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VB-ARCHIV
TEXTE, EINFÜHRUNGEN DER VOLKSBÜHNE BREMEN ![]() 27.12.2006 |
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Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny ...eine Einführung in das Stück Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny Oper in drei Akten Musik von Kurt Weil Text von Bertolt Brecht
Personen: (Die beigefügten deutschen Namen wurden bei der Uraufführung verwendet.) Leokadja Begbick (Alt/Mezzosopran) - Willy/Fatty, der "Prokurist" (Tenor) - Dreieinigkeitsmoses/Virginia-Moses (Bariton) - Jenny Hill/Jenny Smith (Sopran) - Tobby Higgins (Tenor) - Die Freunde: Paul Ackermann/Jim Mahonney (Tenor); Jakob Schmidt/Jack O'Brien (Tenor), Heinrich Merg/ Bill, genannt "Sparbüchsenbill" (Bariton); Joseph Lettner/Joe, genannt Alaskawolf-Joe (Baß) - Sechs Mädchen von Mahagonny (Sopran, Alt) –Die Männer von Mahagonny. Leute mit Koffern - fliehende Menschen - Verwundete. Ort und Zeit: Die Stadt Mahagonny – Gegenwart (Uraufführungszeit um 1930) Brecht und Weill - keine hölzerne Partnerschaft Ob Bert Brecht an das edle Gehölz Mahagoni (Swieteria mahagoni) dachte, als er 1923 seinen Begriff "Mahagonny" erfand, mit dem er spießiges, kleinbürgerliches Denken bedachte, wenn er gefährliches, politisches Nachtwächtertum aufs Korn nahm, mag dahin- gestellt bleiben. Möglich ist es immerhin, denn zu einen waren noble Hölzer ja in jenen Gesellschaftsschichten, "Klassen", bevorzugt zu finden, die Brecht attackierte, zum anderen liebte er es, Gedanken an Konkretes zu binden, damit sie in die Realität träten und deutlich würden. Und tatsächlich zeichnen sich hinter den "Mahagonny"-Songs in der "Hauspostille" von 1927 die Umrisse einer großen Stadt ab, nämlich die Umrisse Berlins. In unserer Oper schließlich ist Mahagonny ein greifbares, großes Sünden-Babel geworden mit allen Lastern, die Brecht als Folgen einer fehlgeleiteten sozialen Entwicklung zu erkennen meint. Daß uns nun aber diese Stadt Mahagonny und ihr "Aufstieg" und Fall" so blutvoll und so lebensnah entgegentritt, ist nicht nur dem Dichter, sondern auch dem Komponisten zu verdanken. Es war ein Glücksfall, daß sich beide Männer Ende der Zwanziger Jahre begegneten. Etwa gleichaltrig, in ihren politischen Anschauungen weitgehend übereinstimmend, verabredeten sie sich, eine Oper, nämlich "Mahagonny", zu schreiben. Schon im gleichen Sommer erhielt - unabhängig davon - Weill den Auftrag, für das Musikfest Baden-Baden eine einaktige Oper zu komponieren (wie gleichzeitig Hindemith, Milhaud, Toch). Noch ganz auf die Opernidee mit Brecht fixiert und unter Zeitdruck stehend, wählte Weill aus der schon erwähnten "Hauspostille" einige "Mahagonny" Gesänge aus, ließ von Brecht einen Schlußgesang schreiben und machte aus dem allen eine Art szenische Kantate. Diese erlebte unter dem Titel "Mahagonny. Ein Songspiel" am 17. Juli 1927 eine tumultuarische Uraufführung. Ehe nun aber aus dem Songspiel die große Oper wurde, entstand mit Brecht zusammen zuvor noch "Die Dreigroschenoper" 1928) und die Bühnenmusik zu "Happy End". Schon vor der Begegnung mit Brecht hatte Kurt Weiil Opern geschrieben. Den dabei eingeschlagenen Weg ging er nun konsequent weiter auf ein modernes Musiktheater zu. Obgleich er bei so bedeutenden Meistern der Generation vor ihm studiert hatte wie Engelbert Humperdinck ("Hänsel und Gretel", 1893) und Feruccio Busoni, ließ er sich aber nicht von zurückliegenden Traditionen einfangen, sondern er schrieb eine atemberaubend fortschrittliche Musik, von der nichtsdestoweniger vieles volkstümlich wurde, was leider nicht vielen Opernkomponisten des 20. Jahrhunderts gelang. Vielleicht kann man - um einen heutigen Begriff zu verwenden - in der Musik Weills so etwas wie ein frühes "crossover" vermuten, denn trotz aller formalen Meisterschaft erreicht er fast immer Ohr und Gemüt des Hörers, jedenfalls heute. Zur Zeit der Uraufführung