred Ebb (Deutsch von Robert Gilbert)
Musik von John Kander

Personen:
Der Conférencier – Sally Bowles, Nachtclubsängerin
Clifford Bradshaw, amerikanischer Schriftsteller
Ernst Ludwig, Schmuggler, später Nazi
Fräulein Schneider, Pensionswirtin
Fräulein Kost, Pensionsgast
Herr Schultz, jüdischer Obsthändler
Max, Boß des "Kit-Kat-Club"
Telefonmädchen im Nachtclub
ein Oberkellner - 6 "Kit-Kat-Club"-Girls - eine Damenkapelle
ein Taxichauffeur - ein Zollbeamter.
Besucher und Angestellte des Clubs - Gäste der Verlobungsfeier
Kellner - Berliner und Berlinerinnen.

Ort und Zeit:

Berlin, Anfang der 30er Jahre. Vergessene Quellen - Entstehung - Musik
In nicht allzuferner Vergangenheit las man in der Regel erst ein Buch oder sah ein Theaterstück, ehe es einem auf der Leinwand begegnete. Da hatte es der Film dann manchmal schwer, sich gegen das Bild durchzusetzen, das in unserem Kopf verankert war. Heute erleben wir gelegentlich die umgekehrte Reihenfolge: Ein Film präsentiert uns eine Geschichte, einen Stoff und prägt unsere innere Vorstellung davon. Treffen wir anschließend auf das Original als Buch oder Theaterstück, so hat es (in unserer saloppen Umgangssprache) "schlechte Karten".
Oder wer von uns - bei jüngerem Publikum trifft das noch mehr zu - könnte nach einem Besuch des Films oder Musicals "My Fair Lady" überhaupt noch die Hauptschlager aus Ohr und Kopf verdrängen, wenn er anschließend in eine Aufführung des Originals, der glänzend geschriebenen Komödie "Pygmalion" von George Bernard Shaw (1856-1950) geriete.
Es bedürfte unter Umständen einer ziemlichen geistigen Anstrengung, um die Qualitäten von Shaws Meisterwerk zu erkennen.

Auch unser Musical "Cabaret" von l966 ist den Problemen so einer Rückkoppelung ausgesetzt: Wer von uns hätte nicht schon den tollen Film mit Liza Minnelli gesehen? Und wer von uns - Hand aufs Herz - wäre nicht befremdet, wenn er bei einem Theaterbesuch im Musical auf der Bühnedie weltbekannten Songs "Mein Herr, may be" oder gar "Money, money, money" vermissen müßte? Und doch gehören diese beiden Songs nicht in das Musical, sondern wurden erst für den Film nachgeschrieben und nachkomponiert!
Aber keine Angst: eben weil diese Songs so berühmt und bekannt wurden, hat man die Rechte für Theateraufführungen freigegeben und die Bühnen fügen diese Songs denn meistens auch ein.

Mit der Erwähnung dieser vielleicht verblüffenden Tatsachen befinden wir uns mitten in der Entstehungsgeschichte des Musicals "Cabaret". Ahnlich wie eben geschildert, ist hierzu beobachten, wie bedeutende Quellen vergessen werden: Da sind zum einen die "Berliner Stories" (1946) von Christopher Isherwood (d.i. Christopher William Bradshaw-Isherwood ) und zum anderen vor allem das Schauspiel "I Am a Camera" (1951) von John William van Druten. (Dessen Theaterstück "Lied der Taube" wurde auf deutschen Bühnen nach dem Kriege viel gespielt und ist noch manchem von uns begegnet.
"I Am a Camera" kommt mit sieben Rollen aus und spielt in nur einer Dekoration, in Fräulein Schneiders Wohnung. Gleichwohl wurde das Stück mit 262 En-suite-Vorstellungen eine erfolgreiche Broadwayinszenierung. Joe Masteroff, der das Textbuch unseres Musicals gestaltete, brachte die Welt des Cabarets, die im Schauspiel nur den unsichtbaren Hintergrund des Geschehens abgibt, direkt auf die Bühne.
Einfallsreich bediente er sich dabei eines Kunstgriffs, der entscheidend auf die Dramaturgie des Stückes einwirkt und für einen zügigen und abwechslungsreichen Handlungsablauf sorgt: Der Conférencier führt nicht nur durch das Geschehen und kommentiert es, sondern er bezieht auch das Publikum mit ein, so daß eine kunstvolle Mischung aus Entertainment und Theateraufführung entsteht. In manchen Aufführungen wird diese Einbeziehung des Publikums durch eine mit Spiegeln ausgestattete Dekoration gestützt, in der sich die Zuschauer als gewissermaßen Mitwirkende wahrnehmen können. Dabei bleibt offen, in welche Zeitebene sie sich eingebunden fühlen: in die Gegenwart, die sie gerade durchleben oder in die Zeit des Endes der Weimarer Republik, also heutiges Theaterpublikum oder damalige Night-Club-Gäste.
Wegen dieser Kunstmittel und des geradezu filmischen Wechsels der Schauplätze sowie der Postierung von Musikern auf der Bühne wird "Cabaret" zu recht oft als New Musical bezeichnet. Neu war auch, was zur Zeit der Uraufführung 1966 gerade in die Kunstform des Musicals eingebracht wurde: In der "West-Side-Story" (l957) von Bernstein und im "Fiddler on the Roof" (l964) von Bock gab es nicht nur heitere Szenenfolgen, sondern es wurden auch makabre, ja blutige Auseinandersetzungen vorgeführt und Intoleranz wurde dargestellt, die schließlich zu Verfolgung und anderen grausamen Ereignissen führt. Hiermit wurden dem Musical grundsätzlich neue Dimensionen eröffnet.