allerdings war die Oper erst einmal schockierend. Die Hörgewohnheiten waren noch zu weit von den neuen Klängen entfernt. Dann muß man auch noch bedenken, daß es nicht nur diese neuen Tonwelten waren, die auf die damaligen Theaterbesucher einstürmten, sondern sie wurden auch mit einem amoralischen Bühnengeschehen konfrontiert, dessen pädagogische Absichten sie auf Anhieb und ohne Einführung und Vorbereitung nicht zu verstehen vermochten. Sogar Otto Klemperer, der damalige musikalische Leiter der Krolloper der seinerzeit eigentlich vor nichts noch so Modernem zurückschreckte, überließ die Uraufführung dem Leipziger Opernhaus, wo es dann zu einem - allerdings von den Nazis mitgeschürten - Skandal kam. Aber trotz weiterer wilder Nazi-Demonstrationen kam es zu immer mehr Aufführungen in Braunschweig, Kasse, Prag, Frankfurt am Main und 1931 in Berlin, wo das Werk mit über 50 Aufführungen einen in damaligen Zeiten einzigartigen Triumph für eine moderne Oper feiern konnte. Brecht hatte zwar an der Ausgestaltung zur dreiaktigen Oper mitgearbeitet, aber seine Blickrichtung war doch eine etwas andere als die des Vollblutmusikers Weil). Mag auch sein, daß der große Egozentriker viel zu sehr daran gewöhnt war, daß man sich ihm unterordnete, so daß er sich in eine umgekehrte Situation nur schwer hineinfinden konnte. Jedenfalls begannen hier die Wege der beiden Männer auseinanderzugehen, auch wenn beide noch gemeinsam die Schuloper "Der Ja-Sager" (1932) und das Ballett mit Gesang "Die sieben Todsünden" (1933) herausbrachten. Heute ist zu beobachten, daß mit wenigen Ausnahmen das Interesse an Bert Brechts Werken ganz langsam, aber unaufhaltsam schwindet, während die Musik von Kurt Weill, den man früher mehr oder weniger nur als einen der Komponisten Brechts sah, immer mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht. Zu ihrer Zeit war die Partnerschaft zwischen Brecht und Weill jedoch höchst lebendig und nicht hölzern wie die durch Klangähnlichkeit hervorgerufene Assoziation Mahagoni Mahagonny heraufbeschwören könnte. Musik und Handlung. Weill instrumentierte alle Musiknummern, die er in die Oper übernahm, für großes Orchester neu. Dabei wurden die Besetzung und die verschiedenen Instrumente in ihrer Gewichtung genau gegeneinander abgewogen, um moderne Klangwirkungen zu erzielen. Zeitgemäße rhytmische Formen, zum Teil vom Jazz übernommen, treiben nun mit aggressiven Songsätzen die Handlung vorwärts. Erklingt in Puccinis "Madame Butterfly" (1904) nur einmal ein Foxtrott, so werden solche und andere zeitgenössische Tanzformen wie auch Blues als durchgängiges Stilmittel eingesetzt. I. Akt. Witwe Leokadja Begbick, Fatty, der Prokurist und Dreieinigkeitsmoses, alle drei steckbrieflich gesucht, sind vor der Polizei auf der Flucht. Da hat ihr Auto eine Panne. Unbeeindruckt bringt Leokadja die anderen dazu, auf der Stelle "Mahagonny" zu gründen, eine Netzestadt, in deren Netzen sich alle möglichen Leute fangen sollen, vor allen Dingen aber Männer aus den in der Nahe liegenden Goldgräberstätten. Denen soll das Geld aus der Tasche gezogen werden. Die Stadt, in der alles erlaubt ist, blüht schnell auf. "Die ersten Haifische siedeln sich an"; unter ihnen Jenny mit ihren sechs Mädchen, die mit dem berühmten Alabama-Song auftreten: "Oh show us the way to the next whisky bar". Die Gründung der Stadt spricht sich herum, zu den Unzufriedenen, die ankommen, gehören auch die Holzfäller Jim, Jack, Bill und Joe aus Alaska. Leokadja setzt zur Begrüßung die Preise herab und führt den vieren die Mädchen vor. Jim entscheidet sich für Jenny. Aber "Dieses Mahagonny ist kein Geschäft geworden" klagen die Gründer der Netzestadt. Doch sie können nicht zurück, denn dort, wo sie herkommen, werden sie von der Polizei gesucht. Auch Jim wird unzufrieden, sein Geld, das er in Alaska gemacht hatte, ist er los, und er langweilt sich. Zwischen den Männern aus Alaska und Mahagonny kommt