Dieses Umfeld und diese Ausgangssituation nutzten nicht nur der Verfasser des Textbuches, Joe Masteroff, sondern auch derKomponist John Kander (geb. l927) und sein Texter der Songs Fred Ebb (geb. 1932) geschickt und kunstvoll aus. Ebb und Kander studierten beide in New York an der Columbia University. Kander war dann als Repetitor und Dirigent, Ebb als Texter für Night-Club-Stars tätig. Zusammen haben sie erfolgreich z.B. für Barbra Streisand, Liza Minnelli und andere gearbeitet. Als gut aufeinander eingestimmtes Team gelang es ihnen, die Atmosphäre des Berliner Nachtlebens von l929 sehr gut wiederzugeben. Darüberhinaus nahmen sie mit großem Kunstverstand Anregungen auf, die ihnen glückliche Umstände bescherten. Dadurch konnten sie sich dem hohen kulturellen Niveau des Berlins der 20er Jahre annähern.

Die große Brecht-Darstellerin Lotte Lenya (erste Jenny in Weills "Dreigroschenoper" wie auch erste Jenny in dessen "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" spielte das Fräulein Schneider in "Life is a Cabaret", wie die erste Fassung von "Cabaret" hieß. Lotte Lenya war aber nicht nur eine bekannte Schauspielerin, sondern auch die Ehefrau von Kurt Weill. Das mag mit dazu beigetragen haben, daß Kander sich an Weills Stil anlehnte. Da Weills Instrumentation gewisse Affinitäten zum Jazz der 20er Jahre hat, erreichte Kander nicht nur ein nahezu authentisches Colorit, sondern darüberhinaus gleichzeitig den Anschluß an die damalige fortschrittliche, höchsten Ansprüchen genügende Musikszene Berlins.

Handlung und
Gesangsnummern

Wie bei den meisten jener musikalischen Bühnenwerke, in denen style='mso-font-width: gesprochener Text die Handlung weiterführt, ist auch das Geschehen von "Cabaret" leicht zu verfolgen. Nur die Abfolge von 20 Szenen könnte etwas Verwirrung stiften. Deshalb geben wir einen kurzgefaßten Abriß, der die szenische Struktur darlegt, so daß alle Zusammenhänge leicht zu verstehen sind.

1. Akt.1. Bild: Cabaret.

Mit einem anreisserischen Opening führt der Conferencier in die Welt des "Kit-Kat-Club" und bezieht gleichzeitig das Publikum im Zuschauerraum mit ein: "Willkommen! Bienvenue! Welcome!"

2.Bild: Ein Eisenbahnabteil.

Cliff (Clifford) Bradshaw, ein amerikanischer Schriftsteller, fährt nach Berlin, um für einen Gegenwartsroman zu recherchieren. Mit ihm im Abteil reist der später nazistisch orientierte Ernst Ludwig.
Der ist professioneller Schmuggler und lanciert ein Bündel mit Geldscheinen in Cliffs Koffer und damit an der Zollkontrolle vorbei. Immerhin vermittelt er Cliff die Adresse einer preiswerten Pension.

3. Bild: Fräulein Schneiders Pension.

Nach einem kurzen Handel um die Höhe der Miete zieht Cliff ein: " Na und?" Es ist Silvesterabend.

4. Bild: Cabaret.

Cliff kommt gerade noch rechtzeitig, um die englische Nachtclubsängerin Sally Bowles und die "Kit-Kat-Club"-Girls mit ihrer Nummer "Mama darf nichts wissen" zu erleben. Sally ruft Cliff über das Tischtelefon an und setzt sich zu ihm: "Hallo, warum sind Sie so allein?"

5. Bild: Cliffs Zimmer bei Fräulein Schneider.


Cliff gibt Ernst Ludwig Englisch-Unterricht. Da platzt Sally herein: Der Nachtclub-Chef Max hat sie rausgeschmissen, weil sie sich Cliff zu intensiv gewidmet hat. Da bringt schon ein Taxichauffeur ihr Gepäck und ehe sich's Cliff versieht, hat sie sich bei ihm eingerichtet und schwärmt von einer wundervollen Zukunft: "Einmalig himmlisch".

6. Bild: Cabaret.


Der Conferencier brilliert mit seiner großen Nummer:"Zwei Ladies".


7. Bild: Wohnzimmer bei Fräulein Schneider.

Fräulein Schneider weist ihren Pensionsgast Fräulein Kost wegen zu häufigerMännerbesuche zurecht. Sie selbst läßt sich aber gern von dem wohlhabenden,jüdischen Gemüsehändler Schultz umwerben: "Nichts wäre mir so lieb".

8. Bild: Eine Wendeltreppe .

Die Kellner des "Kit-Kat-Club" singen eine Art Volkslied, das sich auf makabre Art durch Akzentverschiebungen in einen nazistischen Marsch verwandelt:"Der morgige Tag ist mein!"

9. Bild: Cliffs Zimmer.

Cliff ist mit Sally g lücklich und träumt vor sich hin: Wer will schon wach sein. Da Sally von ihm ein Kind erwartet und er Geld braucht, nimmt er von Ernst Ludwig einen bedenklichen Job an: Devisenschmuggel.

10. Bild: Cabaret.

Auch im "Kit-Kat-Club" ist Geld das große Thema. Der Conférencier gibt den berühmten Money-Song zum Besten.

11. Bild: Fräulein Schneiders Wohnzimmer .

Als sich Gemüsehändler Schultz aus der Pension schleichen will, und von Fräulein Kost dabei ertappt wird, verkündet er unerwartet, daß er Fräulein Schneider heiraten wolle. Beide schwärmen:"Heirat".

12. Bild: Verlobung in Herrn Schultz' Gemüseladen

Auf dem turbulenten Fest will Ernst Ludwig - inzwischen Nazi - Cliff dessen Schmuggellohn zustecken. Sally nimmt den Scheck an, als Cliff sich weigert. Angeheitert gibt sich Herr Schultz als Jude zu erkennen: "Miesnick". Die Reaktionen sind geteilt. Im Finale dominiert schließlich Ernst Ludwig mit seinen Kumpanen: "Der morgige Tag ist mein!"

II Akt. 1.Bild: "Cabaret".

Band und Girls des Clubs glänzen mit einer großen Tanznummer, die in einen Marsch im Stechschritt übergeht.

2. Bild: Der Gemüseladen von Herrn Schultz.

Fräulein Schneider fürchtet sich vor einer nazistischen Zukunft. Schultz sucht sie zu trösten, indem er ihren Song "Heirat" wieder singt. Da fliegt der erste Stein durch die Scheibe.

3.Bild: Cabaret.

Die Grenzen des guten Geschmacks sind für den Conférencier relativ. Er führt sein "Mädchen", einen Gorilla, vor: "Säht ihr sie mit meinen Augen..."

4. Bild: Cliffs Zimmer.

Fräulein Schneider bringt Cliff und Sally deren Verlobungs­ geschenk zurück. Sie wagt es nicht mehr, einen Juden zu heiraten: "Wie geht's weiter?" - Cliff ist entsetzt und beschwört Sally, mit ihm nach Amerika zu gehen. Aber sie will hier eine große Karriere machen.

5. Bild: Cabaret.

Cliff folgt Sally in den "Kit-Kat-Club", um sie zum Mitgehen zu bewegen.Der Streit weitet sich aus, und Cliff wird von Ernst Ludwig und seinen Spießgesellen zusammengeschlagen. Trotzdem ist Sally weiter der Welt des Nachtclubs verfallen wie sie in ihrem großen Song "Cabaret" kund gibt.

6. Bild: Cliffs Zimmer.

Verzweifelt hat Cliff begonnen, seine Sachen zu packen. Als die zurückkehrende Sally gesteht,ihren Pelzmantel verkauft zu haben, um ihr gemeinsames Kind abzutreiben, verliert Cliff die Fassung und ohrfeigt sie. Er legt ihr eine Fahrkarte auf den Tisch, in der Hoffnung, daß sie nachkäme und eilt zum Zug.

7. Bild: Ein Eisenbahnabteil.

Cliff ist allein geblieben. Durch seine angeschlagene Seele geistern die Stimmen von Fräulein Schneider, Herrn Schultz und all den anderen. Für das Publikum verdichten sich Musik und Geschehen
zum Schlußbild: Cabaret mit dem großen Ensemble-Finale, in dessen Zentrum Sally und der Conferencier stehen. - Ein Werk ist zu Ende, das unterhaltsam und anrührend ein ernstes Thema.

W.R.<


Quelle Datum Copyright
Wolfgang Rostock 01.11.2001 Volksbühne Bremen

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