es zu Reibereien, ein Aufruhr liegt in der Luft. Plötzlich gehen alle Lichter aus. Ein Hurrikan nähert sich der Stadt, schon sind die Nachbarstädte zerstört. Wahrend alle voller Todesangst dem Untergang der Stadt entgegensehen, glaubt Jim "die Gesetze der menschlichen Glückseligkeit" gefunden zu haben. Alle sollen von jetzt an tun, was verboten ist, "denn wie man sich bettet, so liegt man". Über diesen schlagerhaften Song hinaus ist das Finale des Aktes mit kompositorischer Meisterschaft gestaltet. Eine große vom Orchester gespielte Fuge steht symbolhaft für die sich verdichtende Atmosphäre und das Herannahen des vernichtenden Hurrikans. II. Akt. Der Hurrikan zerstört eine weitere Stadt in der Nähe und muß gleich da sein, doch da biegt er ab. Von nun an soll alles erlaubt sein. Dadurch entwickelt sich eine negative Gegenwelt zu einer normalen Gesellschaft: Humanität gibt es nicht in dieser von kriminellen gegründeten Stadt, Liebe ist käuflich, Freundschaft fällt dem Eigennutz zum Opfer. "Erst kommt das Fressen und das Saufen, dann die Moral", heizt der Chor das widerliche Treiben immer wieder an. Fressen, Huren, Boxen, Saufen bestimmen das Leben der Leute von Mahagonny. Jack ist dessen erstes Opfer, er frißt sich tot. - Dann wird Jims Freund Alaskawolf-Joe von Dreieinigskeitsmoses beim Boxen erschlagen, ohne daß sich jemand darum kümmert. Jim, der alles auf Joe verwettet hat, lädt trotzdem zu einem großen Saufgelage ein. Ein Billardtisch wird zum Schiff umgebaut, das Jim, Bill und Jenny besteigen. Nach der Fahrt auf dem Meer des Alkohols und der Phantasie soll Jim bezahlen. Als Jim die Rechnung präsentiert wird, ist er abgebrannt, und die Begbick laßt ihn ohne Federlesens einsperren, denn nicht bezahlen können ist eines der größten Verbrechen in der Netzestadt. III. Akt. Jim ängstigt sich vor dem Gericht. Die Verhandlung versinkt in tumultuarischen Szenen. Die Begbick sitzt auf dem Richterstuhl, Fatty ist Verteidiger. Tobby Higgins wird wegen Mordes vorgeführt. Da er aber das Gericht besticht, wird er freigesprochen. Jim, der nichts mehr besitzt, wird folgerichtig verurteilt- Wegen indirekten Mordes an seinem Freund Joe zu zwei Tagen Haft, wegen Ruhestörung zu zwei Jahren Ehrverlust, wegen Verführung zu vier Jahren Zuchthaus, wegen Zechprellerei aber zum Tode, denn kein Geld zu haben, ist das größte Verbrechen. Es gibt auch keine Berufung, wie Dreieinigkeitsmoses im "Spiel von Gott in Mahogonny" klarmacht. Das Gebot der Nächstenliebe ist hinfällig, der Teufel schreckt nicht, denn die Hölle ist bereits auf Erden. Jim und Jenny müssen Abschied nehmen. Ihr Kranich-Duett gehört zu den schönsten poetischen Momenten des Werkes. Sechs konzertierende Blasinstrumente und ein Kontrabaß werden der Situation mit geradezu archaischen Mitteln gerecht. Wegen der großen Teuerung wollen nun viele weg aus der Stadt. Aber die bessere Stadt Benares ist durch ein Erdbeben verwüstet worden. Begbick läßt die Hinrichtung Jims beginnen. Große Umzüge und Demonstrationen, ein beginnendes Chaos, zeigen den bevorstehenden Untergang der Stadt an. Protestierend ziehen die Leute von Mahagonny durch die Straßen. Jenny fährt eine Gruppe von Mädchen an, Bill kommt mit einem Haufen von Männern. Sogar die Begbick und Fatty führen Gruppen an. Die Mädchen tragen Jims Hemd, Spruchbänder und Tafeln werden getragen mit dem fatalen Resümée: "Können uns und euch und niemand helfen." Diese abschließende Massenszene ist wiederum mit höchstem kompositorischem Können gestaltet. Die Gesänge der verschiedenen Gruppen sind kunstvoll gegeneinander geführt, rhythmische Strukturen überlagern sich, die Tonalität wird geradezu genial in der Schwebe gehalten. Aber kein Hörer bleibt gewissermaßen draußen vor der Tür stehen, jeder kann das musikalische und damit szenische Geschehen aufnehmen, so wie es bei einem guten Musiktheater eben sein soll.
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